Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nutzen der hyperbaren Sauerstofftherapie bei Brandwunden ist nicht belegt

05.11.2007
Trotz jahrzehntelanger Anwendung fehlen noch immer aussagekräftige Studien

Derzeit ist wissenschaftlich nicht belegt, dass Brandwunden besser heilen, seltener schwere Infektionen auftreten oder Patienten weniger Schmerzen erleiden, wenn sie zusätzlich zur konventionellen Behandlung eine hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) erhalten.

Obwohl die HBO in einigen klinischen Zentren bereits seit mehreren Jahrzehnten bei Brandverletzten eingesetzt wird, sind bislang keine aussagekräftigen Studien verfügbar. Der mögliche Schaden oder Nutzen der HBO lässt sich deshalb gegenwärtig nicht zuverlässig beurteilen. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), den die Kölner Wissenschaftler am 5. November 2007 veröffentlicht haben.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte das IQWiG beauftragt, den Nutzen einer zusätzlich eingesetzten HBO im Vergleich zur alleinigen konventionellen Behandlung zu bewerten sowie verschiedene Formen der HBO - jeweils als additive Therapie - untereinander zu vergleichen.

Zusätzlicher Sauerstoff soll Absterben des Gewebes verhindern

Bei der HBO atmet der Patient in einer Druckkammer über eine Maske oder über ein Kopfzelt reinen Sauerstoff ein. Durch den erhöhten Druck lässt sich die Sauerstoffmenge im Blut steigern. Bei der Behandlung von Brandopfern wird die HBO schon seit Jahrzehnten eingesetzt, um Kohlenmonoxidvergiftungen entgegen zu wirken. Dabei wurde auch beobachtet, dass die Wunden anscheinend schneller heilen.

Auch nicht randomisierte Studien einbezogen

Obwohl sie ihre Recherche auch auf nicht randomisierte Studien ausgedehnt hatten, fanden die IQWiG-Wissenschaftler nur 6 klinische Vergleiche mit insgesamt 562 Probanden, die sie in die Auswertung einbeziehen konnten. Nur in einer dieser Studien waren die insgesamt 16 Patienten nach dem Zufallsprinzip einer der Gruppen zugeteilt worden. In der mit 875 Teilnehmern größten Studie wurden die Patienten zum einen nur unvollständig charakterisiert. Zum anderen wurden Ergebnisse nur für eine Teilgruppe der Patienten (286) dargestellt, obwohl diese Teilauswertung nicht geplant war. Damit blieben rund zwei Drittel der Studienteilnehmer unberücksichtigt.

Das Gesamtergebnis ist deshalb letztlich nicht mehr interpretierbar. Denn es ist beispielsweise nicht auszuschließen, dass die Therapie gewechselt bzw. abgebrochen wurde, weil unter der HBO unerwünschte Ereignisse auftraten. In keiner Studie wurden die Patienten auch über den Klinikaufenthalt hinaus beobachtet. Aussagen nur zum Therapieziel Wundheilungszeit möglich Wissenschaftliche Belege für den vermuteten Nutzen der HBO fanden die IQWiG-Wissenschaftler in den Studien nicht. Weder für die Kriterien Sterblichkeit, Blutvergiftung (Sepsis), operative Eingriffe, Aufenthaltsdauer im Krankenhaus, unerwünschte Nebenwirkungen und Komplikationen noch für die Lebensqualität lassen sich belastbare Aussagen machen.

Einzig beim Therapieziel Wundheilungszeit gibt es Hinweise, dass eine zusätzliche HBO Vorteile für die Patienten haben könnte. Allerdings stammen diese Daten aus einer mit insgesamt 16 Patienten sehr kleinen, bereits über 30 Jahre alten Studie. Sie ließ zudem methodische Fragen offen, weshalb ihre Ergebnisse nur eingeschränkt interpretierbar sind. Zudem machte keine der anderen 5 Studien konkrete Angaben zur Wundheilungszeit.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Den Vorbericht hatte das IQWiG am 31. Mai 2007 im Internet publiziert. Bis zum 28. Juni konnten dazu Stellungnahmen eingereicht werden. Das IQWiG erhielt drei solcher Kommentare, die aber der allgemeinen Schlussfolgerung des Vorberichts nicht widersprachen. Zusätzliche, bis dahin nicht vom IQWiG identifizierte, aber relevante Publikationen wurden darin ebenfalls nicht benannt. Da die Stellungnahmen keine Fragen aufwarfen, die diskutiert werden mussten, verzichtete das IQWiG auf eine mündliche wissenschaftliche Erörterung. Die Stellungnahmen wurden aber berücksichtigt: Ihre inhaltlichen Einwände werden im Abschlussbericht diskutiert (siehe S. 48-50) und in einem gesonderten Dokument vollständig wiedergegeben. Am 6. September 2007 wurde der Abschlussbericht an den Auftraggeber, den Gemeinsamen Bundesausschuss, versandt.

Dr. Anna-Sabine Ernst | idw
Weitere Informationen:
http://www.iqwig.de

Weitere Berichte zu: Brandwunden HBO Sauerstofftherapie Wundheilungszeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Spezialfarbstoff erlaubt völlig neue Einblicke ins Gehirn
16.08.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Keime fliegen mit
16.08.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics