Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das willentlich schlechte Gedächtnis

02.11.2012
Psychologen des Konstanzer Zukunftskollegs und der Universität Regensburg entdecken neuronale Mechanismen des intendierten Vergessens

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung ist Vergessen nicht immer nur eine Schwäche oder Fehlfunktion des Gedächtnisses, sondern manchmal auch ein willentlicher Akt des Gehirns:

In einer aktuellen Studie konnte der Psychologe Dr. Simon Hanslmayr, Fellow des Zukunftskollegs der Universität Konstanz, die Steuerungsprozesse des Gehirns nachweisen, mit denen das Gedächtnis willentlich irrelevante Informationen ausblendet und durch neue Informationen ersetzt.

Die Befunde der Studie, die gemeinsam mit der Universität Regensburg durchgeführt wurde, zeigen erstmalig den Zusammenhang zwischen der Aktivität des linken dorsolateralen Präfrontalkortex‘ mit der neuronalen Synchronisationsleistung des Gehirns, über die Erinnerungs- und Vergessensprozesse reguliert werden. Die aktuellen Forschungsergebnisse wurden im Wissenschaftsjournal „The Journal of Neuroscience“ veröffentlicht.

„In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Vergessen eher als ein Nachteil begriffen, eben als eine Beeinträchtigung, wenn das Gedächtnis nicht richtig funktioniert. Tatsächlich ist das Vergessen aber manchmal ein sehr hilfreicher Prozess“, schildert Simon Hanslmayr. Etwa wenn Informationen, die wir uns gemerkt haben, veraltet oder nicht mehr relevant sind, wäre es wenig sinnvoll, diese Erinnerungen mit uns zu tragen: zum Beispiel alte Adressen, vergangene Termine, in manchen Fällen auch psychisch belastende Erinnerungen. „Man muss sich nur vorstellen, wie viel Informationen im Laufe eines Lebens, ja schon im Laufe einer Woche im Gehirn angesammelt werden“, gibt Hanslmayr zu bedenken. Indem das Gehirn in einem willentlichen Prozess veraltete, irrelevante Informationen ausblendet und durch neue ersetzt, kann es Kapazitäten freistellen und dadurch seine Leistungsfähigkeit optimieren. In seiner Studie konnte Hanslmayr nun gemeinsam mit Prof. Dr. Karl-Heinz Bäuml (Universität Regensburg) die neuronalen Prozesse nachweisen, mit denen das Gehirn seine Erinnerungs- und Vergessensleistung reguliert.

In der Studie wurden Versuchspersonen aufgefordert, zuvor eingeprägte Informationen durch neue zu ersetzen, also irrelevante Informationen willentlich zu vergessen und durch aktuellere Inhalte auszutauschen. Per Kernspintomographie und Elektroenzephalografie (EEG) wurden währenddessen die Gehirnprozesse gemessen. Wie Simon Hanslmayr und Karl-Heinz Bäuml beobachteten, steigt beim Akt des Vergessens der Sauerstoffverbrauch im linken präfrontalen Kortex an – einer Gehirnregion, die als Steuerzentrale des Gehirns gilt und eine wichtige Rolle bei der Handlungsregulation, aber auch beim Unterdrücken von Informationen spielt. Zugleich registrierten die Forscher einen Rückgang der Synchronisation elektrischer Signale zwischen Neuronengruppen. Diese Synchronisation von Neuronengruppen bildet im Gehirn die Grundlage, um Informationen zwischen weitverbreiteten Zellverbänden auszutauschen.

Hanslmayr und Bäuml überprüften die auffällige Korrelation zwischen einerseits der erhöhten Aktivität des linken präfrontalen Kortex und andererseits der reduzierten neuronalen Synchronisation. Über eine elektro-magnetische Stimulierung des Präfrontalkortex‘ konnten sie einen direkten Zusammenhang nachweisen: Der Präfrontalkortex reguliert in willentlichen Vergessensprozessen die neuronale Synchronisation des Gehirns herunter, was bei den Versuchspersonen zu einem ausgeprägteren Vergessen führte. Die Forscher konnten somit in dem Zusammenspiel zwischen Präfrontalkortex und neuronaler Synchronisation die grundlegenden Steuerungsprozesse ausfindig machen, mit denen das Gehirn willentliches Vergessen reguliert.

Diese aktuellen Forschungsergebnisse und weitere interdisziplinäre Beiträge zum Thema „Vergessen“ vertiefte das Zukunftskolleg der Universität Konstanz in dem fachgebietsübergreifenden Workshop „Forgetting“, den es im Oktober 2012 gemeinsam mit der „Martin Buber Society of Fellows in the Humanities and Social Sciences“ an der Hebrew University in Jerusalem veranstaltete.

Originalveröffentlichung:
Simon Hanslmayr, Gregor Volberg, Maria Wimber, Nora Oehler, Tobias Staudigl, Thomas Hartmann, Markus Raabe, Mark W. Greenlee, and Karl-Heinz T. Bäuml: „Prefrontally Driven Downregulation of Neural Synchrony Mediates Goal-Directed Forgetting“. The Journal of Neuroscience, 17 October 2012, 32(42): 14742-14751; doi: 10.1523/JNEUROSCI.1777-12.2012
Die Forschungsergebnisse wurden online veröffentlicht unter:
http://www.jneurosci.org/content/32/42/14742.full
Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: 07531 / 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de
Dr. Simon Hanslmayr
Universität Konstanz
Zukunftskolleg
Universitätsstraße 10
78464 Konstanz
Telefon: 07531 / 88-5647
E-Mail: Simon.Hanslmayr@uni-konstanz.de

Julia Wandt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-konstanz.de/oscillations-and-cognition

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Studie mit bispezifischem Antikörper liefert beeindruckende Behandlungserfolge bei Multiplem Myelom
01.04.2020 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Pool-Testen von SARS-CoV-2 Proben erhöht die Testkapazität weltweit um ein Vielfaches
31.03.2020 | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Den Regen für Hydrovoltaik nutzen

Wassertropfen, die auf Oberflächen fallen oder über sie gleiten, können Spuren elektrischer Ladung hinterlassen, so dass sich die Tropfen selbst aufladen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung (MPI-P) in Mainz haben dieses Phänomen, das uns auch in unserem Alltag begleitet, nun detailliert untersucht. Sie entwickelten eine Methode zur Quantifizierung der Ladungserzeugung und entwickelten zusätzlich ein theoretisches Modell zum besseren Verständnis. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte der beobachtete Effekt eine Möglichkeit zur Energieerzeugung und ein wichtiger Baustein zum Verständnis der Reibungselektrizität sein.

Wassertropfen, die über nicht leitende Oberflächen gleiten, sind überall in unserem Leben zu finden: Vom Tropfen einer Kaffeemaschine über eine Dusche bis hin...

Im Focus: Harnessing the rain for hydrovoltaics

Drops of water falling on or sliding over surfaces may leave behind traces of electrical charge, causing the drops to charge themselves. Scientists at the Max Planck Institute for Polymer Research (MPI-P) in Mainz have now begun a detailed investigation into this phenomenon that accompanies us in every-day life. They developed a method to quantify the charge generation and additionally created a theoretical model to aid understanding. According to the scientists, the observed effect could be a source of generated power and an important building block for understanding frictional electricity.

Water drops sliding over non-conducting surfaces can be found everywhere in our lives: From the dripping of a coffee machine, to a rinse in the shower, to an...

Im Focus: Quantenimaging: Unsichtbares sichtbar machen

Verschränkte Lichtteilchen lassen sich nutzen, um Bildgebungs- und Messverfahren zu verbessern. Ein Forscherteam am Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF in Jena hat eine Quantenimaging-Lösung entwickelt, die in extremen Spektralbereichen und mit weniger Licht genaueste Einblicke in Gewebeproben ermöglichen kann.

Optische Analyseverfahren wie Mikroskopie und Spektroskopie sind in sichtbaren Wellenlängenbereichen schon äußerst effizient. Doch im Infrarot- oder...

Im Focus: Sensationsfund: Spuren eines Regenwaldes in der Westantarktis

90 Millionen Jahre alter Waldboden belegt unerwartet warmes Südpol-Klima in der Kreidezeit

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Geowissenschaftlern des Alfred-Wegener-Institutes, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI)...

Im Focus: A sensational discovery: Traces of rainforests in West Antarctica

90 million-year-old forest soil provides unexpected evidence for exceptionally warm climate near the South Pole in the Cretaceous

An international team of researchers led by geoscientists from the Alfred Wegener Institute, Helmholtz Centre for Polar and Marine Research (AWI) have now...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Interdisziplinärer Austausch zum Design elektrochemischer Reaktoren

03.04.2020 | Veranstaltungen

13. »AKL – International Laser Technology Congress«: 4.–6. Mai 2022 in Aachen – Lasertechnik Live bereits früher!

02.04.2020 | Veranstaltungen

Europäischer Rheumatologenkongress EULAR 2020 wird zum Online-Kongress

30.03.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste SARS-CoV-2-Genome aus Österreich veröffentlicht

03.04.2020 | Biowissenschaften Chemie

Projekt »Lade-PV« gestartet: Fahrzeugintegrierte PV für Elektro-Nutzfahrzeuge

03.04.2020 | Energie und Elektrotechnik

Interdisziplinärer Austausch zum Design elektrochemischer Reaktoren

03.04.2020 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics