Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen

19.01.2017

Die Suche nach neuen Erfahrungen treibt Jugendliche an: Jugendliche ignorieren eher Informationen, die sie dazu bringen könnten, riskante Entscheidungen zu überdenken. Damit lässt sich möglicherweise erklären, warum Informationskampagnen – etwa zu Drogenmissbrauch – oft begrenzte Wirkung haben. Das legt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nahe, die in der Fachzeitschrift Scientific Reports erschienen ist.

Rücksichtsloses Fahrverhalten, Komasaufen oder Drogenkonsum – Jugendliche neigen  nachgewiesenermaßen stärker zu impulsivem und risikoreichem Verhalten als Erwachsene. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung liefert weitere Hinweise, um riskante Entscheidungen von Jugendlichen besser zu verstehen.

Sie zeigt, dass Jugendliche im Vergleich zu Kindern und Erwachsenen weniger Interesse an Informationen haben, die ihnen helfen würden, die Risiken ihres Verhaltens besser einzuschätzen. Sie haben eine geringere Motivation, sich zu informieren und geben sich mit weniger Wissen zufrieden. „Das liegt nicht daran, dass sie kognitiv nicht in der Lage sind, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Sie wollen schlicht neue Erfahrungen machen und probieren sich aus“, kommentiert Erstautor Wouter van den Bos, Wissenschaftler am Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Bisherige Studien haben eine begrenzte Aussagekraft in Bezug auf echtes Risikoverhalten. In den dazu durchgeführten Laborexperimenten lagen den Studienteilnehmern oftmals alle zur Entscheidungsfindung notwendigen Informationen vor. Wenn Jugendliche ihr Glück herausfordern, indem sie mit Drogen experimentieren oder ungeschützten Sex haben, haben sie aber möglicherweise nur eine vage Vorstellung von den Konsequenzen ihres Handelns und den Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens.

Dabei hätten sie häufig die Möglichkeit, sich zu informieren, bevor sie eine Entscheidung treffen. Das heißt, erst abzuwägen, dann zu handeln. „Wir haben den Probanden deshalb erstmals Aufgaben gestellt, bei denen sie weitere Informationen einholen konnten, um Unsicherheiten zu verringern“, so van den Bos weiter.

Im Rahmen der Studie nahmen 105 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 8 und 22 Jahren an verschiedenen Glückspielen teil, bei denen ein bestimmter Geldbetrag gewonnen werden konnte. Sie hatten entweder vollständige Informationen über die Höhe des Gewinns und seine Eintrittswahrscheinlichkeit (Entscheidung unter Risiko), oder sie kannten die Höhe des Gewinns, hatten aber unvollständige Informationen über die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens (Entscheidung bei Uneindeutigkeit bzw. Ambiguität), oder ihnen war die Höhe des Gewinns wie seine Eintrittswahrscheinlichkeit unbekannt und sie hatten die Möglichkeit, weitere Informationen einzuholen (Entscheidung bei Unsicherheit). Daneben wurden die Teilnehmer zu ihrem persönlichen Risikoverhalten befragt.

Es zeigte sich, dass Jugendliche es eher akzeptieren, keine eindeutige Vorstellung über die Wahrscheinlichkeit möglicher Ereignisse zu haben und auch bei extremer Unsicherheit weniger nach Informationen suchen. Diese Toleranz des Ungewissen erreicht seinen Höhepunkt im Alter von 13 bis 15 Jahren. Im Gegensatz zu den Entscheidungen, bei denen alle Informationen vorlagen, stimmte das Risikoverhalten der Jugendlichen bei Uneindeutigkeit (Ambiguität) und Unsicherheit mit ihrem selbst eingeschätzten Risikoverhalten überein.

Die Ergebnisse der Studie könnten auch erklären, warum Informationskampagnen, die Jugendliche über bestimmte Risiken aufklären sollen – wie beispielsweise Drogenmissbrauch – oft ins Leere laufen. Selbst wenn Jugendlichen Informationen leicht zugänglich sind, zeigen sie nur eine geringe Motivation, sich mit diesen zu beschäftigen. „Diese Erkenntnis müsste in die Konzeption von Interventionen miteinfließen, wenn man Jugendliche wirklich erreichen möchte“, sagt Ko-Autor Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs „Adaptive Rationalität“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Erfolgversprechender als Informationskampagnen könnte zum Beispiel sein, Jugendlichen die Konsequenzen ihres riskanten Verhaltens in einer virtuellen Umgebung konkret erfahrbar zu machen“, so Hertwig weiter.


Originalstudie
van den Bos, W., & Hertwig, R. (in press). Adolescents display distinctive tolerance to ambiguity and to uncertainty during risky decision making. Scientific Reports. http://dx.doi.org/10.1038/srep40962

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Weitere Informationen:

https://www.mpib-berlin.mpg.de/de/presse/2017/01/ab-ins-ungewisse-ueber-das-risi...

Kerstin Skork | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Internationale Studie: Wie lässt sich Gletscherschmelze genauer vorhersagen?
09.07.2020 | Universität Bremen

nachricht Erste Ergebnisse der Aerosol-Studie mit dem Chor des BR zu Corona-Ansteckungsrisiken beim Singen liegen vor
03.07.2020 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektrische Spannung aus Elektronenspin – Batterie der Zukunft?

Forschern der Technischen Universität Ilmenau ist es gelungen, sich den Eigendrehimpuls von Elektronen – den sogenannten Elektronenspin, kurz: Spin – zunutze zu machen, um elektrische Spannung zu erzeugen. Noch sind die gemessenen Spannungen winzig klein, doch hoffen die Wissenschaftler, auf der Basis ihrer Arbeiten hochleistungsfähige Batterien der Zukunft möglich zu machen. Die Forschungsarbeiten des Teams um Prof. Christian Cierpka und Prof. Jörg Schumacher vom Institut für Thermo- und Fluiddynamik wurden soeben im renommierten Journal Physical Review Applied veröffentlicht.

Laptop- und Handyspeicher der neuesten Generation nutzen Erkenntnisse eines der jüngsten Forschungsgebiete der Nanoelektronik: der Spintronik. Die heutige...

Im Focus: Neue Erkenntnisse über Flüssigkeiten, die ohne Widerstand fließen

Verlustfreie Stromleitung bei Raumtemperatur? Ein Material, das diese Eigenschaft aufweist, also bei Raumtemperatur supraleitend ist, könnte die Energieversorgung revolutionieren. Wissenschaftlern vom Exzellenzcluster „CUI: Advanced Imaging of Matter“ an der Universität Hamburg ist es nun erstmals gelungen, starke Hinweise auf Suprafluidität in einer zweidimensionalen Gaswolke zu beobachten. Sie berichten im renommierten Magazin „Science“ über ihre Experimente, in denen zentrale Aspekte der Supraleitung in einem Modellsystem untersucht werden können.

Es gibt Dinge, die eigentlich nicht passieren sollten. So kann z. B. Wasser nicht durch die Glaswand von einem Glas in ein anderes fließen. Erstaunlicherweise...

Im Focus: The spin state story: Observation of the quantum spin liquid state in novel material

New insight into the spin behavior in an exotic state of matter puts us closer to next-generation spintronic devices

Aside from the deep understanding of the natural world that quantum physics theory offers, scientists worldwide are working tirelessly to bring forth a...

Im Focus: Im Takt der Atome: Göttinger Physiker nutzen Schwingungen von Atomen zur Kontrolle eines Phasenübergangs

Chemische Reaktionen mit kurzen Lichtblitzen filmen und steuern – dieses Ziel liegt dem Forschungsfeld der „Femtochemie“ zugrunde. Mit Hilfe mehrerer aufeinanderfolgender Laserpulse sollen dabei atomare Bindungen punktgenau angeregt und nach Wunsch aufgespalten werden. Bisher konnte dies für ausgewählte Moleküle realisiert werden. Forschern der Universität Göttingen und des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen ist es nun gelungen, dieses Prinzip auf einen Festkörper zu übertragen und dessen Kristallstruktur an der Oberfläche zu kontrollieren. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Das Team um Jan Gerrit Horstmann und Prof. Dr. Claus Ropers bedampfte hierfür einen Silizium-Kristall mit einer hauchdünnen Lage Indium und kühlte den Kristall...

Im Focus: Neue Methode führt zehnmal schneller zum Corona-Testergebnis

Forschende der Universität Bielefeld stellen beschleunigtes Verfahren vor

Einen Test auf SARS-CoV-2 durchzuführen und auszuwerten dauert aktuell mehr als zwei Stunden – und so kann ein Labor pro Tag nur eine sehr begrenzte Zahl von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Intensiv- und Notfallmedizin: „Virtueller DIVI-Kongress ist ein Novum für 6.000 Teilnehmer“

08.07.2020 | Veranstaltungen

Größte nationale Tagung für Nuklearmedizin

07.07.2020 | Veranstaltungen

Corona-Apps gegen COVID-19: Nationalakademie Leopoldina veranstaltet internationales virtuelles Podiumsgespräch

07.07.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erster Test für neues Roboter-Umweltmonitoring-System der TU Bergakademie Freiberg

10.07.2020 | Informationstechnologie

Binnenschifffahrt soll revolutioniert werden: Erst ferngesteuert, dann selbstfahrend

10.07.2020 | Verkehr Logistik

Robuste Hochleistungs-Datenspeicher durch magnetische Anisotropie

10.07.2020 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics