Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zellversuche statt Versuchstiere

19.11.2001


Nach der EU empfiehlt auch die OECD Zell-Tests zur Prüfung von Chemikalien und Körperpflegemitteln

Zwei Tierversuchs-Modelle, die bisher international für die Prüfung von Arzneimitteln, Chemikalien und auch von Kosmetika vorgeschrieben waren, werden voraussichtlich bald weltweit durch tierversuchsfreie Tests ersetzt. Expertengremien der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) haben den OECD-Mitgliedsstaaten auf einer Sitzung vom 30.10. - 2.11. im BgVV in Berlin den Ersatz der Tierversuche durch tierversuchsfreie Zelltests empfohlen. Es ist damit zu rechnen, dass dies zu einer raschen Anerkennung der Tests durch diese Staaten und in der Folge zu einer weltweiten Anerkennung dieser Prüfmethoden führen wird. Diese Tests ermöglichen es, das Gefahrenpotential chemischer Stoffe ebenso gut einzuschätzen wie die bisher üblichen Tierversuche. Nach einer Anerkennung durch die OECD dürfen in diesen Staaten dann zur Prüfung von Substanzen auf Phototoxizität und Ätzwirkung an der Haut keine zusätzlichen Tierversuche mehr durchgeführt werden.

Die tierversuchsfreien Alternativmethoden - es handelt sich um einen Phototoxizitätstest und zwei Prüfungen auf Ätzwirkungen an der Haut - wurden vom BgVV und der Industrie entwickelt und unter Federführung des BgVV experimentell auf ihre Anwendbarkeit geprüft (Validierung). Diese Prüfungen führten zu dem Ergebnis, dass alle Sicherheitsansprüche des Verbraucher- und Arbeitsschutzes garantiert werden. Die Tests werden bereits seit dem Jahr 2000 in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union akzeptiert. Nach den einstimmigen Empfehlungen der Expertenkommissionen der OECD ist mit einer raschen Anerkennung durch die OECD-Mitgliedsstaaten zu rechnen, zu denen alle wichtigen Industrienationen gehören. Diese Anerkennung ist besonders wichtig, weil Ergebnisse, die mit Prüfmethoden der OECD erzielt werden, weltweit akzeptiert werden.

In Tests zur Phototoxizität ("Licht-Giftigkeit") wird untersucht, ob chemische Stoffe, wie z. B. Inhaltsstoffe von Sonnenschutz- und Arzneimitteln, unter dem Einfluss von Licht schädliche Eigenschaften entwickeln. Ein chemischer Stoff wird dann als phototoxisch bezeichnet, wenn an der Haut, die dem Sonnenlicht ausgesetzt ist, nach dem Auftragen oder der Einnahme dieses Stoffes Rötungen, Schwellungen oder andere Reaktionen bzw. Schädigungen auftreten. Die Prüfung der Phototoxizität ist unter anderem bei Arzneimitteln erforderlich und bei Substanzen, die in kosmetischen Mitteln als Sonnenschutzfilter verwendet werden. In der Praxis erfolgte üblicherweise diese Prüfung in Tierversuchen an Mäusen, Ratten, Meerschweinchen oder Kaninchen. Bei der tierversuchsfreien Methode werden Zellen von Mäusen oder der menschlichen Haut während der Kultivierung im Brutschrank mit Prüfsubstanzen behandelt und mit UV-Licht bestrahlt. Dieser Test wurde in einer Zusammenarbeit zwischen dem europäischen Verband der Hersteller von Kosmetika COLIPA (The European Cosmetic Toiletry and Perfumery Association) und der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET) des BgVV entwickelt und mit finanzieller Unterstützung der EU-Kommission experimentell validiert. Überraschenderweise sagt der Zellkultur-Test phototoxische Reaktionen beim Menschen erheblich besser voraus als die Tierversuche. Weltweit setzt die kosmetische Industrie den neuen Test bereits zur Prüfung der Unbedenklichkeit von UV-Filterstoffen in Sonnenschutzmitteln ein.

Die beiden weiteren Zellkultur-Tests ersetzen die besonders belastende Prüfung auf Ätzwirkung an der Haut, die bisher am lebenden Kaninchen durchgeführt wurde und für diese Tiere sehr schmerzhaft war. Es handelt sich zum einen um eine in England entwickelte In-Vitro-Methode mit isolierten Rattenhaut-Präparaten und zum anderen um eine bei ZEBET im BgVV entwickelte Methode, bei der biotechnologisch hergestellte, künstliche menschliche Hautmodelle verwendet werden, wie z. B. das kommerziell vertriebene Modell EpidermTM. Die Prüfung auf Ätzwirkung an der Haut ist für gefährliche Stoffe international im Rahmen des Arbeitsschutzes und der Transportsicherung vorgeschrieben und hat direkte Konsequenzen für die Kennzeichnung, die Aufbewahrung, den Transport gefährlicher Güter und den Arbeitsschutz (Handschuhe, Schutzbrille etc.). Die Zustimmung des Vertreters der internationalen Transportkommission GESAMP während des OECD-Expertentreffens dürfte zu einem weltweiten Verbot der bisherigen, belastenden Tierversuche mit ätzenden Stoffen am Kaninchen führen.

Für den Tierschutz und den Verbraucherschutz in Deutschland, Europa, Asien und Amerika, aber auch für das BgVV bedeutet der Erfolg des OECD-Expertentreffens einen ermutigenden Durchbruch. Das Institut konnte am Beispiel der Prüfungen auf Phototoxizität und Ätzwirkung an der Haut erstmals eindrucksvoll zeigen, dass es möglich ist, mit Hilfe experimentell validierter Zellkulturmethoden die Gefährlichkeit chemischer Stoffe für den Menschen richtig einzuschätzen und auf diese Weise belastende Tierversuche zu ersetzen.

Dr. Irene Lukassowitz | idw

Weitere Berichte zu: Arbeitsschutz OECD Phototoxizität Tierversuch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Jenaer Sepsisexperten erforschen im EU-Verbund personalisierte Immuntherapie bei Sepsis
11.02.2020 | Universitätsklinikum Jena

nachricht Maßgeschneiderte Immuntherapie bei Sepsis
10.02.2020 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

Forscher des Max-Born-Instituts für Nichtlineare Optik und Kurzpulsspektroskopie (MBI) und des Max-Planck-Instituts für Mikrostrukturphysik haben durch die Kombination von Experiment und Theorie die Frage gelöst, wie Laserpulse die Magnetisierung durch ultraschnellen Elektronentransfer zwischen verschiedenen Atomen manipulieren können.

Wenige nanometerdünne Filme aus magnetischen Materialien sind ideale Testobjekte, um grundlegende Fragestellungen des Magnetismus zu untersuchen. Darüber...

Im Focus: Freiburg researcher investigate the origins of surface texture

Most natural and artificial surfaces are rough: metals and even glasses that appear smooth to the naked eye can look like jagged mountain ranges under the microscope. There is currently no uniform theory about the origin of this roughness despite it being observed on all scales, from the atomic to the tectonic. Scientists suspect that the rough surface is formed by irreversible plastic deformation that occurs in many processes of mechanical machining of components such as milling.

Prof. Dr. Lars Pastewka from the Simulation group at the Department of Microsystems Engineering at the University of Freiburg and his team have simulated such...

Im Focus: Transparente menschliche Organe ermöglichen dreidimensionale Kartierungen auf Zellebene

Erstmals gelang es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, intakte menschliche Organe durchsichtig zu machen. Mittels mikroskopischer Bildgebung konnten sie die zugrunde liegenden komplexen Strukturen der durchsichtigen Organe auf zellulärer Ebene sichtbar machen. Solche strukturellen Kartierungen von Organen bergen das Potenzial, künftig als Vorlage für 3D-Bioprinting-Technologien zum Einsatz zu kommen. Das wäre ein wichtiger Schritt, um in Zukunft künstliche Alternativen als Ersatz für benötigte Spenderorgane erzeugen zu können. Dies sind die Ergebnisse des Helmholtz Zentrums München, der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM).

In der biomedizinischen Forschung gilt „seeing is believing“. Die Entschlüsselung der strukturellen Komplexität menschlicher Organe war schon immer eine große...

Im Focus: Skyrmions like it hot: Spin structures are controllable even at high temperatures

Investigation of the temperature dependence of the skyrmion Hall effect reveals further insights into possible new data storage devices

The joint research project of Johannes Gutenberg University Mainz (JGU) and the Massachusetts Institute of Technology (MIT) that had previously demonstrated...

Im Focus: Skyrmionen mögen es heiß – Spinstrukturen auch bei hohen Temperaturen steuerbar

Neue Spinstrukturen für zukünftige Magnetspeicher: Die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit des Skyrmion-Hall-Effekts liefert weitere Einblicke in mögliche neue Datenspeichergeräte

Ein gemeinsames Forschungsprojekt der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat einen weiteren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Chemnitzer Linux-Tage am 14. und 15. März 2020: „Mach es einfach!“

12.02.2020 | Veranstaltungen

4. Fachtagung Fahrzeugklimatisierung am 13.-14. Mai 2020 in Stuttgart

10.02.2020 | Veranstaltungen

Alternative Antriebskonzepte, technische Innovationen und Brandschutz im Schienenfahrzeugbau

07.02.2020 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste Untersuchungsergebnisse zum "Sensations-Meteoritenfall" von Flensburg

17.02.2020 | Geowissenschaften

Lichtpulse bewegen Spins von Atom zu Atom

17.02.2020 | Physik Astronomie

Freiburger Forscher untersucht Ursprünge der Beschaffenheit von Oberflächen

17.02.2020 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics