Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dem Rätsel der Materie auf der Spur

28.02.2020

Forschende am Paul Scherrer Institut PSI haben eine Eigenschaft des Neutrons so genau wie noch nie vermessen. Dabei fanden sie heraus, dass das Elementarteilchen ein deutlich kleineres elektrisches Dipolmoment hat als bisher angenommen. Damit ist es auch unwahrscheinlicher geworden, dass eben dieses Dipolmoment helfen kann, die Herkunft der gesamten, heute im Universum existierenden Materie zu erklären. Dieses Ergebnis erzielten die Forschenden mithilfe der Quelle für ultrakalte Neutronen des PSI. Sie veröffentlichen es heute im Fachblatt Physical Review Letters.

Beim Urknall entstand sowohl die Materie des Universums als auch die sogenannte Antimaterie – so zumindest die gängige Theorie. Da sich die beiden allerdings gegenseitig auslöschen, muss ein Überschuss an Materie entstanden sein, der bis heute übrig blieb. Die Ursache für diesen Materie-Überschuss ist eines der grossen Rätsel der Physik und Astronomie.


Die beiden Physiker Philipp Schmidt-Wellenburg und Georg Bison, Wissenschaftler am Labor für Teilchenphysik des PSI

Foto: Paul Scherrer Institut/Mahir Dzambegovic

Einen Hinweis auf das dahinterliegende Phänomen hoffen Forschende unter anderem mithilfe von Neutronen zu finden, den elektrisch ungeladenen Elementarbausteinen der Atome. Die Vermutung: Hätte das Neutron ein sogenanntes elektrisches Dipolmoment (kurz: nEDM) mit einem messbaren Betrag ungleich null, könnte dahinter das gleiche physikalische Prinzip stecken, das auch den Überhang an Materie nach dem Urknall erklären würde.

50'000 Messungen

Die Suche nach dem nEDM lässt sich alltagssprachlich ausdrücken als die Frage, ob das Neutron ein elektrischer Kompass ist oder nicht. Schon lange ist klar, dass das Neutron ein magnetischer Kompass ist und auf ein Magnetfeld reagiert, oder im Fachjargon: ein magnetisches Dipolmoment hat.

Sollte das Neutron zusätzlich auch ein elektrisches Dipolmoment haben, wäre dessen Wert sehr viel geringer – und daher ungleich schwieriger zu messen. Das haben bereits frühere Messungen anderer Forschungsgruppen ergeben. Daher mussten die Forschenden am PSI bei ihrer jetzigen Messung das lokale Magnetfeld mit hohem Aufwand sehr konstant halten.

Selbst jeder Lastwagen, der auf der Landstrasse neben dem PSI vorbeifuhr, störte das Magnetfeld in einer für dieses Experiment relevanten Grössenordnung und musste daher aus den Versuchsdaten herausgerechnet werden.

Auch die Anzahl der beobachteten Neutronen musste entsprechend gross sein, um eine Chance zu haben, ihr nEDM zu messen. Am PSI liefen die Messungen daher über einen Zeitraum von zwei Jahren. Vermessen wurden sogenannte ultrakalte Neutronen, also Neutronen mit vergleichsweise langsamer Geschwindigkeit.

Alle 300 Sekunden wurde für acht Sekunden ein Bündel mit über 10’000 Neutronen zum Experiment gelenkt und untersucht. Insgesamt vermassen die Forschenden 50'000 solcher Bündel.

«Das war selbst für das PSI mit seinen Grossforschungsanlagen eine ziemlich umfangreiche Studie», sagt Philipp Schmidt-Wellenburg, Forscher am nEDM-Projekt vonseiten des PSI. «Aber genau das ist heutzutage nötig, wenn wir nach Physik jenseits des Standardmodells suchen.»

Suche nach «neuer Physik»

Das neue Resultat hat ein Zusammenschluss von Forschenden an 18 Instituten und Hochschulen in Europa und den USA, darunter der ETH Zürich, Universität Bern und Universität Freiburg (Schweiz), ermittelt. Die Daten hatten sie an der Quelle für ultrakalte Neutronen des PSI gesammelt. Die Forschenden hatten dort über zwei Jahre hinweg Messdaten gewonnen, sie in zwei Teams sehr sorgfältig ausgewertet und dadurch ein genaueres Ergebnis als je zuvor erhalten.

Das nEDM-Forschungsprojekt ist Teil der Suche nach sogenannter «neuer Physik», die über das sogenannte Standard-Modell hinausgeht. Nach dieser wird auch an noch grösseren Anlagen wie dem Large Hadron Collider LHC des CERN gesucht.

«Die Forschung am CERN geht in die Breite und sucht allgemein nach neuen Teilchen und deren Eigenschaften», erläutert Schmidt-Wellenburg. «Wir dagegen gehen in die Tiefe, denn wir schauen lediglich eine Eigenschaft eines Teilchens an, des Neutrons. Dafür aber erreichen wir in diesem Detail eine Genauigkeit, die der LHC vielleicht erst in 100 Jahren erlangen würde.»

«Letztlich», so Georg Bison, der wie Schmidt-Wellenburg Forscher im Labor für Teilchenphysik am PSI ist, «zeigen verschiedene kosmologische Beobachtungen Abweichungen vom Standardmodell. Im Labor dagegen hat man sie noch nicht nachstellen können. Das ist eine der sehr grossen Fragen der modernen Physik und macht unsere Arbeit so spannend.»

Noch genauere Messungen geplant

Mit ihrem neuesten Experiment ist es den Forschenden nicht anders ergangen. «Auch unser jetziges Ergebnis hat einen Wert für nEDM ergeben, der zu klein ist, um ihn mit unseren bisherigen Instrumenten zu messen – der Wert ist zu nahe an Null», so Schmidt-Wellenburg.

«Es ist damit also unwahrscheinlicher geworden, dass das Neutron hilft, den Materie-Überschuss zu erklären. Aber ganz ausgeschlossen ist es weiterhin nicht. Und in jedem Fall ist die Wissenschaft am genauen Wert des nEDM interessiert, um zu erfahren, ob sich hierüber neue Physik entdecken lässt.»

Daher ist die nächste, noch genauere Messung bereits in Planung. «Als wir im Jahr 2010 die jetzige Quelle für ultrakalte Neutronen hier am PSI in Betrieb genommen haben, wussten wir bereits, dass das restliche Experiment ihr noch nicht gerecht wird. Daher bauen wir derzeit ein entsprechend grösseres Experiment auf», erklärt Bison. Ab 2021, so sehen die PSI-Forschenden vor, soll daran die nächste Messreihe des nEDM starten und die jetzige wiederum in ihrer Genauigkeit übertreffen.

«Wir haben in den letzten zehn Jahren sehr viele Erfahrungen gesammelt und sie für die stetige Optimierung unseres Experiments nutzen können – sowohl hinsichtlich unserer Neutronenquelle als auch allgemein zur bestmöglichen Auswertung solch komplexer Daten in der Teilchenphysik», freut sich auch Schmidt-Wellenburg. «Die jetzige Publikation hat international einen neuen Standard gesetzt.»

Text: Paul Scherrer Institut/Laura Hennemann


Über das PSI

Das Paul Scherrer Institut PSI entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Materie und Material, Energie und Umwelt sowie Mensch und Gesundheit. Die Ausbildung von jungen Menschen ist ein zentrales Anliegen des PSI. Deshalb sind etwa ein Viertel unserer Mitarbeitenden Postdoktorierende, Doktorierende oder Lernende. Insgesamt beschäftigt das PSI 2100 Mitarbeitende, das damit das grösste Forschungsinstitut der Schweiz ist. Das Jahresbudget beträgt rund CHF 407 Mio. Das PSI ist Teil des ETH-Bereichs, dem auch die ETH Zürich und die ETH Lausanne angehören sowie die Forschungsinstitute Eawag, Empa und WSL.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Philipp Schmidt-Wellenburg
Labor für Teilchenphysik, Forschungsbereich für Forschung mit Neutronen und Myonen
Paul Scherrer Institut, Forschungsstrasse 111, 5232 Villigen PSI, Schweiz
Telefon: +41 56 310 56 80, E-Mail: philipp.schmidt-wellenburg@psi.ch [Deutsch, Englisch]

Dr. Georg Bison
Labor für Teilchenphysik, Forschungsbereich für Forschung mit Neutronen und Myonen
Paul Scherrer Institut, Forschungsstrasse 111, 5232 Villigen PSI, Schweiz
Telefon: +41 56 310 58 36, E-Mail: georg.bison@psi.ch [Deutsch, Englisch]

Originalpublikation:

Measurement of the permanent electric dipole moment of the neutron
C. Abel et al.
Physical Review Letters 28. Februar 2020 (online)

Abstract: https://journals.aps.org/prl/accepted/b607fY80Z3a12a6ab8689246ed949444cd5500f42

Weitere Informationen:

https://www.psi.ch/de/node/31203 – Darstellung der Mitteilung auf der Webseite des PSI und Bildmaterial
https://www.psi.ch/de/node/32571 – Neue Methode wird bisher genaueste Vermessung von Neutronen ermöglichen

Paul Scherrer Institut/Laura Hennemann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Neuer Quantenzustand nachgewiesen
31.03.2020 | Technische Universität Braunschweig

nachricht Hannoveraner Physiker entwickelt neue Photonenquelle für abhörsichere Kommunikation
30.03.2020 | Leibniz Universität Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Corona-Pandemie: Medizinischer Vollgesichtsschutz aus dem 3D-Drucker

In Vorbereitung auf zu erwartende COVID-19-Patienten wappnet sich das Universitätsklinikum Augsburg mit der Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung für das medizinische Personal. Ein Vollgesichtsschutz entfaltet dabei in manchen Situationen eine bessere Schutzwirkung als eine einfache Schutzbrille, doch genau dieser ist im Moment schwer zu beschaffen. Abhilfe schafft eine Kooperation mit dem Institut für Materials Resource Management (MRM) der Universität Augsburg, das seine Kompetenz und Ausstattung im Bereich des 3D-Drucks einbringt, um diesen Engpass zu beheben.

Das Coronavirus SARS-CoV-2 wird nach heutigem Wissensstand maßgeblich durch Tröpfcheninfektion übertragen. Dabei sind neben Mund und Nase vor allem auch die...

Im Focus: Hannoveraner Physiker entwickelt neue Photonenquelle für abhörsichere Kommunikation

Ein internationales Team unter Beteiligung von Prof. Dr. Michael Kues vom Exzellenzcluster PhoenixD der Leibniz Universität Hannover hat eine neue Methode zur Erzeugung quantenverschränkter Photonen in einem zuvor nicht zugänglichen Spektralbereich des Lichts entwickelt. Die Entdeckung kann die Verschlüsselung von satellitengestützter Kommunikation künftig viel sicherer machen.

Ein 15-köpfiges Forscherteam aus Großbritannien, Deutschland und Japan hat eine neue Methode zur Erzeugung und zum Nachweis quantenverstärkter Photonen bei...

Im Focus: Physicist from Hannover Develops New Photon Source for Tap-proof Communication

An international team with the participation of Prof. Dr. Michael Kues from the Cluster of Excellence PhoenixD at Leibniz University Hannover has developed a new method for generating quantum-entangled photons in a spectral range of light that was previously inaccessible. The discovery can make the encryption of satellite-based communications much more secure in the future.

A 15-member research team from the UK, Germany and Japan has developed a new method for generating and detecting quantum-entangled photons at a wavelength of...

Im Focus: Nachwuchswissenschaftler der Universität Rostock erfinden einen Trichter für Lichtteilchen

Physiker der Arbeitsgruppe von Professor Alexander Szameit an der Universität Rostock ist es in Zusammenarbeit mit Kollegen von der Universität Würzburg gelungen, einen „Trichter für Licht“ zu entwickeln, der bisher nicht geahnte Möglichkeiten zur Entwicklung von hypersensiblen Sensoren und neuen Technologien in der Informations- und Kommunikationstechnologie eröffnet. Die Forschungsergebnisse wurden jüngst im renommierten Fachblatt Science veröffentlicht.

Der Rostocker Physikprofessor Alexander Szameit befasst sich seit seinem Studium mit den quantenoptischen Eigenschaften von Licht und seiner Wechselwirkung mit...

Im Focus: Junior scientists at the University of Rostock invent a funnel for light

Together with their colleagues from the University of Würzburg, physicists from the group of Professor Alexander Szameit at the University of Rostock have devised a “funnel” for photons. Their discovery was recently published in the renowned journal Science and holds great promise for novel ultra-sensitive detectors as well as innovative applications in telecommunications and information processing.

The quantum-optical properties of light and its interaction with matter has fascinated the Rostock professor Alexander Szameit since College.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Europäischer Rheumatologenkongress EULAR 2020 wird zum Online-Kongress

30.03.2020 | Veranstaltungen

“4th Hybrid Materials and Structures 2020” findet web-basiert statt

26.03.2020 | Veranstaltungen

Wichtigste internationale Konferenz zu Learning Analytics findet statt – komplett online

23.03.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Architektur statt Antibiotika

31.03.2020 | Architektur Bauwesen

Thermopiles für berührungslose Temperaturmessung beim Menschen

31.03.2020 | Medizintechnik

Die Klügere gibt nach – Hochschule Bremen entwickelt biologisch inspirierte Tauchdrohne

31.03.2020 | Interdisziplinäre Forschung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics