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Längste Mikrowellen-Quantenverbindung

06.03.2020

ETH-Physiker haben die mit fünf Metern bisher längste Mikrowellen-Quantenverbindung demonstriert. Sie eignet sich sowohl für zukünftige Quantencomputer-Netzwerke als auch für Experimente der quantenphysikalischen Grundlagenforschung.

Zusammenarbeit ist alles – auch in der Quantenwelt. Um in Zukunft leistungsfähige Quantencomputer bauen zu können, wird es nötig sein, mehrere kleinere Quantenrechner zu einer Art Cluster oder lokalem Netzwerk (LAN) zusammenzuschliessen.


Die ETH-​Quantenverbindung. Das Rohr in der Mitte enthält den stark gekühlten Wellenleiter, der mittels Mikrowellen-​Photonen die beiden Quanten-​Chips in ihren Kryostaten verbindet.

ETH Zürich / Departement Physik / Heidi Hostettler

Da solche Rechner mit quantenmechanischen Überlagerungszuständen arbeiten, welche die logischen Werte «0» und «1» gleichzeitig enthalten, sollten die Verbindungen zwischen ihnen ebenfalls «Quanten-Verbindungen» sein. Die mit fünf Metern bisher längste auf Mikrowellen basierende Quantenverbindung steht nun seit Kurzem im Labor von Andreas Wallraff, Professor am Quantum Device Lab der ETH Zürich.

In diesen Tagen stellten die Forscher ihre Ergebnisse auf dem Jahrestreffen der American Physical Society in Denver vor.

Wichtig für künftige Quanten-LANs

«Das ist schon ein Meilenstein für uns», erklärt Wallraff, «denn damit können wir zeigen, dass Quanten-LAN prinzipiell möglich sind. In den nächsten 10 bis 20 Jahren werden Quantencomputer darauf wohl zunehmend angewiesen sein.»

Derzeit gibt es zwar Computer mit einigen Dutzend Quanten-Bits oder Qubits, aber mehrere Tausend davon lassen sich in den bestehenden Apparaturen kaum unterbringen. Das liegt unter anderem daran, dass auf supraleitenden elektrischen Schwingkreisen basierende Qubits, wie sie in den Quanten-Chips in Wallraffs Labor (und auch von IBM und Google) benutzt werden, auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt von -273,15 Grad Celsius abgekühlt werden müssen.

Dadurch werden thermische Störungen unterdrückt, die dazu führen würden, dass die Quantenzustände ihren Überlagerungscharakter verlieren – dies wird als Dekohärenz bezeichnet – und damit Fehler in den Quantenrechnungen auftreten.

Extreme Kälte gegen Dekohärenz

«Die Herausforderung war nun, zwei solche supraleitenden Quanten-Chips über mehrere Meter so zu verbinden, dass Überlagerungszustände zwischen ihnen mit möglichst geringer Dekohärenz ausgetauscht werden können», sagt Philipp Kurpiers, ein ehemaliger Doktorand in Wallraffs Arbeitsgruppe.

Dies geschieht in Form von Mikrowellen-Photonen, die von einem supraleitenden Schwingkreis ausgesandt und von einem anderen empfangen werden. Dazwischen fliegen sie durch einen Wellenleiter, also einen wenige Zentimeter breiten Hohlraum aus Metall, der ebenfalls stark abgekühlt werden muss, damit die Quantenzustände der Photonen nicht beeinflusst werden.

Jeder der beiden Quanten-Chips wird dabei in einem Kryostaten (einem extrem leistungsfähigen Kühlschrank) mit Hilfe von flüssigem Helium über mehrere Tage auf wenige Hundertstel Grad über dem absoluten Nullpunkt abgekühlt.

Der fünf Meter lange Wellenleiter, der die Quantenverbindung herstellt, wurde dazu mit einer Ummantelung aus mehreren Lagen Kupferblech versehen. Jede dieser Lagen dient als Wärme-Schutzschild für die verschiedenen Temperaturstufen des Kryostaten: -223 Grad, -269 Grad, -272 Grad und schliesslich – 273,1 Grad. Insgesamt wiegen alleine diese Wärmeschilde knapp eine Tonne.

Kein «Table Top»-Experiment

«Dies ist also eindeutig kein ‹Table Top›-Experiment mehr, das man auf einer kleinen Werkbank aufbauen kann», sagt Wallraff. «Da steckt viel Entwicklungsarbeit drin, und die ETH ist ein idealer Ort, um eine so anspruchsvolle Apparatur zu bauen.

Es ist so etwas wie ein Mini-Cern, dass wir erst über Jahre bauen mussten, um nun endlich interessante Sachen damit zu tun». Ausser den drei Doktoranden, die die Experiment ausführten, waren auch mehrere Techniker in den Werkstätten der ETH und des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) am Aufbau der Quantenverbindung beteiligt.

Verschränkungszustände und Bell-Tests

Die ETH-Physiker konnten nicht nur zeigen, dass die Quantenverbindung ausreichend abgekühlt werden kann, sondern auch, dass sich mit ihr tatsächlich Quanteninformation zwischen zwei Quanten-Chips zuverlässig übertragen lässt.

Dazu stellen sie über die Quantenverbindung einen Verschränkungszustand zwischen den beiden Chips her. Solche Verschränkungszustände, bei denen eine Messung an einem Qubit augenblicklich das Messergebnis an einem anderen Qubit beeinflusst, eignen sich auch für Tests der quantenmechanischen Grundlagenforschung.

Bei solchen «Bell-Tests» müssen die Qubits ausreichend weit voneinander entfernt sein, damit jegliche Informationsübertragung mit Lichtgeschwindigkeit ausgeschlossen werden kann. Die fünf Meter Abstand der ETH-Quantenverbindung ermöglichen solche Messungen.

Während Wallraff und seine Mitarbeiter Quantenexperimente mit der neuen Verbindung durchführen, haben sie schon mit der Arbeit an noch längeren Quantenverbindungen begonnen. Bereits vor einem Jahr konnten sie eine zehn Meter lange Verbindung ausreichend abkühlen, ohne allerdings Quantenexperimente damit zu machen. Nun arbeiten sie an einer 30-Meter-Quantenverbindung, für die eigens ein Raum in Wallraffs Institut hergerichtet wurde.

Originalpublikation:

https://virtualmarchmeeting.com/presentations/experimental-study-of-an-elementar...

Weitere Informationen:

https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2020/03/laengste-mikro...

Hochschulkommunikation | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

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