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Muss jeder Bandscheibenvorfall operiert werden?

21.05.2013
Entscheidungshilfen für betroffene Patienten

Aus der Serie „Der Professor rät“ des Tübinger Uniklinikums


Magnetresonanz-Tomographie (MRT)-Aufnahme eines Bandscheibenvorfalls
Uniklinikum Tübingen

In Deutschland hat sich die Anzahl an Bandscheibenoperationen in den letzten Jahren nahezu verdoppelt, wobei allein in den letzten zwei Jahren ein Anstieg um 23 Prozent zu verzeichnen war. Nach Meinung von Experten muss jedoch nicht jeder Bandscheibenvorfall operiert werden. Dr. Carmen Leichtle, Oberärztin und Bereichsleitung für Wirbelsäulenchirurgie an der Orthopädischen Universitätsklinik Tübingen, rät zur sorgsamen Abwägung, wann eine Operation wirklich sinnvoll erscheint und wann nicht.

Sind für die hohe Steigerung bei den Bandscheibenoperationen medizinische Ursachen verantwortlich oder spielt auch der wirtschaftliche Leistungsdruck in den Kliniken eine Rolle?

Dr. Carmen Leichtle: Die Kernspintomographie ist heute das Verfahren der Wahl, um Bandscheibenvorfälle zu diagnostizieren. Allerdings sehen wir bei der Hälfte der Menschen jenseits des 50. Lebensjahres Bandscheibenvorfälle in deren Kernspintomographieaufnahmen, die jedoch keine Beschwerden verursachen und demnach auch nicht operiert werden müssen. Ob die im Kernspin sichtbaren Veränderungen auch wirklich die Beschwerden des Patienten verursachen, ist also keineswegs sicher. Die Indikation zur Operation muss daher sehr kritisch und individuell abgewogen werden.

Welche Risiken birgt die Operation?
Dr. Carmen Leichtle: Eine Bandscheibenoperation erfolgt heutzutage mikrochirurgisch, d.h. über einen kleinen Schnitt am Rücken und unter Verwendung eines Mikroskops oder einer Kamera, wie man sie bereits aus der Gelenkspiegelung kennt. Der Eingriff ist kurz und dauert etwa 30 bis 60 Minuten, je nach Lage, Größe und Alter des Bandscheibenvorfalls. Dennoch handelt es sich nicht um einen risikofreien Eingriff. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass 15 bis 30 Prozent der operierten Patienten nach der Operation an anhaltenden bzw. wiederkehrenden Beschwerden leiden, die meist auf die bereits zum Diagnosezeitpunkt bestehende Abnutzung der erkrankten Bandscheibe selbst oder aber auch durch Vernarbungen durch die Operation hervorgerufen werden können.
Auch kann bei einer bereits voroperierten Bandscheibe an derselben Stelle ein erneuter Vorfall auftreten. Es gilt daher grundsätzlich streng abzuwägen, wann eine Operation wirklich sinnvoll erscheint und wann nicht.

Wann ist eine schnelle Operation unabdingbar?

Dr. Carmen Leichtle: Klare Indikationen für eine schnelle Operation sind fortschreitende neurologische Störungen, wie z.B. eine Schwäche im Bein oder gar Störungen von Blase und/oder Darm. Durch die OP kann hier das Risiko bleibender Schäden minimiert werden.
Auch im Falle eines sehr großen Bandscheibenvorfalls, der nahezu den gesamten Nervenkanal verlegt und die Nervenwurzeln stark komprimiert, ist eine frühzeitige Operation sinnvoll und anzuraten. Dann ist nämlich davon auszugehen, dass sich die Masse an vorgefallenem Bandscheibengewebe nicht ausreichend bzw. in absehbarer Zeit von selbst auflöst. In den meisten dieser Fälle kommt es nach dem Eingriff zu einer schnelleren Beschwerdelinderung bis Beschwerdefreiheit und einer rascheren Rekonvaleszenz des Patienten.

Was raten sie betroffenen Patienten? Ist es sinnvoll eine Zweitmeinung einzuholen?
Dr. Carmen Leichtle: Nach unserer Erfahrung ist die Operation nicht immer die einzige und beste Option. Um dem jeweiligen Patienten die für ihn bestmöglichste Therapie zukommen lassen zu können, sollte die Indikation zur Operation individuell sehr streng gestellt werden. Nicht jeder Bandscheibenvorfall muss gleich operiert werden. Zunächst kommen konservative Therapiemöglichkeiten zum Einsatz. Bei z.B. kleineren Bandscheibenvorfällen, die keine neurologischen Störungen verursachen und den Nervenkanal bzw. die Nervenwurzel nicht so sehr einengen, raten wir meist abzuwarten und mit Einnahme von Schmerzmitteln, körperlicher Schonung in Kombination mit Physiotherapie und Haltungsschulung die Beschwerdesymptomatik zunächst wieder in den Griff zu bekommen. Zum Teil kann auch eine lokale Infiltrationstherapie hilfreich sein. Natürlich können sich die Patienten, die vor einer so schwerwiegenden Entscheidung stehen, auch jederzeit eine Zweitmeinung einholen.

Wie kann man seine Bandscheiben schützen? Was kann der Patient selbst tun?

Dr. Carmen Leichtle: Eine Operation ist nur die halbe Miete. Grundsätzlich gilt die Devise, sich langfristig ein rückengerechtes Verhalten in Alltag und Freizeit anzugewöhnen und für eine gute Stabilisierung der Rumpfmuskulatur zu sorgen. Die operative Entfernung des symptomatischen Bandscheibenvorfalls zielt auf die Behebung bzw. Verbesserung der akuten Beschwerden ab, adressiert jedoch nicht die eigentliche defekte Bandscheibe. Sie kann in der Folge erneut Beschwerden hervorrufen, welche ggf. eine weitere Operation erfordern.
Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Orthopädische Klinik
Dr. med. Carmen Leichtle
Hoppe-Seyler-Str. 3 ,72076 Tübingen
E-Mail carmen.leichtle@med.uni-tuebingen.de

Die Serie "Der Professor rät" des Universitätsklinikums Tübingen erscheint in regelmässigen Abständen und thematisiert unterschiedliche medizinische Fragen aus Patientensicht, jeweils beantwortet von einem Experten aus dem Universitätsklinikum. Alle bisherigen Beiträge können unter www.medizin.uni-tuebingen.de/Patienten/Der+Professor+r%C3%A4t.html abgerufen werden.

Weitere Informationen:

http://www.medizin.uni-tuebingen.de
- Universitätsklinikum Tübingen
http://www.medizin.uni-tuebingen.de/Patienten/Kliniken/Orthop%C3%A4die.html - Orthopädische Uniklinik Tübingen

http://www.medizin.uni-tuebingen.de/Patienten/Der+Professor+r%C3%A4t.html - Serie "Der Professor rät"

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

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