Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gekühlte Infarkt-Patienten leben länger

08.04.2002


Durch 24-stündige Unterkühlung von Herzstillstand-Patienten ließe sich einer von sieben Betroffenen retten und der Anteil schwerer Folgeschäden drastisch reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine europaweite Studie unter Beteiligung der Universität Bonn, die kürzlich im New England Journal of Medicine (N Engl J Med, Febr. 21, 2002; Vol 346 (8) S. 549-556) veröffentlicht wurde.

Die Mediziner untersuchten eine Gruppe von 275 Patienten, deren Blutzirkulation nach einem durch Kammerflimmern verursachten Herzstillstand für 5 bis 15 Minuten unterbrochen gewesen war. Die Hälfte der Betroffenen wurde binnen vier Stunden nach dem Herzstillstand auf 32 bis 34 Grad gekühlt, indem man die Patienten in einem Spezialbett am ganzen Körper mit kalter Luft umspülte. Nach 24 Stunden wurde die Kühlung beendet, und die Körpertemperatur konnte sich normalisieren. Bei der anderen Hälfte senkten die Ärzte die Körpertemperatur nicht ab. Ansonsten behandelten die Mediziner beide Gruppen in der gleichen Weise. "Sechs Monate nach dem Herzstillstand zeigten 55 Prozent der gekühlten Patienten gar keine oder nur geringe Beeinträchtigungen der Hirnfunktionen, 4 Prozent zeigten schwere neurologische Schäden, 41 Prozent waren verstorben", fasst Dr. Peter Walger, Leiter der Intensivstation an der Medizinischen Universitäts-Poliklinik und einer der Ko-Autoren der Studie, die Ergebnisse zusammen. "Dagegen beobachteten wir lediglich bei 39 Prozent der nicht gekühlten Patienten keine oder nur geringe Störungen, 6 Prozent erlitten schwere Hirnschädigungen, und 55 Prozent waren verstorben."

Warum aber schützt Kälte die Patienten? Nach einer mehrminütigen Unterbrechung der Blutzirkulation bilden sich im Körper in großen Mengen freie Radikale. Sie können im wiederbelebten Patienten eine Kettenreaktion in Gang setzen, an deren Ende irreparable Hirnschädigungen stehen. Diese verstärken die Schädigungen, die durch den Sauerstoffmangel selbst verursacht werden. Niedrige Temperaturen scheinen sowohl die Radikalbildung als auch die von ihnen ausgelösten Stoffwechselprozesse zu verlangsamen. Bereits in den 50er und 60er Jahren hatte man untersucht, wie sich Unterkühlung auf Überlebenschance und Spätschäden bei wiederbelebten Patienten auswirkt. Die Ergebnisse waren damals aber widersprüchlich, so dass erst in den 90er Jahren weitere Untersuchungen - zunächst an Tieren, dann an kleinen Patientengruppen - durchgeführt wurden.

Die aktuelle Studie gewinnt aufgrund der großen Patientenzahl an Aussagekraft; die zeitgleich veröffentlichten Ergebnisse einer australischen Arbeitsgruppe deuten zudem in die gleiche Richtung und untermauern somit die Bedeutung der Behandlungsmethode. Dr. Walger: "Jährlich erleiden etwa 375.000 Europäer einen Herzstillstand; 30.000 von ihnen erfüllen die Bedingungen, die wir für unsere Studie angelegt haben. Würde man diese 30.000 Patienten sämtlich in der beschrieben Weise kühlen, könnte man in bis zu 7.500 Fällen einen schwereren neurologischen Schaden verhindern."

Das New England Journal of Medicine fand die Resultate beider Studien gar so beeindruckend, dass es dem Thema "Unterkühlung nach Herzstillstand" sowohl ein Editorial als auch einen eigenen Übersichtsartikel widmete. Weitere Studien seien zwar nötig, aber die Autoren raten bereits jetzt: "Wir empfehlen die Methode der leichten Unterkühlung bei Überlebenden eines Herzstillstandes - so früh wie möglich und für mindestens zwölf Stunden."

Die Medizinische Poliklinik war eines von acht europäischen Zentren, die an der aus EU-Mitteln geförderten Studie teilnahmen. Die Mediziner kooperierten eng mit dem Bonner Notarztsystem unter Leitung von Dr. Matthias Fischer, Klinik für Anästhesiologie und spezielle Intensivmedizin der Universität Bonn. Außerdem beteiligte sich die anästhesiologische Intensivstation des Waldkrankenhauses in Bad Godesberg.

Weitere Informationen: OA Dr. Peter Walger, Medizinische Poliklinik an der Universität Bonn (Direktor: Prof. Dr. med. H. Vetter), Tel.: 0228/287-2564, Mobil: 0171/4154050, Fax: 0228/287-2634, E-Mail: walger@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw

Weitere Berichte zu: Herzstillstand Unterkühlung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aussicht auf neue Therapie bei rheumatoider Arthritis
21.08.2018 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

nachricht Weiterer Schritt im Kampf gegen Lungenkrebs
21.08.2018 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Dialog an Deck, Science Slam und Pong-Battle

21.08.2018 | Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Auf dem Weg zur personalisierten Medizin

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

In Form gebracht

21.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superauflösende Mikroskopie - Neue Markierungssonden im Nanomaßstab

21.08.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics