Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lübecker Urologen entwickeln OP-Verfahren zum Blasenersatz

01.03.2002


Die fertige Ersatzblase, die an der Bauchwand befestigt wird und über einen Katheter von außen geleert werden kann (rechts in schematischer Darstellung)


Prof. Dr. med. Andreas Böhle, Universitätsklinik für Urologie Lübeck


Besonders Frauen profitieren von der neuen Methode

Bei etwa 20 Prozent der Patienten mit Blasenkrebs ist die Erkrankung bereits so weit fortgeschritten, dass die Harnblase vollständig entfernt werden muss. Um die Harnableitung zu ermöglichen, kommen verschiedene chirurgische Verfahren zur Anwendung. Urologen der Medizinischen Universität zu Lübeck (MUL) haben jetzt eine weitere Methode entwickelt, die besonders weiblichen Patienten hilft.
Jährlich erkranken in Deutschland rund 11 000 Männer und noch einmal halb so viele Frauen an Blasenkrebs. Damit ist Blasenkrebs nach Tumoren an der Prostata die zweithäufigste urologische Krebserkrankung. In aller Regel wächst der Tumor langsam, das heißt, er bleibt auf die innere Schleimhaut begrenzt. Diese Tumoren können mit örtlich begrenzten Maßnahmen meist erfolgreich behandelt werden.
Befindet sich der Tumor jedoch in einem fortgeschrittenen Stadium (wenn Krebszellen in die Blasenwand eingedrungen sind), muss die Blase entfernt und durch ein neues System ersetzt werden. Nach wie vor die geläufigste Methode ist ein Bauchstoma. Der Begriff Stoma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Öffnung" oder "Mund". Die beiden von den Nieren kommenden Harnleiter werden hierbei in ein etwa 15 cm langes Darmstück eingesetzt, das zuvor vom übrigen Verdauungsschlauch entfernt wurde. Das offene Ende dieses Darmstücks wird über die Bauchhaut nach außen geleitet. Der Patient trägt am Körper einen Beutel, in den ständig etwas Flüssigkeit sickert. Dieser Beutel wird nach Bedarf geleert. Das Verfahren ist vor allem für ältere, gebrechliche Menschen geeignet, da ein solches "nasses" Stoma relativ einfach zu handhaben ist. Für jüngere, selbständige Patienten ist es jedoch eher unangenehm und nicht mehr zeitgemäß.
Die für diese Patienten optimale Variante ist die Schaffung einer Ersatzblase aus Darmanteilen, die direkt an die Harnröhre angeschlossen wird. Damit kann der Patient weiterhin normal zur Toilette gehen und auf gewohntem Weg Harn ablassen. Dieses Verfahren wird Neoblase genannt und so oft wie möglich eingesetzt. Allerdings: Frauen, die über ein anderes Schließmuskelsystem als Männer verfügen, profitieren von der Methode meist ebenso wenig wie Patienten, die im Bauchraum voroperiert sind (Narbenbildung).
Für diese Patientengruppen haben die Lübecker Urologen jetzt ein System ("Lübeck-Pouch") entwickelt, das die Betroffenen wenig belastet und ihnen eine beinahe ebenso gute Lebensqualität ermöglicht wie mit der Neoblase. Hierfür wird ein etwa 80 cm langes Dünndarmstück aufgetrennt, umgeformt und zu einem neuen Harnreservoir vernäht. Dieser auch Pouch genannte Sammelbeutel wird von innen an der Bauchwand befestigt und kann über eine drei bis vier cm lange Hautröhre regelmäßig und kontrolliert von außen mit einem Katheter geleert werden.
Das Besondere an dem Pouch ist der ebenfalls aus körpereigenem Dünndarm bestehende Ventilmechanismus, der nach Angaben von Prof. Andreas Böhle, leitender Oberarzt an der Urologischen Klinik in Lübeck (Direktor: Prof. Dieter Jocham), die neue Blase vollständig verschließt. Am Übergang Blase-Harnleiter wird während der OP eine Art Rückschlagventil konstruiert, um zu verhindern, dass mögliche Infektionsherde in die Nieren wandern. Die Verbindung Blase-Bauchöffnung ist gleich mit einem zweifachen Ventil gesichert. "Das System ist so dicht, dass die Blase eher platzen würde, bevor sie sich von selbst nach außen entleert", erläutert Böhle.
Die Bauchöffnung befindet sich bei dem neuen Verfahren im rechten Unterbauch in Höhe der Sliplinie und kann mit einem Pflaster abgedeckt werden ("trockenes" Stoma). Die Patienten können problemlos schwimmen gehen, versprechen die Lübecker Urologen. Weiterer Vorteil: Sind die Patienten in der Folgezeit ? etwa aus Altersgründen ? nicht mehr in der Lage, selbständig Harn abzulassen, kann ohne weiteren Eingriff ein Dauerkatheter gelegt werden.
In einer ersten Studie wurden elf Patienten (neun Frauen, zwei Männer) behandelt. Darunter waren nicht nur Tumorpatienten zur Erstversorgung, sondern auch zwei Patienten, die vorher einen anderen Pouch hatten, der jedoch nässte. Seitdem sie auf den neuen Ventilmechanismus umgestellt wurden, sind sie trocken. Ebenso wie die übrigen Patienten, die alle auch durchschnittlich ein Jahr nach dem Eingriff selbständig in der Lage waren, den Harn per Katheter abzulassen.

Rüdiger Labahn | idw

Weitere Berichte zu: Blasenkrebs Stoma Urologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Jenaer Sepsisexperten erforschen im EU-Verbund personalisierte Immuntherapie bei Sepsis
11.02.2020 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Maßgeschneiderte Immuntherapie bei Sepsis
10.02.2020 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

Forscher des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzpulsspektroskopie (MBI) und des Max-Planck-Instituts für Mikrostrukturphysik haben durch die Kombination von Experiment und Theorie die Frage gelöst, wie Laserpulse die Magnetisierung durch ultraschnellen Elektronentransfer zwischen verschiedenen Atomen manipulieren können.

Wenige nanometerdünne Filme aus magnetischen Materialien sind ideale Testobjekte, um grundlegende Fragestellungen des Magnetismus zu untersuchen. Darüber...

Im Focus: Freiburg researcher investigate the origins of surface texture

Most natural and artificial surfaces are rough: metals and even glasses that appear smooth to the naked eye can look like jagged mountain ranges under the microscope. There is currently no uniform theory about the origin of this roughness despite it being observed on all scales, from the atomic to the tectonic. Scientists suspect that the rough surface is formed by irreversible plastic deformation that occurs in many processes of mechanical machining of components such as milling.

Prof. Dr. Lars Pastewka from the Simulation group at the Department of Microsystems Engineering at the University of Freiburg and his team have simulated such...

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste Untersuchungsergebnisse zum "Sensations-Meteoritenfall" von Flensburg

17.02.2020 | Geowissenschaften

Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

17.02.2020 | Physik Astronomie

Freiburger Forscher untersucht Ursprünge der Beschaffenheit von Oberflächen

17.02.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics