Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Reparatur-Anleitung für zerstörtes Gewebe im Kopf-Hals Bereich

06.05.2002


Patienten mit Erkrankungen im Hals-Kopf-Bereich werden, so hoffen die Forscher, in Zukunft von den vielfältigen Möglichkeiten der modernen Regenerationsmedizin zu profitieren. Über deren Einsatzmöglichkeiten und Stand diskutieren Experten vom 8. bis 12. Mai auf der 73. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie in Baden Baden.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 13.000 Menschen an Karzinomen in der Kopf- und Halsregion. Insbesondere Tumoroperationen im Gesichtsbereich machen anschließend in den meisten Fällen umfangreiche funktionelle und ästhetische Rekonstruktionen erforderlich. "Der ursprüngliche Zustand lässt sich trotz der Fortschritte in der plastisch-rekonstruktiven Chirurgie oft nicht wieder herstellen", sagt Dr. med. Hubert Löwenheim, Oberarzt an der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik in Tübingen. "Wir versuchen daher, die körpereigenen Regenerationsmechanismen zu aktivieren, um fehlendes Gewebe möglichst vollständig zu ersetzen."

Möglich ist dies beispielsweise durch den Einsatz körpereigener Stammzellen oder durch die Stimulation der Zellteilung mit Hilfe von Wachstumsfaktoren. Auch Biomaterialien, die Wissenschaftler außerhalb des Körpers mit Zellen besiedeln, können die Funktion zerstörten oder fehlenden Gewebes übernehmen. Als Ersatz für körpereigenes Knochengewebe eignen sich zum Beispiel biokompatible Materialien wie Hydroxylapatit oder Tricalciumphosphat, die in den verbleibenden Knochen implantiert werden. "Vorläuferzellen, aus denen sich Knochenzellen entwickeln, können dieses Trägermaterial anschließend besiedeln und neues Gewebe bilden", berichtet Löwenheim.

Um die Neubesiedlung der Trägermaterialien zu verbessern, werden inzwischen auch Wachstumsfaktoren, so genannte Bone morphogenetic proteins (BMPs), zur Regeneration von Knochengewebe eingesetzt. "Diese Proteine", so Löwenheim "können undifferenzierte Stammzellen aus dem Knochenmark dazu bringen, sich zu Knochenzellen zu differenzieren und auf dem Trägermaterial neues Knochengewebe zu bilden."

Auch auf dem Gebiet der Knorpelregeneration ist die Forschung schon sehr weit vorangeschritten: In der Zellkultur besiedeln Forscher biokompatible Trägermaterialien mit Knorpelzellen und können so auch komplexe Strukturen wie Ohrmuscheln entstehen lassen. Transplantationsversuche mit derart rekonstruierten Ohrmuscheln sind bisher jedoch fehlgeschlagen, weil der Körper das Gewebe innerhalb mehrerer Wochen resorbiert. "Man sucht deshalb derzeit noch nach geeigneten Trägermaterialien und Wachstumsfaktoren, um die Regeneration der Knorpelstrukturen zu optimieren", so Löwenheim.
Im Stadium der Grundlagenforschung befindet sich derzeit die Erforschung der Regeneration von Sinneszellen im Kopf-Hals-Bereich. "Insbesondere in die Erneuerung der Haarzellen und der Spiralganglienzellen im Innenohr setzen wir aber große Hoffnungen", sagt Löwenheim. Da Experten allein in Deutschland von bis zu 12 Millionen Menschen mit Innenohrschwerhörigkeit ausgehen, ist dieser Ansatz von großer Bedeutung. Hinzu komme, sagt Löwenheim, "dass in Zukunft etwa zehn Prozent der jungen Generation aufgrund der zunehmenden Freitzeitlärmbelastung von Schwerhörigkeit betroffen sein werden."

Die ersten Untersuchungen auf dem Weg zur Haarzell-Regeneration zeigen viel versprechende Ergebnisse: Mediziner konnten bereits mehrere Faktoren identifizieren, die die Differenzierung von Vorläuferzellen, den so genannten Stützzellen, zu Haarzellen steuern. "Wir haben in unserer Arbeitsgruppe beispielsweise das Molekül p27 gefunden, dass bei der Teilung der Stützzellen quasi als Bremse funktioniert", berichtet Löwenheim. Indem sie das Molekül hemmten, konnten die Mediziner die Zellen wieder zur Teilung bringen. Einen Differenzierungsfaktor, der die Umwandlung der Stützzellen zu Haarzellen steuert, haben Forscher ebenfalls bereits identifiziert. "Wir kennen allerdings bisher nur einzelne Bausteine, aus denen sich der Regenerationsprozess zusammensetzt," so Löwenheim. "Diese müssen wir erst zu einem Gesamtbild zusammenfügen, um Patienten in Zukunft die ursprüngliche Hörfähigkeit wiederzugeben."

Rückfragen an:
Dr. med. Hubert Löwenheim
Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik
Elfriede-Aulhorn Str. 5
72076 Tübingen
Tel.: 07071 / 2988-088
Fax.: 07071 / 2933-11
E-Mail: hubert.loewenheim@uni-tuebingen.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.hno.org/

Weitere Berichte zu: Gewebe Knochengewebe Stützzelle Trägermaterial

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Studie mit bispezifischem Antikörper liefert beeindruckende Behandlungserfolge bei Multiplem Myelom
01.04.2020 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Pool-Testen von SARS-CoV-2 Proben erhöht die Testkapazität weltweit um ein Vielfaches
31.03.2020 | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Breites Spektrum: Neuartiges Hybridmaterial erweist sich als effizienter Fotodetektor

Digitalkameras, aber auch viele andere elektronische Anwendungen benötigen lichtempfindliche Sensoren. Um den steigenden Bedarf an solchen optoelektronischen Bauteilen zu decken, sucht die Industrie nach neuen Halbleitermaterialien. Diese sollten nicht nur einen möglichst breiten Wellenlängenbereich erfassen, sondern auch preisgünstig sein. Ein in Dresden entwickeltes Hybridmaterial erfüllt beide Anforderungen. Himani Arora, Physik-Doktorandin am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), wies nach, dass sich eine metallorganische Verbindung als Breitband-Fotodetektor verwenden lässt. Da es keine teuren Rohstoffe enthält, kann es in großen Mengen preisgünstig produziert werden.

Metallorganische Gerüste (Metal-Organic Frameworks, MOFs) haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem gefragten Materialsystem entwickelt. Die...

Im Focus: Broad spectrum: Novel hybrid material proves an efficient photodetector

Digital cameras as well as many other electronic devices need light-sensitive sensors. In order to cater for the increasing demand for optoelectronic components of this kind, industry is searching for new semiconductor materials. They are not only supposed to cover a broad range of wavelengths but should also be inexpensive.

A hybrid material, developed in Dresden, fulfils both these requirements. Himani Arora, a physics PhD student at Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR),...

Im Focus: Langlebigere Satelliten, weniger Weltraumschrott

Forschende der Universität Stuttgart nehmen innovatives induktives Plasmatriebwerk auf Helicon-Basis in Betrieb

Erdbeobachtungssatelliten für niedrige Flughöhen, kleiner, leichter und billiger als herkömmliche Modelle: Das sind die Ziele des EU- Projekts „DISCOVERER“, an...

Im Focus: X-ray vision through the water window

The development of the first high-repetition-rate laser source that produces coherent soft x-rays spanning the entire 'water window' heralds the beginning of a new generation of attosecond technology

The ability to generate light pulses of sub-femtosecond duration, first demonstrated some 20 years ago, has given rise to an entirely new field: attosecond...

Im Focus: Innovative Technologien für Satelliten

Er kommt ohne Verkabelung aus und seine tragende Struktur ist gleichzeitig ein Akku: An einem derart raffiniert gebauten Kleinsatelliten arbeiten Forschungsteams aus Braunschweig und Würzburg. Für 2023 ist das Testen des Kleinsatelliten im Orbit geplant.

Manche Satelliten sind nur wenig größer als eine Milchtüte. Dieser Bautypus soll jetzt eine weiter vereinfachte Architektur bekommen und dadurch noch leichter...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium AWK’21 findet am 10. und 11. Juni 2021 statt

06.04.2020 | Veranstaltungen

Interdisziplinärer Austausch zum Design elektrochemischer Reaktoren

03.04.2020 | Veranstaltungen

13. »AKL – International Laser Technology Congress«: 4.–6. Mai 2022 in Aachen – Lasertechnik Live bereits früher!

02.04.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Preisgekröntes Projektmanagement

09.04.2020 | Förderungen Preise

Breites Spektrum: Neuartiges Hybridmaterial erweist sich als effizienter Fotodetektor

09.04.2020 | Materialwissenschaften

Bayreuther Genetiker entdecken Regulationsmechanismus der Chromosomen-Vererbung

09.04.2020 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics