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Die Kombination aus Patientenschulung und Betablockern beugt hochwirksam Migräneattacken vor

17.11.2010
Mehr als drei Viertel aller Migränepatienten profitieren erheblich von einer Kombinationstherapie aus Betablockern und intensiven verhaltenstherapeutischen Schulungen, berichten Neurologen und Psychologen der Universität Ohio im British Medical Journal.

In der ersten kontrollierten Studie zur kombinierten Wirksamkeit dieser beiden Maßnahmen verringerte sich über einen Zeitraum von 16 Monaten deutlich die Anzahl der Migräneattacken und der Migränetage. Gleichzeitig verbesserte sich die Lebensqualität erheblich.

„Bemerkenswert ist, dass diese Patienten schon vor Studienbeginn eine optimale Behandlung für ihre akuten Migräneattacken bekommen hatten“, erklärt Professor Hans-Christoph Diener, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Leiter des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums in Essen.

„Diese Untersuchung zeigt uns, dass es trotz großer Fortschritte in den vergangenen Jahren noch einen erheblichen Spielraum gibt, um die Lebensqualität von Patienten mit Migräne zu verbessern und einer Chronifizierung dieses Leidens entgegenzuwirken.“ Wichtig sei die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Neurologen und Verhaltenspsychologen.

Große Anzahl von Attacken trotz optimaler Akuttherapie

Neuere Forschungen zeigen, dass häufige Migräneattacken zu strukturellen Veränderungen des Gehirns führen. Zusammen mit den persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Auswirkungen und dem hohen Risiko für ein Fortschreiten der Krankheit habe dies zu Forderungen nach einem aggressiveren Management der Migräne in der Primärversorgung geführt. Deshalb waren in die aktuelle, vom nationalen US-Gesundheitsinstitut NIH finanzierte Studie 232 Patienten eingeschlossen, die trotz der optimalen Versorgung ihrer akuten Migräneanfälle vorwiegend mit Triptanen durchschnittlich 5,5 schwere Attacken pro Monat mit 8,5 Migränetagen erlitten hatten. Diese Patienten randomisierte Studienleiter Kenneth A. Holroyd mit seinen Kollegen auf vier Studienarme: 1. Placebo, 2. Betablocker Propanolol oder Nadolol, 3. Patientenschulungen plus Placebo sowie 4. Kombination aus Patientenschulungen plus Betablockern.

Rückgang von 5,5 auf 1,7 Migräneanfälle pro Monat

In allen vier Studienarmen sank die Zahl der monatlichen Attacken binnen zehn Monaten deutlich. Dieser Rückgang war aber nur in der Kombinationsbehandlung mit durchschnittlich 3,3 Attacken signifikant größer als mit Placebo. Auch nach 16 Monaten, dem zweiten primären Endpunkt der Studie, ergab sich das gleiche Bild: In der Kombinationsbehandlung war die Zahl der Attacken gegenüber dem Studienbeginn um 3,8 pro Monat gesunken, mit Placebo und Betablockern aber jeweils nur um 2,5 Attacken und mit Patientenschulungen plus Placebo um 2,7. Auf der Skala der migränespezifischen Lebensqualität, die von 84 bis maximal 14 Punkten reicht, verbesserten sich die Patienten unter der Kombinationsbehandlung um durchschnittlich 13 Punkte nach zehn Monaten (Placebo: 7,1 Punkte) und 15,2 Punkte nach 16 Monaten (Placebo: 8,8 Punkte).

Vier Monate Schulung mit Hausarbeiten hielt 16 Monate vor

In jedem der vier Studienarme mussten die Patienten in den ersten drei Monaten vier Mal in der Kopfschmerzambulanz vorsprechen und wurden jeweils drei Mal per Telefon kontaktiert. Weitere fünf Besuche gab es in der anschließenden einjährigen Evaluationsphase. Über die gesamte Studiendauer hinweg hatten die Patienten dabei täglich mit Taschencomputern ihre Beschwerden sowie den Medikamentenverbrauch protokolliert. In den Kursen hatten die Patienten zunächst Informationen über die Krankheit und deren mögliche Auslöser erhalten sowie verschiedene Entspannungstechniken gelernt, die zuhause mit einem Handbuch und Audiolektionen vertieft wurden. Unter der Anleitung von Psychologen hatten sie zudem Verhaltensänderungen eingeübt, einen individuellen Migräne-Management-Plan verfasst und den Umgang mit Rückschlägen gelernt.

„Die Migräne ist eine langfristige Erkrankung, dem haben die Kollegen sowohl mit dem Studiendesign als auch mit der Studiendauer Rechnung getragen. Der Nutzen der Patientenschulungen mit Verhaltenstherapie wurde beeindruckend gezeigt“, lobte Professor Diener. Im Rahmen der „Integrierten Versorgung Kopfschmerz“ werde dieser Therapieansatz zwar bereits an einer Reihe von Kopfschmerzambulanzen und -kliniken in Deutschland angeboten.

„Allerdings wird es großer Anstrengungen bedürfen, damit auch bei uns möglichst viele Migränepatienten solche Kurse nutzen können.“

Quelle
Holroyd, KA et al. Effect of preventive (β blocker) treatment, behavioural migraine management, or their combination on outcomes of optimised acute treatment in frequent migraine: randomised controlled trial. BMJ. 2010 Sep 29;341:c4871. doi: 10.1136/bmj.c4
Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener
Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Duisburg-Essen
Hufelandstr 55, 45122 Essen, Tel.: 0201-7232460
E-Mail: hans.diener@uni-duisburg-essen.de
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.

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