Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hepatitis B: AIDS-Medikament hilft manchmal besser

04.05.2006


Minimale Mutationen reichen aus, um das Hepatitis B-Virus gegen bestimmte Wirkstoffe resistent zu machen

... mehr zu:
»Hepatitis »Virus-DNA

Das Medikament Adefovir (Handelsname Hepsera) galt bislang im Kampf gegen die Leberentzündung Hepatitis B als Waffe der Wahl. Doch nicht bei allen Patienten zeigt sie Durchschlagskraft. Wissenschaftler der Universitäten Gießen und Bonn haben zusammen mit Kollegen vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg herausgefunden, warum: Bei manchen Hepatitis B-Viren ist das Erbgut minimal verändert. Dadurch sind sie von Natur aus gegen Adefovir resistent. Als Alternative bietet sich ein Medikament an, das bisher hauptsächlich zur Behandlung von AIDS-Patienten eingesetzt wird: In der Studie drückte es die Konzentration der Virus-DNA im Blut auch bei den Patienten unter die Nachweisgrenze, die auf Adefovir nicht ansprachen. Die Ergebnisse erschienen inzwischen im renommierten New England Journal of Medicine.

Weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO rund 400 Millionen Menschen mit dem Hepatitis B-Virus infiziert. Die Erkrankung wird häufig chronisch - bei Kindern in rund neun von zehn Fällen. Gerade der chronische Verlauf ist gefährlich: Da die Leber immer wieder neuen Entzündungs-schüben ausgesetzt ist, entwickeln viele Patienten im Laufe der Zeit eine Leberzirrhose. Eine häufige Spätfolge ist Leberkrebs. "Es ist nur schwer möglich, eine chronische Leberentzündung zu heilen, da sich das Virus gewissermaßen im Körper versteckt", erklärt der Bonner Virologe Dr. Oliver Schildgen. "Bei der Behandlung kommt es daher vor allem darauf an, den Erreger langfristig an seiner Vermehrung zu hindern." Das macht beispielsweise das Medikament Lamivudin: Es wird von der so genannten "reversen Transkriptase" - einem viralen Protein - bei der Vermehrung des Erregers in dessen Erbinformation eingebaut. Dies führt dazu, dass sich keine vollständige neue Virus-DNA mehr bilden kann.


Gegen Lamiduvin entwickelt der Erreger jedoch häufig Resistenzen, so dass die Ärzte nach einiger Zeit meist auf einen anderen Wirkstoff zurückgreifen müssen. Als Alternative der Wahl galt bislang das Medikament Adefovir. Es verhindert ebenfalls die Virusvermehrung und führt nur selten zu neuen Resistenzen. "Einige Hepatitis-B-Virusstämme scheinen aber von Natur aus nicht auf Adefovir anzusprechen", so Dr. Schildgen. Zusammen mit der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Wolfram Gerlich von der Universität Gießen hat der Bonner Wissenschaftler drei Patienten genauer untersucht, bei denen die Therapie mit Adefovir ohne Erfolg verlaufen war. Allen Testpersonen hatte man bereits vor Beginn der Behandlung eine Blutprobe entnommen und die Hepatitis B-Viren darin untersucht. "Bei allen drei Patienten wies die Virus-DNA an ein und demselben Punkt eine Mutation auf", fasst Prof. Gerlich das Ergebnis zusammen. "Diese Veränderung im Erbgut scheint den Erreger natürlicherweise gegen Adefovir resistent zu machen." Das wurde im Labor durch Dr. Hüseyin Sirma und Prof. Dr. Hans Will vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg durch Zellkultur-Studien bestätigt.

AIDS-Medikament als Alternative

Auch das AIDS-Virus verfügt über eine reverse Transkriptase, an die beispielsweise das AIDS-Medikament Tenofovir angreift. Da sie der reversen Transkriptase aus dem Hepatitis B-Virus ähnelt, wirkt Tenofovir auch gegen den Erreger der Leberentzündung. Bislang ist das Medikament aber nicht zur Behandlung von Hepatitis-Patienten zugelassen. Wenn Adefovir versagt, sollte Tenofovir zudem ebenfalls nicht helfen - so zumindest die Erwartung der Fachleute. Experten sprechen von einer "Kreuzresistenz". Bei den drei Patienten der Studie versuchten die behandelnden Ärzte auch auf Anraten des Bonner Infektiologen Prof. Dr. Jürgen Rockstroh dennoch die Therapie mit Tenofovir. Sie funktionierte hervorragend: Bis zu 500 Millionen Kopien Hepatitis B-DNA pro Milliliter fanden die Forscher nach Ende der erfolglosen Adefovir-Therapie im Blut ihrer Probanden. Die Tenofovir-Therapie drückte diesen Wert innerhalb von ein bis zwei Jahren unter die Nachweisschwelle von 30 Kopien pro Milliliter. "Seit einem Jahr finden wir im Blut unserer Patienten keine Virus-DNA mehr", sagt Prof. Gerlich. Dass das Virus komplett eliminiert wurde, hält er dennoch für unwahrscheinlich. "Wenn wir die Therapie beenden, wird sich der Erreger wahrscheinlich wieder vermehren."

Diese Erkenntnisse waren überraschend, da bei zwei großen klinischen Studien des Herstellers von Adefovir mit jeweils 400 Patienten keine solchen "primären" Resistenzen festgestellt worden waren. Es ist lediglich der Aufmerksamkeit zweier niedergelassener Ärzte zu verdanken, Prof. Heinz Hartmann in Herne und Martin Helm in Nürnberg, dass sie das unerwartete Therapieversagen bemerkten und die Proben der Patienten zur genaueren Untersuchung an die Laboratorien von Prof. Gerlich und Dr. Schildgen sandten. Aus Dr. Schildgens Sicht zeigt die Studie, wie wichtig eine differenzierte Diagnose vor Beginn der Behandlung ist: "Hepatitis B ist nicht gleich Hepatitis B. Was gegen den einen Erregerstamm wirkt, kann gegen einen anderen völlig ohne Erfolg bleiben." Mit einer Sequenzuntersuchung der Erreger-DNA könne man schon im Vorfeld abchecken, welche Behandlungsoption am Erfolg versprechendsten sei - und damit auch jede Menge Geld sparen.

Variant of Hepatitis B Virus with Primary Resistance to Adefovir. Oliver Schildgen, Hueseyin Sirma, Anneke Funk, Cynthia Olotu, Ulrike C. Wend, Heinz Hartmann, Martin Helm, Jürgen K. Rockstroh, Wulf R. Willems, Hans Will, Wolfram H. Gerlich. New Engl J Med 27 April 2006

Kontakt:

Professor Dr. Wolfram Gerlich
Institut für Medizinische Virologie
der Justus-Liebig-Universität Gießen
Tel.: 0641/99-41201
Wolfram.H.Gerlich@viro.med.uni-giessen.de

Dr. Oliver Schildgen
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie
Universitätsklinikum Bonn
Tel.: 0228/287-1697
schildgen@mibi03.meb.uni-bonn.de

Christel Lauterbach | idw
Weitere Informationen:
http://content.nejm.org/
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Berichte zu: Hepatitis Virus-DNA

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Proteinansammlung schädigt Nervenzellen in der Multiplen Sklerose
23.04.2019 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Genaue Entschlüsselung von Brustkrebszellen könnte neue Therapie eröffnen
16.04.2019 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenmaterie fest und supraflüssig zugleich

Forscher um Francesca Ferlaino an der Universität Innsbruck und an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben in dipolaren Quantengasen aus Erbium- und Dysprosiumatomen suprasolide Zustände beobachtet. Im Dysprosiumgas ist dieser exotische Materiezustand außerordentlich langlebig, was die Tür für eingehendere Untersuchungen weit aufstößt.

Suprasolidität ist ein paradoxer Zustand, in dem die Materie sowohl supraflüssige als auch kristalline Eigenschaften besitzt. Die Teilchen sind wie in einem...

Im Focus: Quantum gas turns supersolid

Researchers led by Francesca Ferlaino from the University of Innsbruck and the Austrian Academy of Sciences report in Physical Review X on the observation of supersolid behavior in dipolar quantum gases of erbium and dysprosium. In the dysprosium gas these properties are unprecedentedly long-lived. This sets the stage for future investigations into the nature of this exotic phase of matter.

Supersolidity is a paradoxical state where the matter is both crystallized and superfluid. Predicted 50 years ago, such a counter-intuitive phase, featuring...

Im Focus: Explosion on Jupiter-sized star 10 times more powerful than ever seen on our sun

A stellar flare 10 times more powerful than anything seen on our sun has burst from an ultracool star almost the same size as Jupiter

  • Coolest and smallest star to produce a superflare found
  • Star is a tenth of the radius of our Sun
  • Researchers led by University of Warwick could only see...

Im Focus: Neues „Baustein-Konzept“ für die additive Fertigung

Volkswagenstiftung fördert Wissenschaftler aus dem IPF Dresden bei der Erkundung eines innovativen neuen Ansatzes im 3D-Druck

Im Rahmen Ihrer Initiative „Experiment! - Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen“
fördert die VolkswagenStiftung ein Projekt, das von Herrn Dr. Julian...

Im Focus: Vergangenheit trifft Zukunft

autartec®-Haus am Fuß der F60 fertiggestellt

Der Hafen des Bergheider Sees beherbergt seinen ersten Bewohner. Das schwimmende autartec®-Haus – entstanden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Lernen von der Natur

17.04.2019 | Veranstaltungen

Mobilität im Umbruch – Conference on Future Automotive Technology, 7.-8. Mai 2019, Fürstenfeldbruck

17.04.2019 | Veranstaltungen

Augmented Reality und Softwareentwicklung: 33. Industrie-Tag InformationsTechnologie (IT)²

17.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Im Labyrinth offenbaren Bakterien ihre Individualität

23.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

Proteinansammlung schädigt Nervenzellen in der Multiplen Sklerose

23.04.2019 | Medizin Gesundheit

Neue Messmethode zur Datierung von Gletschereis

23.04.2019 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics