Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gehirnforschung: Dem "Neglect" auf der Spur

30.01.2001


... mehr zu:
»PPC »Parietalcortex »RUB »Rhesusaffe
Um zu erforschen, wie das menschliche Gehirn Information über Bewegung im Raum und über räumliche Zusammenhänge verarbeitet, haben Wissenschaftler der RUB und des Jülicher Kernforschungszentrums das
menschliche Gehirn mit dem von Rhesusaffen verglichen - und fanden dabei deutliche Parallelen in der Informationsverarbeitung. Die Ergebnisse können helfen, Schlaganfalltherapien zu verbessern.

Gehirnforschung: Menschen und Makaken ...
... verarbeiten Bewegungsreize an der gleichen Stelle im Gehirn
Ergebnisse Bochum-Jülicher Studie in NEURON erschienen


Warum ist es eigentlich Patienten mit einem Schlaganfall in einem bestimmten Bereich des Gehirns unmöglich, beim morgendlichen Kaffeetrinken gezielt zur Kaffeetasse zu greifen? Um zu erforschen, wie das menschliche Gehirn Information über Bewegung im Raum und über räumliche Zusammenhänge verarbeitet, haben Wissenschaftler der RUB (PD Dr. Frank Bremmer, Dipl.-Biol. Anja Schlack, Dipl.-Biol. Michael Kubischik, Prof. Dr. Klaus-Peter Hoffmann, Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie, Fakultät für Biologie) und des Jülicher Kernforschungszentrums das menschliche Gehirn mit dem von Rhesusaffen (Makaken) verglichen. Sie fanden dabei deutliche Parallelen in der Informationsverarbeitung zwischen Menschen und nicht-menschlichen Primaten. Die Ergebnisse dieser Studie sind vergangene Woche in der Fachzeitschrift NEURON (Nr. 29: 287-296, 2001) erschienen.

Dem Neglect auf der Spur

Frühere Studien wiesen bereits darauf hin, welche zentrale Bedeutung ein bestimmter Bereich des Großhirns (Cortex) hat - ein als hinterer, oberer Scheitellappen oder Parietalcortex bezeichnetes Gebiet. So führen Schädigungen dieses posterioren Parietalcortex (PPC) bei Menschen zu massiven, meist permanenten Störungen der Wahrnehmung: nach einem rechtsseitigen Schlaganfall können die Patienten links von der Körpermitte, im so genannten contralateralen extrapersonalen Halbraum, wenig oder sogar nichts wahrnehmen. Diese Schädigung wird als "Neglect" bezeichnet. Menschen können Hindernissen in diesem Raumbereich nicht ausweichen, können nicht gezielt zu Objekten (wie der Kaffeetasse) in diesem Bereich greifen oder essen z. B. nur von der rechten Hälfte des Tellers. Genauere Untersuchungen an Patienten konnten zeigen, dass die Verarbeitung sensorischer Information verschiedener Sinneswahrnehmungen (Sehen, Hören, Fühlen) in Bezug auf ein so genanntes kopf- oder körperzentriertes, internes Koordinatensystem gestört ist.

Bedeutende Vorarbeit mit Bochumer Beteiligung

Ziel des Bochum-Jülicher Projektes war, das Verständnis dafür zu verbessern, wie der PPC von Primaten funktioniert, und herauszufinden, inwiefern die neurowissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse von Makaken auf den Menschen übertragbar sind. In einer wegweisenden Vorarbeit konnte eine französich-deutsche Gruppe (unter ihnen PD Dr. Frank Bremmer, der auch an der jetzt veröffentlichten Studie beteiligt war) nachweisen, dass es im Gehirn von Rhesusaffen ein Gebiet gibt, dessen funktionelle Eigenschaften denen entsprechen, die im Verhaltensbild des Neglects gestört sind - nämlich das "ventrale intraparietale Areal" (VIP).

Parallelen der Funktionen des PPC im Menschen und Makaken

Die Bochumer und Jülicher Wissenschaftler stellten sich die Frage, ob dieses Areal auch im menschlichen Parietalcortex existiert und womöglich bei Neglectpatienten geschädigt sein könnte. Mithilfe einer funktionellen Kernspinuntersuchung konnten sie nachweisen, dass es eine deutliche Parallele der beiden Hirnregionen (PPC im Menschen und Makaken) gibt. In ihrer Studie verwendeten die Neurowissenschaftler so genannte polymodale (visuelle, taktile, auditorische) Bewegungsreize und testeten, welche Hirnareale bei den Versuchspersonen jeweils aktivierbar waren. Dabei entdeckten sie drei Hirngebiete, die durch jeden Stimulus aktiviert wurden. Eines dieser Hirngebiete liegt anatomisch an genau der Position, an der es auch im Makakencortex zu finden ist. Die Informationsverarbeitung von Bewegungsreizen bei Menschen und nicht-menschlichen Primaten stimmt also zu einem gewissen Grad überein. Damit ist den Forschern ein weiterer Schritt gelungen, die Funktionsweise des Gehirns zu erfassen und zu verstehen. Langfristig können die Ergebnisse der Studie dazu beitragen, Diagnosen des Neglect weiterzuentwickeln und Therapien von Parietalcortex-Patienten zu verbessern.

Weitere Informationen

PD Dr. Frank Bremmer, Lehrstuhl für Allgemeine Zoologie und Neurobiologie, Fakultät für Biologie der RUB, ND 7/30, Tel.: 0234/32-24369, Fax: 0234/32-14278, E-Mail: bremmer@neurobiologie.ruhr-uni-bochum.de

Dr. Josef König | idw

Weitere Berichte zu: PPC Parietalcortex RUB Rhesusaffe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bekannte Arzneimittel – neue Wirkung im Kampf gegen Infektionen?
06.06.2019 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Erste zugelassene Gentherapie in der Augenheilkunde am Klinikum der LMU München durchgeführt
05.06.2019 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: MPSD-Team entdeckt lichtinduzierte Ferroelektrizität in Strontiumtitanat

Mit Licht lassen sich Materialeigenschaften nicht nur messen, sondern auch verändern. Besonders interessant sind dabei Fälle, in denen eine fundamentale Eigenschaft eines Materials verändert werden kann, wie z.B. die Fähigkeit, Strom zu leiten oder Informationen in einem magnetischen Zustand zu speichern. Ein Team um Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie in Hamburg, hat nun Lichtimpulse aus dem Terahertz-Frequenzspektrum benutzt, um ein nicht-ferroelektrisches Material in ein ferroelektrisches umzuwandeln.

Ferroelektrizität ist ein Zustand, in dem die Atome im Kristallgitter eine bestimmte Richtung "aufzeigen" und dadurch eine makroskopische elektrische...

Im Focus: MPSD team discovers light-induced ferroelectricity in strontium titanate

Light can be used not only to measure materials’ properties, but also to change them. Especially interesting are those cases in which the function of a material can be modified, such as its ability to conduct electricity or to store information in its magnetic state. A team led by Andrea Cavalleri from the Max Planck Institute for the Structure and Dynamics of Matter in Hamburg used terahertz frequency light pulses to transform a non-ferroelectric material into a ferroelectric one.

Ferroelectricity is a state in which the constituent lattice “looks” in one specific direction, forming a macroscopic electrical polarisation. The ability to...

Im Focus: Konzert der magnetischen Momente

Forscher aus Deutschland, den Niederlanden und Südkorea haben in einer internationalen Zusammenarbeit einen neuartigen Weg entdeckt, wie die Elektronenspins in einem Material miteinander agieren. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift Nature Materials berichten die Forscher über eine bisher unbekannte, chirale Kopplung, die über vergleichsweise lange Distanzen aktiv ist. Damit können sich die Spins in zwei unterschiedlichen magnetischen Lagen, die durch nicht-magnetische Materialien voneinander getrennt sind, gegenseitig beeinflussen, selbst wenn sie nicht unmittelbar benachbart sind.

Magnetische Festkörper sind die Grundlage der modernen Informationstechnologie. Beispielsweise sind diese Materialien allgegenwärtig in Speichermedien wie...

Im Focus: Schwerefeldbestimmung der Erde so genau wie noch nie

Forschende der TU Graz berechneten aus 1,16 Milliarden Satellitendaten das bislang genaueste Schwerefeldmodell der Erde. Es liefert wertvolles Wissen für die Klimaforschung.

Die Erdanziehungskraft schwankt von Ort zu Ort. Dieses Phänomen nutzen Geodäsie-Fachleute, um geodynamische und klimatologische Prozesse zu beobachten....

Im Focus: Determining the Earth’s gravity field more accurately than ever before

Researchers at TU Graz calculate the most accurate gravity field determination of the Earth using 1.16 billion satellite measurements. This yields valuable knowledge for climate research.

The Earth’s gravity fluctuates from place to place. Geodesists use this phenomenon to observe geodynamic and climatological processes. Using...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Doc Data – warum Daten Leben retten können

14.06.2019 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - August 2019

13.06.2019 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz in der Materialmikroskopie

13.06.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

German Innovation Award für Rittal VX25 Schaltschranksystem

14.06.2019 | Förderungen Preise

Fraunhofer SCAI und Uni Bonn zeigen innovative Anwendungen und Software für das High Performance Computing

14.06.2019 | Messenachrichten

Autonomes Premiumtaxi sofort oder warten auf den selbstfahrenden Minibus?

14.06.2019 | Interdisziplinäre Forschung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics