Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn Ärzte wieder zu Schülern werden

12.11.2001


Ungewöhnliches Ausbildungs-Training für Heidelberger Medizin-Dozenten - Erster Lehrgang im Odenwald für "praxisnahes Studium" erfolgreich abgeschlossen - Völlig neues, stark praxisorientiertes Programm

Im Herbst haben 250 motivierte junge Menschen ihr Medizinstudium an der Universität Heidelberg begonnen mit dem Ziel, später einmal gute Ärzte zu werden. Eigentlich wie jedes Jahr - und doch ist diesmal alles anders: "Wir beginnen in diesem Semester in der klinischen Ausbildung mit einem völlig neuen, stark praxisorientierten Programm", freut sich Dr. Jana Jünger, Assistenzärztin in der Inneren Medizin. "heicumed" heißt der moderne Ausbildungsgang, den ein modulares themenzentriertes Kursprogramm mit interdisziplinären Schwerpunkten auszeichnet. Doch den müssen auch die Dozenten zunächst selber lernen...

Zusammen mit vielen Kollegen organisiert Jana Jünger deshalb Vorbereitungskurse für alle Ausbilder: "Das Vortragen geballten Fachwissens in einem riesigen Hörsaal wird abnehmen." Künftig soll der komplexe Lernstoff intensiv in Kleingruppen erarbeitet werden. "Wir setzen auf Teamarbeit, Training mit Laienschauspielern als Patienten und gänzlich neue Prüfungsmethoden", so die engagierte Medizinerin. Angeregt wurde das Projekt durch die Ausbildung an der berühmten Harvard University, USA. Die Medizinische Fakultät lässt sich die spezifische Umsetzung für Heidelberg mehrere Millionen Mark pro Jahr kosten.

Mediziner auf dem Prüfstand

Ein erster "Trainingslauf" wurde jetzt im Odenwald absolviert: 40 Dozentinnen und Dozenten trafen sich im Erbacher Hof, um fünf Tage lang von früh bis spät intensiv zu lernen, sich auszutauschen und die neue Ausbildung mit zu gestalten, um sie später in den verschiedenen klinischen Fächern umzusetzen. "Die Lehrenden müssen neue Unterrichtsmethoden entwickeln. Die Lehre ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, künftig wird es einen viel stärkeren Austausch mit den Studenten geben", so Jünger.

Damit die Dozenten wissen, wie es ihren Schülern geht, übernehmen sie während des Trainings selber die Rolle der Studenten - was zum Teil viel Überwindung kostet: "Im Laufe der Jahre hat man vieles aus der Praxis vergessen. Diese Wissenslücken bei Übungen vor der Gruppe zu zeigen, das fällt schon schwer", seufzt ein Teilnehmer. Den anderen geht es nicht viel besser, doch bald überwiegt der Spaß am Training die anfänglichen Hemmungen.

Blick hinter die Kulissen: Der Trainings-Parcour

Mit einer völlig neuartigen Prüfungsmethode, dem Trainings-Parcour, soll künftig sowohl das Fachwissen als auch die soziale Kompetenz des angehenden Arztes erkannt werden. "Hier gestalten verschiedene Fachgebiete interdisziplinär Prüfungen. Damit wird die Prüfung quasi zur letzten Lernchance für den Studenten", meint Prof. Hubert Bardenheuer, Sprecher der Kurskoordinatoren der einzelnen Kliniken und Institute. Sechs Stationen hatten die Mentoren im Odenwald aufgebaut, an denen die Teilnehmer ihr medizinisches und soziales Können unter Beweis stellen mussten. Ganz so, wie später einmal die Studenten bei der Abschlussprüfung.

Station 1: Der Spiegelkurs

Hier musste eine Spiegelung des Nasen-Rachen-Raumes und eine Inspektion des äußeren Gehörganges und des Trommelfells durchgeführt werden. Jana Jünger: "Die richtige Handhabung der Geräte ist dabei nur eine zu beurteilende Komponente. Es geht auch darum, wie der Arzt seinen Patienten begegnet und informiert. Also die Überprüfung von praktischen Fähigkeiten und sozialer Umgang mit Patienten."

Station 2: Beschreibung von Gangstörungen

Nicht trockene Akten, sondern ein Film zeigt das Krankheitsbild: Eine Frau läuft schwankend und unsicher. Ist sie betrunken? Oder hat sie eine neurologische Erkrankung? "Hier müssen die Prüflinge die Gangstörung beschreiben und benennen." Das Besondere an dieser Prüfung ist der Einsatz von neuen Medien, die bisher nicht systematisch im Unterricht eingesetzt wurden.

Station 3: Patientengespräch

Das ist in Deutschland bisher einmalig: Hier erwartet ein Schauspieler den Prüfling, der über die Entfernung seiner Gallensteine aufgeklärt werden will und sehr ängstlich ist. "Der Kandidat soll den Patienten über den geplanten Eingriff informieren und dabei auf seine Fragen und Sorgen eingehen." Im Anschluss gibt der Schauspieler sofort sein Feedback und erzählt, ob die Untersuchung für ihn schmerzhaft war, ob der "Arzt" sein Vertrauen geweckt hat usw. "Das alles fließt in die Prüfung ein", so Jünger.

Station 4: Befundung von Röntgenbildern

Kleine Fallskizzen beschreiben je eine Person, deren Krankheitsbild in Form einer Röntgenaufnahme zu sehen ist. "Der Prüfling muss sofort erkennen, ob ein Knochenbruch, ein Darmverschluss oder ähnliches vorliegt."

Station 5: Fallgeschichten

"Früher gab es für die Prüflinge nur einen Befund. Jetzt werden komplette Fallgeschichten mitsamt Ergebnissen, zum Beispiel Urinstix, erzählt", so die Ärztin. Dann müssen Diagnose, weitere Laboranforderungen, apparative Untersuchungen und therapeutische Maßnahmen benannt werden.

Station 6: Lungenentzündung

Wieder gibt es ein Fallbeispiel, mit dem in der Lehre ein Abbild der Wirklichkeit geschaffen werden soll: Ein Patient hat Husten und klagt über Schmerzen. Anhand von klinischer Symptomatik, Röntgenbild und mikrobiologischer Diagnostik soll die Diagnose einer Lungenentzündung (Pneumonie) näher erläutert werden. Prof. Bardenheuer: "Ziel unserer ’neuen Prüfungen’ ist es, Lehrinhalte über die Fachgrenzen hinaus zu sehen und integrativ mit dem Blick auf praktische Fähigkeiten zu prüfen."

"Da lernen sogar alte Knochen noch etwas dazu"

Die Dozenten nehmen den neuen Weg in der Lehre gerne auf. Privatdozent Dr. Philipp Schnabel meint begeistert: "So viel Innovation, das ist eine richtige Revolution in der Lehre." Ehrlich gibt er zu: "Manchmal habe ich in der Studentenrolle wirklich Stress empfunden. Aber das tut uns ganz gut und wir haben wieder mehr Verständnis für Studenten, die in dieser Situation stehen." Seit 23 Jahren ist der Pathologe in der Lehre tätig, lächelt verschmitzt: "Da kann sogar so ein alter Knochen wie ich noch etwas dazulernen. Künftig werde ich noch mehr fallbezogene Beispiele als bisher einsetzen und noch weniger frontal unterrichten."

Auch Dr. Christine Wollermann, Medizinische Biometrie, sieht neue Wege in ihrem eher "trockenen" Fach: "Ich werde meinen Unterricht mit mehr praktischen Beispielen lebendiger gestalten. Die Studenten sollen nicht nur zuhören, sondern selber aktiv den Unterricht mitgestalten." Ihr besonderes Lob gilt den Veranstaltern: "Die Tutoren sind mit großem Engagement dabei und haben beeindruckendes Material zusammengestellt."

Über den ungeheuren Erfolg des ersten Trainings ist Bardenheuer zu Recht stolz: "Dieser Kurs hat pädagogische Grundlagen zur Lehre und theoretisches Wissen zur Erwachsenenbildung vermittelt. Erstmals in der Geschichte der medizinischen Fakultät wurde den Dozenten ein Lehrangebot gemacht, diese systematisch in der Lehre zu schulen und mit modernen, für die Medizin spezifischen Lehrmethoden vertraut zu machen!"
Sabine Latorre

Rückfragen bitte an:
Dr. Jana Jünger
Medizinische Universitätsklinik und Poliklinik
Tel. 06221 568657, Fax 565749

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317

Dr. Michael Schwarz | idw

Weitere Berichte zu: Gangstörung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore
19.07.2018 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz
18.07.2018 | Universitätsklinikum Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Europaweit erste Patientin mit neuem Hybridgerät zur Strahlentherapie behandelt

19.07.2018 | Medizintechnik

Waldrand oder mittendrin: Das Erbgut von Mausmakis unterscheidet sich je nach Lebensraum

19.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics