Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aufmerksamkeit in Wellen: Erfolgreich Zuhören im Rhythmus der Sprache

22.03.2016

Neurowissenschaftler aus Lübeck und Leipzig untersuchen die Rolle der Alpha-Aktivität im Gehirn für unsere Aufmerksamkeitssteuerung - Testpersonen gesucht

Häufig fällt es uns schwer, aufmerksam zuzuhören - vor allem, wenn gleichzeitig störende Hintergrundgeräusche und Gespräche auf uns einströmen. Forscher an der Universität zu Lübeck und am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben nun herausgefunden, was den Erfolg beim Zuhören bestimmt: Je stärker die sogenannten Alpha-Wellen unseres Gehirns im Rhythmus der Sprache schwingen, desto größer unser Hör-Erfolg.


Richten Zuhörer ihre Aufmerksamkeit nach links, so steigt die Alpha-Aktivität in der linken Hirnhälfte und fällt in der rechten

(Abb.: Wöstmann et al.)


Aufmerksamkeit lässt den Unterschied der Alpha-Aktivität zwischen den Hirnhälften rhythmisch pendeln

(Abb.: Wöstmann et al.)

Eine Durchsage am Bahnsteig, das Quietschen des einfahrenden Zuges, die Gesprächsfetzen umgebender Passanten: In den meisten Alltagssituationen sind wir unzähligen Höreindrücken ausgesetzt, von denen jedoch nur wenige für uns von Bedeutung sind. Richten wir in solchen Momenten unsere Aufmerksamkeit nur auf eine Geräuschquelle, so hilft uns das, die bedeutende Information zu beachten und den Rest auszublenden.

Eng verknüpft mit solchen Aufmerksamkeitsprozessen sind die Alpha-Wellen, deren Stärke uns die Höranstrengung des Zuhörers anzeigen. Wie uns die Modulation dieser Wellen im Gehirn ermöglicht, trotz Ablenkung zuzuhören, haben nun Neurowissenschaftler der Forschungsgruppe Auditive Kognition an der Universität zu Lübeck und am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersucht.

„Die Größe der Alpha-Wellen erhöht sich jeweils auf der Seite im Gehirn, auf der das zu hören ist, was wir als wichtig erachten“, erklärt Studienleiter Dr. Malte Wöstmann. „Der Unterschied im Ausschlag der Alpha-Wellen zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte verrät also, ob ein Zuhörer die Aufmerksamkeit nach links oder rechts richtet.“

Dabei tritt der Unterschied der Alpha-Aktivität zwischen den Hirnhälften keineswegs konstant während der wichtigen und unwichtigen Höreindrücke auf. Vielmehr verändert sich die Alpha-Aktivität im Rhythmus der Sprache, der wir lauschen wollen. Jedes gesprochene Wort im Gehirn löst zunächst die zu erwartende „Antwort“ in der Hörrinde aus. Dieser folgt dann, rund eine halbe Sekunde später, ein starker Unterschied der Alpha-Aktivität zwischen den Hirnhälften.

„Unser Gehirn pendelt also in schwierigen Hörsituationen rhythmisch zwischen zwei Zuständen – der Verarbeitung der akustischen Information einerseits und der selektiven Aufmerksamkeit andererseits“, so Prof. Dr. Jonas Obleser, Leiter der Forschungsgruppe Auditive Kognition.

Das Interessante dabei: Diese Schwankungen der Alpha-Wellen treten nicht nur in den bereits lange bekannten Aufmerksamkeitsarealen im Scheitellappen des Großhirns auf, sondern auch direkt in der Hörrinde, die die akustischen Reize verarbeitet.

Was dieses rhythmische Pendeln der Alpha-Aktivität wiederum für das Zuhören bedeutet, untersuchten die Wissenschaftler anhand einer schwierigen Hörsituation: Sie spielten ihren Versuchspersonen über einen Kopfhörer gleichzeitig jeweils unterschiedliche Zahlen auf dem linken und rechten Ohr vor. Ein Piepton auf einem Ohr zu Beginn jedes Durchgangs signalisierte den Versuchspersonen, auf welche Seite sie ihre Aufmerksamkeit richten sollten. Dabei stellte sich heraus, dass der Hörerfolg einer Person umso größer war, sie also umso mehr Zahlen richtig wiedergab, je besser sich die Alpha-Aktivität ihres Gehirns im Rhythmus der gesprochenen Sprache veränderte.

Untersucht haben die Wissenschaftler diese Zusammenhänge mit Hilfe der Magnetenzephalografie. Damit lassen sich winzige Spannungsänderungen an der Kopfoberfläche ableiten, sodass die Hirnströme und ihre charakteristischen Alpha-Wellen sichtbar gemacht werden können.

„Wir wollen nun herauszufinden, wie es sich mit diesen Hirnprozessen bei Personen im mittleren und höheren Lebensalter verhält, wenn die Probleme in schwierigen Hörsituationen bekanntlich vermehrt auftreten“, so Obleser über eine seiner zukünftigen Studien..

Originalpublikation:
Wöstmann M, Herrmann B, Maess B & Obleser J (2016) Spatiotemporal dynamics of auditory attention synchronize with speech. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS). DOI 10.1073/pnas.1523357113

Sie möchten unsere Forschung unterstützten? Wir suchen Teilnehmer und Teilnehmerinnen für unsere Studien!
In den Experimenten unserer Arbeitsgruppe bearbeiten Sie als Testperson abwechslungsreiche Höraufgaben und erproben dabei Ihr eigenes Hörvermögen. Besonders freuen wir uns über Interessierte im Alter von 40 bis 70 Jahren. Alle Untersuchungen finden auf dem Campus der Universität zu Lübeck statt. Es wird eine Aufwandsentschädigung gezahlt. Bei Interesse freuen wir uns über Ihren unverbindlichen Anruf (0451 /3101-3626) oder eine E-Mail (hoeren@uni-luebeck.de). Gerne stehen wir Ihnen auch für weitere Fragen zur Verfügung.

Rüdiger Labahn | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-luebeck.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Grundlagen der Blockchain-Technologie in der Energiewirtschaft
27.07.2018 | Forschungsstelle für Energiewirtschaft e.V.

nachricht Studie zu Werkstoffprüfung: Schäden in nichtmagnetischem Stahl mit Magnetismus aufspüren
23.07.2018 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics