Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hören um zu sehen: RUB-Forscher beschreiben neue Methode zur Behandlung von Gesichtsfeldausfällen

30.05.2012
Forscher der RUB und aus Durham berichten

Patienten mit einem halbseitig blinden Sehfeld profitieren davon, Schallreize auf der beeinträchtigten Seite zu hören. Nachdem sie eine Stunde lang passiv Tönen gelauscht hatten, verbesserte sich ihre Wahrnehmung von Lichtreizen in der blinden Sehfeldhälfte signifikant. Verantwortlich für diesen Effekt sind Nervenbahnen, die Informationen verschiedener Sinne gleichzeitig verarbeiten.

„Wir haben damit einen völlig neuen Weg der Therapie beschritten“, sagt PD Dr. Jörg Lewald aus der RUB-Arbeitseinheit Kognitionspsychologie. In PLoS ONE beschreibt er die Ergebnisse gemeinsam mit Kollegen der Neurologischen Universitätsklinik am Bergmannsheil (Prof. Dr. Martin Tegenthoff) und der Universität in Durham (PD Dr. Markus Hausmann).

Passives Hören statt aufwendigem Sehtraining

Um die Wirksamkeit der Schallreize zu untersuchen, führte das Forscherteam vor und nach der akustischen Stimulation einen Sehtest durch. Aufgabe der zehn Patienten war es, die Position von Lichtblitzen im gesunden und im blinden Sehfeld zu bestimmen. Während die Leistung in der intakten Sehfeldhälfte konstant blieb, steigerte sich die Anzahl an richtigen Antworten in der blinden Hälfte nach der Schalldarbietung.

Dieser Effekt hielt 1,5 Stunden an. „Bei anderen Therapien absolvieren die Patienten ein anstrengendes und zeitaufwendiges Sehtraining“, erzählt Lewald. „Die Erfolge sind dabei mäßig und schwanken stark von Patient zu Patient. Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass allein durch passives Hören zeitweilig das Sehen verbessert werden kann.“

Die Ursache von Gesichtsfeldausfällen

Wenn Schlaganfälle oder Verletzungen den Gehirnbereich schädigen, der Informationen des Sehsinns verarbeitet, kommt es zu einem Gesichtsfeldausfall. Am häufigsten betroffen ist der primäre Sehkortex, die erste Verarbeitungsstation für visuelle Eingänge in der Großhirnrinde.

Je mehr Nervenzellen hier absterben, desto größer ist der erblindete Teil des Sehfeldes. Meist ist eine ganze Hälfte betroffen; man spricht von Hemianopsie. „Die Hemianopsie schränkt die Patienten im Alltagsleben enorm ein“, erklärt Lewald. „Wenn Gegenstände oder Personen auf der blinden Seite übersehen werden, kann es schnell zu Unfällen kommen.“

Wie Sinnesinformationen im Gehirn zusammenspielen

„Es gibt zunehmend Belege dafür, dass unser Gehirn eingehende Sinnesinformationen nicht strikt getrennt verarbeitet“, so der Bochumer Psychologe. „Auf verschiedenen Stufen gibt es Verbindungen zwischen den Sinnessystemen“. Insbesondere die Nervenzellen im so genannten Colliculus Superior, einem Teil des Mittelhirns, verarbeiten Hör- und Sehinformationen gleichzeitig. Dieser Bereich ist bei Gesichtsfeldausfällen meist nicht betroffen, analysiert also weiter visuelle Reize. Daher bleiben in der blinden Hälfte Rest-Sehfunktionen erhalten, die dem Patienten aber nicht bewusst sind. „Da die gleichen Nervenzellen auch Hörinformation erhalten, entstand die Idee, mit akustischen Reizen ihre Empfindlichkeit für Lichtreize zu erhöhen“, sagt Lewald.

Neue Forschungsfragen

In weiteren Studien wollen die Wissenschaftler nun klären, ob sie die Sehfunktion anhaltend verbessern können, wenn sie ihren neuen Therapieansatz wiederholt anwenden. Außerdem werden sie testen, ob sich die Stimulation des Gehörsinns auch auf komplexere Sehfunktionen als die Detektion von Lichtblitzen auswirkt. Zusätzlich wollen sie die Mechanismen ergründen, die dem beobachteten Effekt zugrunde liegen.

Titelaufnahme

J. Lewald, M. Tegenthoff, S. Peters, M. Hausmann (2012): Passive auditory stimulation improves vision in hemianopia, PLoS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0031603

Weitere Informationen

PD Dr. Jörg Lewald, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-25137

joerg.lewald@rub.de

Prof. Dr. Martin Tegenthoff, Neurologische Klinik und Poliklinik, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil, 44789 Bochum, Tel.: 0234/3026809

martin.tegenthoff@rub.de

Angeklickt

Zum Artikel
http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0031603
Kognitionspsychologie an der RUB
http://www.cog.psy.ruhr-uni-bochum.de/
Neurologische Klinik und Poliklinik BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil
http://www.bergmannsheil.de/neurologie
Redaktion: Dr. Julia Weiler

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.cog.psy.ruhr-uni-bochum.de/
http://www.bergmannsheil.de/neurologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit körpereigenem Protein Herpes bekämpfen
13.11.2018 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

nachricht Mit Lichtimpulsen Herzzellen abschalten
06.11.2018 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Im Focus: A Chip with Blood Vessels

Biochips have been developed at TU Wien (Vienna), on which tissue can be produced and examined. This allows supplying the tissue with different substances in a very controlled way.

Cultivating human cells in the Petri dish is not a big challenge today. Producing artificial tissue, however, permeated by fine blood vessels, is a much more...

Im Focus: Optimierung von Legierungswerkstoffen: Diffusionsvorgänge in Nanoteilchen entschlüsselt

Ein Forschungsteam der TU Graz entdeckt atomar ablaufende Prozesse, die neue Ansätze zur Verbesserung von Materialeigenschaften liefern.

Aluminiumlegierungen verfügen über einzigartige Materialeigenschaften und sind unverzichtbare Werkstoffe im Flugzeugbau sowie in der Weltraumtechnik.

Im Focus: Graphen auf dem Weg zur Supraleitung

Doppelschichten aus Graphen haben eine Eigenschaft, die ihnen erlauben könnte, Strom völlig widerstandslos zu leiten. Dies zeigt nun eine Arbeit an BESSY II. Ein Team hat dafür die Bandstruktur dieser Proben mit extrem hoher Präzision ausgemessen und an einer überraschenden Stelle einen flachen Bereich entdeckt. Möglich wurde dies durch die extrem hohe Auflösung des ARPES-Instruments an BESSY II.

Aus reinem Kohlenstoff bestehen so unterschiedliche Materialien wie Diamant, Graphit oder Graphen. In Graphen bilden die Kohlenstoffatome ein zweidimensionales...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

Wer rechnet schneller? Algorithmen und ihre gesellschaftliche Überwachung

12.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Automatisierte Klebfilmablage und Stringerintegration für den Flugzeugbau

14.11.2018 | Materialwissenschaften

Wie Algen und Kohlefasern die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre nachhaltig senken könnten

14.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Was das Meer zur Klimaregulierung beiträgt: Neue Erkenntnisse helfen bei der Berechnung

14.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics