Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erste Dünndarm-Transplantation an der Charité - Innovation bei der Ernährung

05.07.2000


... mehr zu:
»Morbus Crohn
AUS DER MEDIZIN FÜR DIE MEDIEN 25 - 2000

In der Nacht vom 19. auf den 20. Juni ist in der "Klinik für

Allgemein-, Viszeral und Transplantationschirurgie" der Charité eine Dünndarmtransplantation erfolgreich durchgeführt worden. Die Klinik, Deutschlands größtes Transplantationszentrum, hat diese Transplantationart seit langem wissenschaftlich vorbereitet. Erster Empfänger ist nun eine junge Frau, die ein Spenderorgan aus Berlin erhielt, sodaß zwischen Entnahme und Empfang nur die optimal kurze Frist von 2 1/ 2 Stunden verstrich.
Wie Oberärztin und Privatdozentin Dr. Andrea Müller, die die Transplantion leitete, sagt, litt die Patientin seit ihrer Kindheit an einer angeborenen Mißbildung, einer "Malrotation" des Darmes . In ihrem Fall war der Dickdarm ausschließlich linksseitig gelagert, statt sich wie üblich im Bogen über den gesamten Leib auszudehnen. Außerdem war der Dünndarm verdreht, was wiederholt zu lebensgefährlichen Einstülpungen und Entzündungen führte, die zu vielfachen chirurgischen Eingriffen zwangen. Bei jeder dieser Operationen (in auswärtigen Krankenhäusern) mußte ein Stück des ursprünglich mehrere Meter langen Dünndarms entfernt werden, bis nur noch 40 Zentimeter übrig blieben. In diesem Zustand kam die Patientin vor ca 10 Monaten erstmals in die Charité. Seit diesem Zeitpunkt wurden erneut mehrere Operationen erforderlich, sodaß der Dünndarm schließlich auf 10 cm verkürzt und eine normale Ernährung nicht mehr möglich war. Vielmehr mußte auf die Zufuhr von Nährstoffen per Infusion übergegangen werden. Für diese "parenterale" Ernährung wurde ein dauerhafter Zugang zum Gefäßssystem gelegt. In dessen Umgebung sind weitere Entzündungen aufgetreten, die erneut Operationen nach sich zogen.
Da der Dünndarm nicht nur der Verdauung dient, sondern dank seiner zahlreichen Immunzellen auch ein großes Entgiftungsorgan ist, sinkt die körperliche Abwehrkraft, wenn der Darm verloren geht. Dies wiederum macht Infektionen lebensgefährlich. Außerdem beschädigte die parenterale Ernährung die Leber, die teilweise schon bindegewebig (fibrotisch) umgebaut war. Obendrein wurde auch der Dickdarm durch die Infusionsernährung seiner Aufgaben enthoben. Bei der Patientin war er monatelang ruhig gestellt und verklebt, bis er vor der Dünndarmtransplantation gereinigt und für die Nahrungspassage wieder durchgängig wurde.
Die Frau hat die Transplantation gut überstanden und ist wohlauf. Frau Dr. Müller führt dies auch auf eine Innovation zurück, die sie hier erstmals bei einer Dünndarmtransplantation eingesetzt hat. Statt nämlich den Empfänger des Transplantates für mehrere Tage nüchtern zu lassen (in der Absicht, die Nahtstellen im Darm schonend heilen zu lassen) weicht Frau Dr. Müller bewußt von diesem Verfahren mit einem Ernährungskonzept ab, das sich ihr in Tierstudien und bei Patienten mit schweren Darmerkrankungen bewährt hat: Die Patientin erhielt unmittelbar nach der Transplantation über eine dünne Ernährungssonde eine flüssige Diät, die reich an bestimmten Amino- und Fettsäuren (Arginin, Glutamin und Omega-3-Fettsäuren, Lactobazillen und Ballaststoffen) ist. Offenbar bekommt es dem Darm gut, wenn er sofort von innen ernährt wird und Verdauungsleistungen erbringen muß. Die Spezialnahrung scheint auch sogenannte Reperfusionsschäden zu mindern, die jedes gespendete Organ erleidet, wenn es zum ersten Mal mit dem Blut des Empfängers durchflutet wird. Außerdem glaubt Müller, durch die sofortige Ernährung einer besonderen Gefahr vorzubeugen: Ließe man Transplantatempfänger nur drei Tage nüchtern, so wanderten Bakterien vom Dickdarm hinauf in den transplantierten Dünndarm. Immunzellen des Empfängers würden dann nicht nur versuchen, diese Bakterien zu vernichten, sondern auch das Transplantat als "fremd" angreifen.
Gute Erfahrungen hat Frau Dr. Müller mit der Sondenernährung auch bei inzwischen etwa 50 Patienten gemacht, die wegen anderer (entzündlicher) Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Bauchfellentzündung) chirurgisch behandelt werden mußten.

Weltweit sind bisher etwa 500 Dünndarmtransplantationen durchgeführt worden, davon einzelne auch in Deutschland. In den 5 großen Zentren der Welt, die besondere Erfahrungen mit diesem Verfahren haben, liegt die Ein-Jahresüberlebensrate bei 90 %.
Silvia Schattenfroh

Charité
Medizinische Fakultät der
Humboldt Universität zu Berlin

Dekanat
Pressereferat-Forschung
Dr. med. Silvia Schattenfroh
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin

FON: (030) 450-70 400
FAX: (030) 450-70-940

e-mail: silvia.schattenfroh@charite.de

Dr. med. Silvia Schattenfroh |

Weitere Berichte zu: Morbus Crohn

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bekannte Arzneimittel – neue Wirkung im Kampf gegen Infektionen?
06.06.2019 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Erste zugelassene Gentherapie in der Augenheilkunde am Klinikum der LMU München durchgeführt
05.06.2019 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Partielle Mondfinsternis am 16./17. Juli 2019

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde (VdS) und des Hauses der Astronomie in Heidelberg - Wie im letzten Jahr findet auch 2019 eine in den späten Abendstunden in einer lauen Sommernacht gut zu beobachtende Mondfinsternis statt, und zwar in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli. Die Finsternis ist zwar nur partiell - der Mond tritt also nicht vollständig in den Erdschatten ein - es ist aber für die nächsten Jahre die einzige gut sichtbare Mondfinsternis im deutschen Sprachraum.

Am Dienstagabend, den 16. Juli, wird ein kosmisches Schauspiel zu sehen sein: Der Vollmond taucht zu einem großen Teil in den Schatten der Erde ein, es findet...

Im Focus: Fraunhofer IDMT zeigt akustische Qualitätskontrolle auf der Fachmesse für Messtechnik »Sensor + Test 2019«

Das Ilmenauer Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT präsentiert vom 25. bis 27. Juni 2019 am Gemeinschaftsstand der Fraunhofer-Gesellschaft (Stand 5-248) seine neue Lösung zur berührungslosen, akustischen Qualitätskontrolle von Werkstücken und Bauteilen. Da die Prüfung zerstörungsfrei funktioniert, kann teurer Prüfschrott vermieden werden. Das Prüfverfahren wird derzeit gemeinsam mit verschiedenen Industriepartnern im praktischen Einsatz erfolgreich getestet und hat das Technology Readiness Level (TRL) 6 erreicht.

Maschinenausfälle, Fertigungsfehler und teuren Prüfschrott reduzieren

Im Focus: Fraunhofer IDMT demonstrates its method for acoustic quality inspection at »Sensor+Test 2019« in Nürnberg

From June 25th to 27th 2019, the Fraunhofer Institute for Digital Media Technology IDMT in Ilmenau (Germany) will be presenting a new solution for acoustic quality inspection allowing contact-free, non-destructive testing of manufactured parts and components. The method which has reached Technology Readiness Level 6 already, is currently being successfully tested in practical use together with a number of industrial partners.

Reducing machine downtime, manufacturing defects, and excessive scrap

Im Focus: Erfolgreiche Praxiserprobung: Bidirektionale Sensorik optimiert das Laserauftragschweißen

Die Qualität generativ gefertigter Bauteile steht und fällt nicht nur mit dem Fertigungsverfahren, sondern auch mit der Inline-Prozessregelung. Die Prozessregelung sorgt für einen sicheren Beschichtungsprozess, denn Abweichungen von der Soll-Geometrie werden sofort erkannt. Wie gut das mit einer bidirektionalen Sensorik bereits beim Laserauftragschweißen im Zusammenspiel mit einer kommerziellen Optik gelingt, demonstriert das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT auf der LASER World of PHOTONICS 2019 auf dem Messestand A2.431.

Das Fraunhofer ILT entwickelt optische Sensorik seit rund 10 Jahren gezielt für die Fertigungsmesstechnik. Dabei hat sich insbesondere die Sensorik mit der...

Im Focus: Successfully Tested in Praxis: Bidirectional Sensor Technology Optimizes Laser Material Deposition

The quality of additively manufactured components depends not only on the manufacturing process, but also on the inline process control. The process control ensures a reliable coating process because it detects deviations from the target geometry immediately. At LASER World of PHOTONICS 2019, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be demonstrating how well bi-directional sensor technology can already be used for Laser Material Deposition (LMD) in combination with commercial optics at booth A2.431.

Fraunhofer ILT has been developing optical sensor technology specifically for production measurement technology for around 10 years. In particular, its »bd-1«...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

17. Internationale Conference on Carbon Dioxide Utilization in Aachen

25.06.2019 | Veranstaltungen

Meeresleuchten, Klimawandel, Küstenmeere Afrikas – Spannende Vielfalt bei „Warnemünder Abenden 2019“

24.06.2019 | Veranstaltungen

Plastik: Mehr Kreislauf gegen die Krise gefordert

21.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Therapieansatz fördert die Reparatur von Blutgefässen nach einem Hirnschlag

25.06.2019 | Biowissenschaften Chemie

Neue Herangehensweise bei sich selbstmontierenden Mikromaschinen

25.06.2019 | Maschinenbau

Für ein besseres Klima in den Städten: Start-up entwickelt wartungsfreie, immergrüne Moos-Fassaden

25.06.2019 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics