Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gehörlosenforschung: Plötzlich hören – und dann?

25.01.2013
Hörgeschädigte Kinder mit Cochlea-Implantat können durch diese Prothese Sprache wahrnehmen. Ein Team um die LMU-Gehörlosenpädagogin Professor Annette Leonhardt untersucht, was sich dadurch für sie ändert.

„Fast drei Jahre lang hat sie ihre Stimme nicht genutzt, konnte nicht hören –und jetzt diese Riesen-Veränderung. Sie kann sprechen, sie hört!“, gebärdete die gehörlose Mutter einer dreijährigen Tochter mit Cochlea-Implantat (CI) im Interview mit LMU-Gehörlosenpädagogin Kirstin Busch.

Busch untersucht seit 2011, welche Auswirkungen es auf die gehörlosen Familien hat, wenn Kinder ein CI erhalten. Dabei erfasst sie mit Hilfe von Interviews, einem psychologischen Testverfahren und Fragebögen sowohl die Perspektive der gehörlosen beziehungsweise hörgeschädigten Eltern als auch die der Kinder.

Meist erfolgen die Implantationen zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr der Kinder. Die befragten Familien sind mit den Cochlea-Implantaten sehr zufrieden. Einige Eltern geben an, dass sich die Beziehungen in der Familie verbessert haben, etwa zwischen Geschwistern, und dass sich die Kinder positiv entwickeln. „Seit er das Cochlea-Implantat hat, ist er fröhlich, er geht auf die Leute zu und fragt nach. Er ist wie ausgewechselt und deswegen finde ich das toll“, sagte etwa eine Mutter.

Gebärdensprache bleibt wichtig

Der Familienalltag an sich ändert sich durch das CI kaum. Die Gebärdensprache bleibt weiterhin die Familiensprache, auch wenn die Eltern zusätzlich häufiger lautsprachlich kommunizieren. Das bestätigen auch die Forschungsergebnisse der Gehörlosenpädagogin Johanna Dumanski, die die Wortschatzentwicklung von Kindern mit einem Cochlea-Implantat untersucht, deren Eltern gehörlos beziehungsweise hörgeschädigt sind. Die Kinder verwenden je nach Situation sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache. Jedes zweite der untersuchten Kinder verfügt über einen angemessenen Wortschatz. „Die Sprachtests sind für Kinder normiert, die in einer lautsprachlichen Umgebung aufwachsen“, erläutert Johanna Dumanski das Ergebnis. „Die CI-versorgten Kinder gehörloser Eltern leisten wahnsinnig viel. Sie wachsen in einer ganz anderen Umgebung auf.“

Beide Untersuchungen zeigen damit, dass für Kinder mit CI, deren Eltern gehörlos sind, sowohl die Laut- als auch die Gebärdensprache wichtig sind. Genau darüber wünschen sich die befragten Eltern mehr Aufklärung. Das gilt einmal für die Einrichtungen wie Kindergarten und Schule, in denen die Kinder betreut werden, aber auch für die Ärzte. „Eltern fühlen sich durch Ärzte unter Druck gesetzt, ihr Kind möglichst früh mit einem Cochlea-Implantat zu versorgen. Ihnen wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass ihr Leben in der Gehörlosengemeinde als minderwertig betrachtet wird“, sagt Kirstin Busch. Auch mehr Kindergärten und -krippen, die speziell auf hörgeschädigte Kinder und deren Förderung zugeschnitten sind, würden den Familien helfen.

Motive der Eltern

Gehörlose Eltern, die sich für eine Cochlea-Implantation für ihr Kind entscheiden, denken dabei vor allem an die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Teilweise treffen sie die Entscheidung trotz Skepsis oder gar Kritik im gehörlosen Freundes- und Verwandtenkreis. In manchen Familien machen auch die Kinder den ersten Schritt und wünschen sich eine Implantation.

„Das Cochlea-Implantat findet zunehmend Akzeptanz in der Gehörlosengemeinde,
aber es bestehen dennoch Vorbehalte besonders gegenüber dem Einsatz bei Kindern“, sagt Annette Leonhardt. In einem weiteren Projekt an ihrem Lehrstuhl werden derzeit die Erfahrungen junger Erwachsener gehörloser Eltern untersucht, die als Kind ein Cochlea-Implantat erhalten haben. Sie erzählen von den Reaktionen ihrer Umgebung und ihren Hörerfahrungen („Man muss ganz von vorne hören lernen“). Erste Ergebnisse zeigen, dass alle Befragten mit der Implantation zufrieden sind.

In Deutschland haben von 1000 Neugeborenen zwei bis drei Kinder eine Hörschädigung, etwa 90 Prozent von ihnen haben hörende Eltern. Schätzungen zufolge, werden zurzeit zwischen 100 und 150 gehörlose Familien in CI-Zentren betreut.

Auf einer Abschlusspräsentation am 30. Januar stellen Kirstin Busch, Johanna Dumanski und Annette Leonhardt Ergebnisse des Forschungsprogramms „Hochgradig hörgeschädigte Eltern und CI-Kinder“ vor. (nh)

Termin:
Forschungspräsentation zum Themenschwerpunkt „CI-Versorgung von Kindern gehörloser Eltern“
30. Januar 2013
13:30 bis 18 Uhr
Siemensstiftung, Südliches Schlossrondell 23, 80638 München
Eine Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung (via E-Mail an Sekretariat.Leonhardt@edu.lmu.de möglich)
Ansprechpartnerin:
Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik
Prof. Dr. Annette Leonhardt
Tel.: 089 / 2180-5118
E-Mail: leonhardt@lmu.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.lmu.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Krankheiten entstehen, wenn das Netzwerk von regulatorischen Autoantikörpern aus der Balance gerät
14.12.2018 | Exzellenzcluster Entzündungsforschung

nachricht Telomerverlängerung entscheidend für Krankheitsverlauf
07.12.2018 | Uniklinik Köln

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wenn sich Atome zu nahe kommen

„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ - dieses Faust’sche Streben ist durch die Rasterkraftmikroskopie möglich geworden. Bei dieser Mikroskopiemethode wird eine Oberfläche durch mechanisches Abtasten abgebildet. Der Abtastsensor besteht aus einem Federbalken mit einer atomar scharfen Spitze. Der Federbalken wird in eine Schwingung mit konstanter Amplitude versetzt und Frequenzänderungen der Schwingung erlauben es, kleinste Kräfte im Piko-Newtonbereich zu messen. Ein Newton beträgt zum Beispiel die Gewichtskraft einer Tafel Schokolade, und ein Piko-Newton ist ein Millionstel eines Millionstels eines Newtons.

Da die Kräfte nicht direkt gemessen werden können, sondern durch die sogenannte Kraftspektroskopie über den Umweg einer Frequenzverschiebung bestimmt werden,...

Im Focus: Datenspeicherung mit einzelnen Molekülen

Forschende der Universität Basel berichten von einer neuen Methode, bei der sich der Aggregatzustand weniger Atome oder Moleküle innerhalb eines Netzwerks gezielt steuern lässt. Sie basiert auf der spontanen Selbstorganisation von Molekülen zu ausgedehnten Netzwerken mit Poren von etwa einem Nanometer Grösse. Im Wissenschaftsmagazin «small» berichten die Physikerinnen und Physiker von den Untersuchungen, die für die Entwicklung neuer Speichermedien von besonderer Bedeutung sein können.

Weltweit laufen Bestrebungen, Datenspeicher immer weiter zu verkleinern, um so auf kleinstem Raum eine möglichst hohe Speicherkapazität zu erreichen. Bei fast...

Im Focus: Data storage using individual molecules

Researchers from the University of Basel have reported a new method that allows the physical state of just a few atoms or molecules within a network to be controlled. It is based on the spontaneous self-organization of molecules into extensive networks with pores about one nanometer in size. In the journal ‘small’, the physicists reported on their investigations, which could be of particular importance for the development of new storage devices.

Around the world, researchers are attempting to shrink data storage devices to achieve as large a storage capacity in as small a space as possible. In almost...

Im Focus: Data use draining your battery? Tiny device to speed up memory while also saving power

The more objects we make "smart," from watches to entire buildings, the greater the need for these devices to store and retrieve massive amounts of data quickly without consuming too much power.

Millions of new memory cells could be part of a computer chip and provide that speed and energy savings, thanks to the discovery of a previously unobserved...

Im Focus: Quantenkryptographie ist bereit für das Netz

Wiener Quantenforscher der ÖAW realisierten in Zusammenarbeit mit dem AIT erstmals ein quantenphysikalisch verschlüsseltes Netzwerk zwischen vier aktiven Teilnehmern. Diesen wissenschaftlichen Durchbruch würdigt das Fachjournal „Nature“ nun mit einer Cover-Story.

Alice und Bob bekommen Gesellschaft: Bisher fand quantenkryptographisch verschlüsselte Kommunikation primär zwischen zwei aktiven Teilnehmern, zumeist Alice...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Tagung 2019 in Essen: LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

14.12.2018 | Veranstaltungen

Pro und Contra in der urologischen Onkologie

14.12.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zu Usability und künstlicher Intelligenz an der Universität Mannheim

13.12.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Kommunikation zwischen neuronalen Netzwerken

17.12.2018 | Biowissenschaften Chemie

Beim Phasenübergang benutzen die Elektronen den Zebrastreifen

17.12.2018 | Physik Astronomie

Pharmazeuten erzielen Durchbruch bei Suche nach magensaftbeständigen Zusätzen für Medikamente

17.12.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics