Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue ISO-Toleranznormung zur eindeutigen Bauteilbeschreibung

11.09.2015

Von Prof. Dr. em. Bernd Klein, Kassel

Unbemerkt von vielen Unternehmen ist in den letzten Jahren die Geometrische Produktspezifizierung (GPS) zur Definition von Werkstückgeometrien und Werkstückeigenschaften umgesetzt worden. Dies hat gerade in letzter Zeit zu erheblichen Normenanpassungen und formalen Neuerungen geführt, die nunmehr verbindlich geworden sind für die Erstellung rechtskonformer Fertigungsunterlagen.


Abb. 1: Bemaßtes und toleriertes Werkstück gemäß GPS

Festgeschrieben wurde auch der Grundsatz der bestimmenden Zeichnung und das Endgültigkeitsprinzip. Es gilt somit vertraglich stets nur die Normauslegung und nicht mögliche Interpretationen aus der Industriepraxis. Dies bedingt, dass sich die Verantwortlichen in den Unternehmen aktiv mit der aktuellen Normenlage auseinandersetzen müssen.

Stand der Technik

Eine Produktentwicklung besteht aus kreativen und formalen Phasen, die bekanntlich etwa 70 % der Herstellkosten von vornherein festlegen. Insbesondere bedarf eine wirtschaftliche Fertigung formal richtiger Zeichnungen. Hierzu gehört eine eindeutige Darstellung, die Vergabe von Längenmaßen und Toleranzen sowie die Festlegung von Oberflächengüten. Zeichnungen beinhalten somit das spezielle Produkt-know-how eines Unternehmens.

Ausgelöst durch die Möglichkeiten des CAD, der CNC-Fertigung und der digitalen Messtechnik wurde das übergeordnete System der Geometrischen Produkt-spezifizierung (s. DINV ENV13005 bzw. ISO 17450) geschaffen, welches höchst-mögliche Exaktheit in der Geometriebeschreibung verlangt. Gleichzeitig verdeutlicht das GPS-System auch die Stufen der Produktrealisierung und die somit erforderlichen Umsetzungsstufen.

Um im Stadium der Realisierung eine Entscheidung über die Qualitätsgerechtheit eines Werkstückes treffen zu können, bedarf es zunächst der Vereinbarung eines Tolerierungsgrundsatzes. Nach dem zu Beginn des Jahres 2012 der nationale deutsche Grundsatz des Hüllprinzips (alte DIN 7167) für ungültig erklärt wurde, gilt national und international das Unabhängigkeitsprinzip (s. ISO 8015:2011).

Dies besagt, dass jede an einem Werkstück angetragene Toleranz unabhängig ist und somit getrennt nachgewiesen werden muss, falls nicht eine besondere Beziehung über eine Materialbedingung (ISO 2692:2014) gewünscht wird. Hiervon betroffen sind Maßtoleranzen und deren zusammen wirken mit Form- und Lagetoleranzen (s. ISO 1101:2014).

Gleichzeitig wurde der Komplex der Maßtoleranzen mit der ISO 14405 neu geregelt. Grundsätzlich muss heute bei der Werkstücktolerierung in Größenmaße (ISO 14405-1:2010) und Nicht-Größenmaße (ISO 14405-2:2012) unterschieden werden. Dies war notwendig, da bisher in der Normung nicht geregelt war, wie und wo ein Zweipunkt-Maß für einen messtechnischen Nachweis abzugreifen ist. Die meisten Maßangaben können nämlich nicht eindeutig nachgewiesen werden und sind insofern tatsächlich interpretierbar.

Nur Größenmaße (Durchmesserangaben, Weiten und Breiten, oder Kegel- bzw. Keilwinkel) dürfen noch mit Plus-Minus-Toleranzen versehen werden und sind mittels einer Zweipunktmessung (gegenüberliegende Punkte) nachzuweisen. Hierunter fallen jetzt auch Maße die mit einer ISO-Codeangabe (z.B. H7) ausgewiesen sind. Falls eine Passfunktion zu erfüllen ist, muss zusätzlich zum ISO-Code eine Hüllemittels der Zusatzangabe Envelope (E) extra vereinbart werden, diese ist dann mit einer Lehrung verbunden.

Hiervon abzugrenzen sind Nicht-Größenmaße (lineare oder winklige Mittenabstände, Stufenmaße, Radien und Maße zur Festlegung von unregelmäßigen Profilformen), welche durch geometrische Toleranzen einzugrenzen sind.

Der Komplex der geometrischen Toleranzen (ISO 1101:2014) für die 2D- und 3D-Tolerierung ist in 15 Toleranzarten unterteilt, welche die Abweichungen von Geometrieelementen (d.h. von ihrer Form, Richtung, Ort und Lauf) beschreiben. Form- und Lagetoleranzen fallen in die Gruppe der Zufallsabweichungen, sie sind insofern nicht verhinderbar, sondern treten bei jedem Fertigungsverfahren mehr oder weniger ausgeprägt auf.

Der messtechnische Nachweis hat nach der sogenannten Minimumbedingung zu erfolgen. Diese definiert, dass die kleinste erfasste Soll-Ist-Abweichung als Vergleichsnormal heranzuziehen ist. Wenn diese Abweichung größer als die vorgegebene Toleranz ist, ist das Werkstück zu verwerfen.

Für die Entscheidung ob ein Werkstück letztlich zeichnungsgerecht hergestellt wurde, ist der Zusammenhang zwischen der dimensionellen und geometrischen Toleranz entscheidend. Das zuvor erwähnte Unabhängigkeitsprinzip lässt insofern zu, dass ein Werkstück sein Maximum-Material-Maß einnehmen kann und gleich-zeitig noch seine Form- und Lagetoleranz voll ausschöpfen darf.

Die massliche Situation stellt sich insofern anders da, als beim bekannten Hüllprinzip, welches bisher in Deutschland gebräuchlich war. Falls aus funktionellen Gründen dennoch eine Hülle benötigt wird, lässt sich diese über die neue ISO 14405-1vereinbaren. Eine Hülle kann hiernach aber nur bei zylindrischen Geometrieelementen bei zwei gegenüberliegenden parallelen Flächen gebildet werden, die gewöhnlich für eine Passfunktion erfüllen sollen.

Um auch hier Einfluss auf die Kosten nehmen zu können, kann sinnvoll noch die Maximum-Material-Bedingung (Μ) genutzt werden. Diese lässt ein Überschreit einer Form- und Lagetoleranz zu, um den Betrag der nicht ausgenutzten Maßtoleranz.

Dieser kurze Einblick in das neue System der Maß- und Geometrietolerierung, soll letztlich dazu motivieren, dass sich die Verantwortlichen in den Unternehmen mit dieser Thematik auseinandersetzen, da Toleranzen einen weiten Einfluss haben auf die Funktionalität, Kosten und Qualität. In einer Untersuchung wurde festgestellt, dass sich mittels einer toleranzgerechten Werkstückbeschreibung die reinen Fertigungskosten um etwa 7 bis 10 % reduzieren lassen. Dieses Potenzial sollte nicht ungenutzt bleiben.

Einzelheiten und Anwendung werden in der HDT- Veranstaltung mit Professor Dr. em Bernd Klein „Neue ISO – Toleranznormen zur eindeutigen Bauteilbeschreibung“ in einem Ein-Tages-Kompaktseminar am 16. März 2016 im Haus der Technik - Berlin - Alexanderplatz näher erläutert und diskutiert.

Details und Anmeldung finden Interessierte unter http://www.hdt-essen.de/Toleranzmanagement_Seminar_W-H130-10-115-5

Heike Cramer-Jekosch | Haus der Technik e.V.

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Seminare Workshops:

nachricht 15. Workshop Digital Broadcasting: Synergien zwischen Digitalem Rundfunk und Mobilfunk nutzen
02.10.2018 | Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT

nachricht Spintronics und Neuromorphics: Experten diskutieren drängende Fragestellungen
02.10.2018 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Seminare Workshops >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hoch hinaus mit VCSEL-Heizung

Additive Fertigungsverfahren sind stark im Kommen, das schnelle Wachstum der Messe formnext ist ein klares Indiz dafür. Auf der formnext 2018 zeigt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT ein neues Verfahren, bei dem das Bauteil im Pulverbett mit Laserdioden erhitzt wird. Dadurch tritt weniger Verzug auf, höhere Teile lassen sich generieren und neue Werkstoffe werden möglich.

In nur drei Jahren hat sich die formnext als Branchentreffpunkt für Additive Verfahren etabliert. Mit zuletzt 470 Ausstellern und knapp 22 000 Besuchern ist...

Im Focus: Flying High with VCSEL Heating

Additive manufacturing processes are booming, with the rapid growth of the formnext trade fair a clear indication of this. At formnext 2018, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be showing a new process in which the component in the powder bed is heated with laser diodes. As a result, distortion can be reduced, taller parts generated and new materials used.

In just three years, formnext has established itself as the industry meeting place to get the latest on additive manufacturing (AM) processes. With 470...

Im Focus: Durchbruch in der Quantenphysik: Reaktion von Quantenfluid auf Fotoanregung gelöster Teilchen

Forscher der TU Graz beschreiben in Nature Communications den Prozess, der innerhalb einer Billionstel Sekunde in einem suprafluiden Heliumtröpfchen abläuft, wenn in dessen Inneren ein Atom fotodynamisch angeregt wird.

Markus Koch, Associate Professor am Institut für Experimentalphysik der TU Graz, konzentriert sich in seiner Forschungsarbeit auf Prozesse in Molekülen und...

Im Focus: Breakthrough in quantum physics: Reaction of quantum fluid to photoexcitation of dissolved particles

Researchers from Graz University of Technology have described for the first time the dynamics which takes place within a trillionth of a second after photoexcitation of a single atom inside a superfluid helium nanodroplet.

In his research, Markus Koch, Associate Professor at the Institute of Experimental Physics of Graz University of Technology (TU Graz), concentrates on...

Im Focus: Chemiker der TU Dresden entwickeln hochporöses Material, wertvoller als Diamanten

Weltrekord der Hohlräume

Porosität ist der Schlüssel zu Hochleistungsmaterialien für Energiespeicher, Umwelttechnologien oder Katalysatoren: Je „löchriger“ ein Festkörper, umso mehr...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

HR 2018 oder Was bewegt derzeit die Personalabteilung?

05.10.2018 | Veranstaltungen

Fachkonferenz "Automatisiertes und autonomes Fahren"

25.09.2018 | Veranstaltungen

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Sensoren des Jenaer Leibniz-IPHT auf Asteroiden im Einsatz

08.10.2018 | Physik Astronomie

EmmA unterstützt bei psychischer Belastung am Arbeitsplatz

08.10.2018 | Informationstechnologie

Neuer Strahlungsgürtel um Saturn entdeckt

05.10.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics