Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entzündliche Vorgänge bei der Alzheimer’schen Krankheit

03.08.2000


Dr. Gerald Münch im

Labor


Die Forschergruppe um Dr. Gerald Münch vom IZKF Leipzig hatte eine Idee: Bei der Behandlung von diabetischen Nervenschäden wird schon lange ein Medikament eingesetzt, die Thioctsäure, die diese freien Radikalen unschädlich macht und gleichzeitig die Nervenzelle mit mehr Energie versorgt. "Warum sollten solche (als Antioxidantien bezeichnete) Substanzen nicht auch die chronische Entzündung erfolgreich bekämpfen können, die durch die AGEs im Gehirn hervorgerufen werden, und gleichzeitig der Nervenzelle die Energie zum Reparieren erlittener Schäden geben?", fragten sich die Forscher

Die Alzheimersche Krankheit ist so bekannt wie allgemein gefürchtet. Noch immer ist kein Medikament in Sicht, mit dem man die Krankheit aufhalten, geschweige denn heilen kann. Eine Gruppe von jungen Wissenschaftlern um den Biochemiker Dr. Gerald Münch vom Interdisziplinären Zentrum für Klinische Forschung Leipzig (IZKF) hat hier neue Wege eingeschlagen, die vielversprechend sind.

Für die Alzheimer Demenz sind Proteinablagerungen im Gehirn charakteristisch, die so genannten senilen Plaques, die miteinander vernetzt und nicht wieder abbaubar sind. Ein Bestandteil der Plaques sind die sogenannten Advanced Glycation Endproducts (AGEs), die aus Zuckerfragmentierungsprodukten gebildete werden. Die AGEs lösen entzündlicher Prozesse aus und tragen so zunächst zum Funktionsverlust, im fortgeschrittenen Stadium zur Zerstörung von Nervenzellen bei. Wie die Advanced Glycation Endproducts mit den Nervenzellen interagieren und welche Signalwege sie in der Zelle stimulieren ist noch weitgehend ungeklärt. Weiterhin sind die genauen chemischen Strukturen vieler AGEs noch nicht vollständig aufgeklärt. Das ist aber eine Voraussetzung dafür, Medikamente zu entwickeln, die man gegen Alzheimer einsetzen kann.

Auf diesem Wege ist die Arbeitsgruppe von Privatdozent Dr. Gerald Münch vom IZKF Leipzig einen Schritt weitergekommen. Sie wies erstmals die entzündungsauslösende Wirkung der AGEs nach, bei denen freie Radikale (das sind stark reaktionsfähige Sauerstoffverbindungen) eine entscheidende Rolle spielen. Die Forschergruppe hatte nun eine Idee: Bei der Behandlung von diabetischen Nervenschäden wird schon lange ein Medikament eingesetzt, die Thioctsäure, die diese freien Radikalen unschädlich macht und gleichzeitig die Nervenzelle mit mehr Energie versorgt. "Warum sollten solche (als Antioxidantien bezeichnete) Substanzen nicht auch die chronische Entzündung erfolgreich bekämpfen können, die durch die AGEs im Gehirn hervorgerufen werden, und gleichzeitig der Nervenzelle die Energie zum Reparieren erlittener Schäden geben?", fragten sich die Forscher.

Inspiriert von diesen grundlegenden biochemischen Untersuchungen behandelte Privatdozent Dr. Klaus Hager in der Klinik für medizinische Rehabilitation und Geriatrie der Henriettenstiftung Hannover zehn Alzheimer-Patienten über sechs bis zwölf Monate mit Thioctsäure. Die positiven Erfolge der Behandlung lassen darauf schließen, daß die Konzepte der Leipziger Forscher schlüssig waren und die durch die AGEs ausgelösten Entzündungen auf diese Weise erfolgreich bekämpft werden können.

Jetzt will die Arbeitsgruppe Gruppe um PD. Dr. Gerald Münch die AGE-Rezeptoren finden und untersuchen, die für die Entzündungsprozesse verantwortlich sind. Wenn deren molekulare Struktur genau geklärt ist, kann man das Pendant finden, nämlich jene blockierende Strukturen, mit denen man die Entzündung bekämpfen kann. Systematisch geordnete Peptidsammlungen stellen dafür die Schlüsseltechnologie dar. Sie erlauben es, AGE-ähnliche Strukturen systematisch zu synthetisieren und in Zelltests zu untersuchen. Die Forscher hoffen, damit das womöglich erste Medikament zu finden, das (auch in Kombination mit Thioctsäure) gegen AGEs als die Auslöser der neuroimmunologisch-neurodegenarativen Prozesse eingesetzt werden kann, die die Alzheimer Krankheit mitbestimmen.

Prof. Dr. Frank Emmrich, Sprecher, des Interdisziplinären Zentrums für klinische Forschung Leipzig schätzt die Arbeit der jungen Wissenschaftlergruppe um Dr. Münch als sehr vielversprechend ein: "Die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern durch das IZKF trägt erste Früchte. Nun kommt es darauf an, den Motivationschub, der sich daraus auch für andere ergibt, zu nutzen, um Ergebnisse vorzulegen, die unmittelbar den Patienten zugute kommen.", so Prof. Emmrich.

PS:
Aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse der Pilotstudie hat sich die Firma ASTA Medica (Frankfurt) entschlossen, eine multzentrische Studie in mehreren deutschen Kliniken noch in diesem Jahr zu beginnen. Dabei soll Dexlipotam, ein verbessertes Derivat der Thioctsäure eingesetzt werden, dessen überlegene Wirkung gegenüber der Grundsubstanz sich schon in mehreren Studien bei diabetischen Nervenfunktionsstörungen gezeigt hat.

Dr. Bärbel Adams

Dr. Bärbel Adams |

Weitere Berichte zu: AGEs IZKF Nervenzelle Thioctsäure

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kokosöl verlängert Leben bei peroxisomalen Störungen
20.06.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Überdosis Calcium
19.06.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics