Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Modellprojekt hat weltweit Vorreiterfunktion

10.04.2002


Ergebnisse des Neuroblastom-Screenings vorgestellt

Mit dem Modellprojekt Neuroblastom-Früherkennung ist in Deutschland erstmals ein Massen-Screening-Verfahren zur Krebsfrüherkennung bei Kindern wissenschaftlich erprobt und bewertet worden. Die Erkenntnisse sind richtungweisend und das Projekt hat weltweit Vorbildfunktion für die Beurteilung anderer Screening-Verfahren. Darin sind sich alle Beteiligten einig. Das Ergebnis brachte Dr. Freimut H. Schilling, Arzt am Olgahospital in Stuttgart und Sekretär des Modellprojektes, auf einer Pressekonferenz am 10. April 2002 in Bonn auf den Punkt: „Ein flächendeckendes Programm zur Früherkennung des Neuroblastoms im Kleinkindalter ist nicht sinnvoll, da es weder die Sterblichkeit noch die Zahl der Kinder mit fortgeschrittenen Krankheitsstadien senkt“. Das weltweit einmalige Großprojekt lief von Mai 1995 bis April 2001 und stand unter der Projektträgerschaft der Deutschen Krebshilfe. Gefördert wurde es von den gesetzlichen Krankenkassen, dem Bundesministerium für Gesundheit, den privaten Krankenversicherungen sowie den Gesundheitsministerien der beteiligten Länder. Möglich war das Projekt nur durch die engagierte Teilnahme der niedergelassenen Kinder- und Allgemeinärzte. Die Ergebnisse wurden am 4. April 2002 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Jährlich erkranken in Deutschland rund 130 Kinder neu an einem Neuroblastom, einer besonderen Form von Nervenkrebs. Wird der Tumor vor der Metastasierung entdeckt, können vier von fünf Kindern geheilt werden. Hat die Geschwulst bereits gestreut, überleben lediglich 20 Prozent der betroffenen Kinder. Da der Tumor lange Zeit keine Beschwerden verursacht, ist eine frühe Diagnose oft nicht möglich. Die überwiegende Mehrheit der Neuroblastome bildet jedoch Stoffwechselprodukte, die im Urin der betroffenen Kinder nachgewiesen werden können. Diese Tatsache machen sich Ärzte in Japan seit vielen Jahren zunutze: Mit einem einfachen Windeltest fahnden sie bei Säuglingen im sechsten Lebensmonat nach einem Neuroblastom. Die Wirksamkeit dieses frühen Screenings konnte wissenschaftlich jedoch nicht nachgewiesen werden.

Haben Kleinkinder deutlich bessere Heilungschancen, wenn ihr Urin bei der von den gesetzlichen Krankenkassen empfohlenen Vorsorgeuntersuchung U6 zwischen dem 10. und 12. Lebensmonat untersucht wird? Diese Frage wissenschaftlich fundiert zu beantworten war Ziel des multizentrischen Modellprojektes Neuroblastom-Früherkennung.

Das Ergebnis des Projektes: Ein Massen-Früherkennungsprogramm des Neuroblastoms bei Kleinkindern zwischen dem 10. und dem 12. Lebensmonat ist nicht sinnvoll. Der Grund: Weder die Sterblichkeit noch die Zahl der fortgeschrittenen Neuroblastome konnte gesenkt werden. Zwar entdeckten die Mediziner bei mehr Kindern ein frühes Tumorstadium, die Zahl der kleinen Patienten mit einem später entdeckten, fortgeschrittenen Tumor blieb jedoch gleich. „Der erwartete Früherkennungseffekt, möglichst alle Neuroblastome bereits Anfang des zweiten Lebensjahres durch eine einfache Urinuntersuchung zu entdecken, konnte somit nicht belegt werden“, so Dr. Freimut H. Schilling. In Folge der Massenuntersuchung sei unerwartet eine Fallzahlzunahme beobachtet worden, die auch als ‚Überdiagnose’ bezeichnet werde. Bekannt war, dass sich frühe Neuroblastome vor dem ersten Lebensjahr spontan zurückbilden können. Schilling: „Das Projekt zeigt nun erstmals, dass offenbar auch bei Kindern, die älter als ein Jahr sind, Spontanheilungen auftreten können. Diese Erkenntnis ist neu und wird mit Sicherheit in zukünftige Behandlungskonzepte einfließen“. Das Modellprojekt ermögliche darüber hinaus neue Erkenntnisse über die Biologie der Neuroblastome. Schilling ist sich sicher, dass sich daraus Fortschritte bei der Diagnose und Therapie ableiten lassen, die zu konkreten Verbesserungen für die betroffenen Kindern führen werden.

Rund 2,6 Millionen Kindern in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wurde der Urintest angeboten. 1,5 Millionen von ihnen nahmen freiwillig an der Untersuchung teil. Vergleichbares Kontrollgebiet bildeten die Bundesländer Bayern, Berlin, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Kontrollregionen waren notwendig, da ohne eine direkte Vergleichsmöglichkeit zwischen den untersuchten und den nicht untersuchten Gebieten keine endgültige Antwort über den Stellenwert des Verfahrens möglich wäre. Dank des Deutschen Kinderkrebsregisters in Mainz werden seit vielen Jahren vollzählig alle Krebserkrankungen bei Kindern in Deutschland erfasst. Dies garantierte für das Modellprojekt die epidemiologisch qualifizierte Datenerhebung, Auswertung und die epidemiologische Begleitforschung.

Das Fazit aller am Projekt Beteiligten: Früherkennung ist die wichtigste Säule im Kampf gegen die Krankheit Krebs. Das Modellprojekt hat jedoch gezeigt, wie wichtig es ist, vor der flächendeckenden Einführung von Früherkennungsuntersuchungen deren Nutzen in kontrollierten Studien zu belegen.

| Presse-Newsletter
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de/frames.html?http://www2.krebshilfe.de/presse/pm-neu.asp?Nr=288.

Weitere Berichte zu: Neuroblastom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neue Erkenntnisse zur Schlaganfall-Rehabilitation: Entspannung besser als Laufbandtraining?
19.09.2019 | Universität Greifswald

nachricht Forscher entwickeln "Landkarte" für Krebswachstum
19.09.2019 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 'Nanochains' could increase battery capacity, cut charging time

How long the battery of your phone or computer lasts depends on how many lithium ions can be stored in the battery's negative electrode material. If the battery runs out of these ions, it can't generate an electrical current to run a device and ultimately fails.

Materials with a higher lithium ion storage capacity are either too heavy or the wrong shape to replace graphite, the electrode material currently used in...

Im Focus: Nervenzellen feuern Hirntumorzellen zum Wachstum an

Heidelberger Wissenschaftler und Ärzte beschreiben aktuell im Fachjournal „Nature“, wie Nervenzellen des Gehirns mit aggressiven Glioblastomen in Verbindung treten und so das Tumorwachstum fördern / Mechanismus der Tumor-Aktivierung liefert Ansatzpunkte für klinische Studien

Nervenzellen geben ihre Signale über Synapsen – feine Zellausläufer mit Kontaktknöpfchen, die der nächsten Nervenzelle aufliegen – untereinander weiter....

Im Focus: Stevens team closes in on 'holy grail' of room temperature quantum computing chips

Photons interact on chip-based system with unprecedented efficiency

To process information, photons must interact. However, these tiny packets of light want nothing to do with each other, each passing by without altering the...

Im Focus: Happy hour für die zeitaufgelöste Kristallographie

Ein Forschungsteam vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD), der Universität Hamburg und dem European Molecular Biology Laboratory (EMBL) hat eine neue Methode entwickelt, um Biomoleküle bei der Arbeit zu beobachten. Sie macht es bedeutend einfacher, enzymatische Reaktionen auszulösen, da hierzu ein Cocktail aus kleinen Flüssigkeitsmengen und Proteinkristallen angewandt wird. Ab dem Zeitpunkt des Mischens werden die Proteinstrukturen in definierten Abständen bestimmt. Mit der dadurch entstehenden Zeitraffersequenz können nun die Bewegungen der biologischen Moleküle abgebildet werden.

Die Funktionen von Biomolekülen werden nicht nur durch ihre molekularen Strukturen, sondern auch durch deren Veränderungen bestimmt. Mittels der...

Im Focus: Happy hour for time-resolved crystallography

Researchers from the Department of Atomically Resolved Dynamics of the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter (MPSD) at the Center for Free-Electron Laser Science in Hamburg, the University of Hamburg and the European Molecular Biology Laboratory (EMBL) outstation in the city have developed a new method to watch biomolecules at work. This method dramatically simplifies starting enzymatic reactions by mixing a cocktail of small amounts of liquids with protein crystals. Determination of the protein structures at different times after mixing can be assembled into a time-lapse sequence that shows the molecular foundations of biology.

The functions of biomolecules are determined by their motions and structural changes. Yet it is a formidable challenge to understand these dynamic motions.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

92. Neurologie-Kongress: Mehr als 6500 Neurologen in Stuttgart erwartet

20.09.2019 | Veranstaltungen

Frische Ideen zur Mobilität von morgen

20.09.2019 | Veranstaltungen

Thermodynamik – Energien der Zukunft

19.09.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Ferroelektrizität verbessert Perowskit-Solarzellen

20.09.2019 | Energie und Elektrotechnik

HD-Mikroskopie in Millisekunden

20.09.2019 | Biowissenschaften Chemie

Kinobilder aus lebenden Zellen: Forscherteam aus Jena und Bielefeld 
verbessert superauflösende Mikroskopie

20.09.2019 | Medizintechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics