Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Reibung in der Nano-Welt - Physiker entdecken neue Art der Reibung

15.05.2013
Ob Fahrzeuggetriebe, künstliches Hüftgelenk oder winzige Sensoren für das Auslösen von Airbags: Die jeweiligen Einzelteile müssen reibungsarm gegeneinander gleiten, um Energieverlust und Materialverschleiß zu verhindern.

Bei der Untersuchung des Reibungsverhaltens Nanometer kleiner Systeme fanden Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) jetzt eine bislang unbekannte Art der Reibung, die neues Licht auf einige bisher unerklärliche Phänomene wirft.


Eine Polymerkette wird mit der AFM-Spitze über die Oberfläche gezogen - Bild: B. Balzer/TUM

Reibung ist ein allgegenwärtiges aber lästiges physikalisches Phänomen: Sie verursacht Verschleiß und Energieverlust sowohl in Motoren als auch in unseren Gelenken. Auf der Suche nach reibungsarmen Komponenten für immer kleiner werdende Bauteile entdeckten Physiker um die Professoren Thorsten Hugel und Alexander Holleitner nun eine bisher unbekannte Art der Reibung, die „Desorptionshaftung“.

In verschiedenen Lösungsmitteln untersuchten die Forscher wie und warum Polymermoleküle auf bestimmten Oberflächen haften oder gleiten. Ihr Ziel war es, grundlegende physikalische Gesetzmäßigkeiten auf der molekularen Skala zu verstehen, um gezielt reibungsmindernde Oberflächen und passende Schmiermittel entwickeln zu können.

Für ihre Studien befestigten die Wissenschaftler das Ende eines Polymermoleküls an der Nanometer feinen Spitze eines hochempfindlichen Rasterkraftmikroskops (AFM). Während sie es über die Testoberflächen zogen, maß das AFM die daraus resultierenden Kräfte, aus denen die Forscher direkt das Verhalten des Polymerknäuels ableiten konnten.

Neuer Reibungsmechanismus entdeckt
Bei den meisten Versuchen traten die beiden erwarteten Reibungsmechanismen Haften und Gleiten auf. Bei bestimmten Kombinationen von Polymer, Lösungsmittel und Oberfläche jedoch verhielt sich das System anders.

„Das Polymer haftet dabei zwar an der Oberfläche, aber der Polymerstrang kann ohne nennenswerte Kraft aus dem Knäuel in die umgebende Lösung gezogen werden“, beschreibt der Experimentalphysiker Thorsten Hugel dieses Verhalten. „Die Ursache ist vermutlich eine sehr geringe interne Reibung innerhalb des Polymerknäuels“.

Das Lösungsmittel ist der Schlüssel
Erstaunlicher Weise hängt die Desorptionshaftreibung weder von der Geschwindigkeit, noch von der Auflagefläche des Polymers oder von der Haftkraft des Polymers ab. Entscheidend sind stattdessen vor allem die chemische Natur der Oberfläche und die Qualität des Lösungsmittels. So zeigt zum Beispiel das hydrophobe Polystyrol, in Chloroform gelöst, ein reines Gleitverhalten, in Wasser aber Desorptionshaftung.

„Das durch unsere Messungen der Einzelmolekülreibung gewonnene Verständnis eröffnet neue Wege zur Reibungsminimierung“, sagt Alexander Holleitner. „In Zukunft könnten mit gezielt hergestellten Polymeren neue Oberflächen speziell für den Nano- und Mikrometer Bereich entwickelt werden“.

Die Arbeit wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den Exzellenzcluster Nanosystems Initiative München (NIM) unterstützt.

Publikation:
Reibungsmechanismen auf der Nanoskala an Fest-flüssig-Grenzflächen
Bizan N. Balzer, Dr. Markus Gallei, Moritz V. Hauf, Markus Stallhofer, Lorenz Wiegleb, Prof. Dr. Alexander Holleitner, Prof. Dr. Matthias Rehahn and Prof. Dr. Thorsten Hugel

Angewandte Chemie, early view, 7. Mai 2013; DOI: 10.1002/ange.201301255

Kontakt:

Prof. Dr. Thorsten Hugel

Technische Universität München

Physik-Department / IMETUM

Boltzmannstr. 11, 85747 Garching, Germany
Tel.: +49 89 289 12884
E-Mail: thorsten.hugel@ph.tum.de
Internet: http://bio.ph.tum.de/home/e22-prof-dr-hugel/


Die Technische Universität München (TUM) ist mit rund 500 Professorinnen und Professoren, 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 32.000 Studierenden eine der führenden technischen Universitäten Europas. Ihre Schwerpunktfelder sind die Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften, Medizin und Wirtschaftswissenschaften. Nach zahlreichen Auszeichnungen wurde sie 2006 und 2012 vom Wissenschaftsrat und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Exzellenzuniversität gewählt. In nationalen und internationalen Vergleichsstudien rangiert die TUM jeweils unter den besten Universitäten Deutschlands. Die TUM ist dem Leitbild einer forschungsstarken, unternehmerischen Universität verpflichtet. Weltweit ist die TUM mit einem Forschungscampus in Singapur sowie Niederlassungen in Peking (China), Brüssel (Belgien), Kairo (Ägypten) und Sao Paulo (Brasilien) vertreten. www.tum.de

Prof. Dr. Thorsten Hugel | Technische Universität München
Weitere Informationen:
http://www.tum.de

Weitere Berichte zu: Energieverlust Lösungsmittel Nano-Welt Nanometer Physik Polymere Polymerknäuels Reibung TUM

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik
20.07.2018 | Technische Universität Berlin

nachricht Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT
18.07.2018 | ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics