Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kopfschmerzpatienten unzureichend versorgt

04.10.2001


(Berlin) Kopfschmerzpatienten sind in Deutschland immer noch nicht angemessen versorgt. Therapie-Empfehlungen werden nur ungenügend umgesetzt, kritisieren Experten auf dem Deutschen Schmerzkongress in Berlin.

Kopfschmerzen führen seit den 90er Jahren die Liste der "häufigsten Beschwerden" in der Bevölkerung an. 1975 rangierten sie noch auf Rang 3 - nach "Müdigkeit" und "Rücken-schmerzen". Mittlerweile geben 67,3 Prozent der Bevölkerung an, dass sie Kopfschmerzen haben, jeder Zehnte berichtet, dass er unter "erheblichen" oder "starken" Schmerzen leidet. Die Häufigkeit von Rückenschmerzen ist hingegen mit 61,9 Prozent nahezu unverändert.

"Diese Ergebnisse zeigen", erklärt Professor Gunther Haag, Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, "dass Kopfschmerzen ein großes gesundheits-politisches und vor allem auch volkswirtschaftliches Problem darstellen. Die Kosten durch Fehltage am Arbeitsplatz und eingeschränkte Produktivität betragen zusammen über acht Milliarden Mark. "Ein erheblicher Teil dieser indirekten Kosten wird durch unzureichende und falsche Therapien verursacht", so Haag weiter. Kopfschmerzen würden von vielen Ärzten, aber auch in der Öffentlichkeit nicht ernst genommen.

So stimmen etwa drei Viertel der ärztlichen Verordnungen nicht mit den Therapie-Empfehlungen der Experten überein. Dies belegt eine Untersuchung der DMKG im Jahr 1999.

Dass sich daran nur wenig geändert hat, bestätigen aktuelle Daten aus diesem Jahr: Die Hälfte der Migränepatienten, die sich in ärztlicher Behandlung befinden, erhalten freiver-käufliche Analgetika, die allerdings nur bei leichten Attacken wirksam sind. Nur 14 Prozent bekommen Triptane verordnet.

Demgegenüber nehmen 36 Prozent der Betroffenen nach wie vor so genannte Ergotamine, ältere Migräne-Mittel, die aufgrund ihres Wirkungs- und Nebenwirkungsprofils von der DMKG nur noch in bestimmten Fällen empfohlen werden. Damit sind Migräne-Patienten in Deutschland deutlich schlechter versorgt als ihre Leidensgenossen in anderen EU-Ländern. Skandinavische Ärzte verordnen sechs mal mehr Triptane als ihre deutschen Kollegen.

Da ohnehin nur die Hälfte der Migräne-Patienten zum Arzt geht, bedeutet dies, bezogen auf die Gesamtzahl aller Betroffenen, dass schätzungsweise 75 Prozent freiverkäufliche Analgetika nehmen, 18 Prozent werden mit Ergotaminen und nur sieben Prozent mit Triptanen behandelt. Die DMKG geht jedoch davon aus, dass mindestens zehn Prozent aller Migränepatienten, also rund eine Million in Deutschland, aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung zwingend mit Triptanen behandelt werden müssten. "Leider werden unsere Therapie-Empfehlungen von den Ärzten jedoch nur ungenügend umgesetzt", klagt Haag.

Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Gesundheitspolitik. Zwar wurde der Kollektivregress für Ärzte bei Überschreitung des Arzneimittelbudgets abgeschafft. Erhalten blieben jedoch die individuellen Budgets, die sich an "Richtgrößen" für einzelne Fachgruppen orientieren. "Darum dürfte sich an der Zurückhaltung der Ärzte bei der Triptan-Verordnung auch kaum etwas ändern", fürchtet Haag. Seine Prognose: "Auch weiterhin werden Patienten vermutlich an Stelle einer Therapie mit innovativen, hochwirksamen Präparaten weniger wirksame und zum Teil auch stärker mit Nebenwirkungen behaftete Präparate verodnet bekommen.

Für den Kopfschmerzbereich sieht Haag auch keine Einsparungen durch die Bestrebungen des Gesundheitsministeriums, dass Apotheker künftig das jeweils preisgünstigste Präparat eines Wirkstoffes aushändigen sollen. Bei den Triptanen werden ohnehin erst in drei bis vier Jahren Generika zur Verfügung stehen. Und wenn es um einfache Analgetika und andere Migränemittel geht, verordnen die Ärzte bereits heute schon billigere Nachahmerpräparate.

Hinzu kommt, dass sich zahlreiche neue Migränemedikamente in der "Forschungspipeline" befinden. "Neue Erkenntnisse über die grundlegenden Mechanismen dieser komplizierten Kopfschmerzart", so Haag, "eröffnen neue Ansatzpunkte für die Behandlung." So gäbe es zur Zeit neun mögliche Angriffspunkte zur Beeinflussung der Attacken, an denen Forscher intensiv arbeiten. Dazu gehören beispielsweise Versuche, bestimmte "Tore" zu Nervenzellen, so genannte Ionenkanäle, zu beeinflussen. Erforscht wird auch, ob es möglich ist, über eine Modulation von Bindungsstellen für verschiedene Hirnbotenstoffe auf Neuronen, die Stärke und Frequenz der Attacken zu beeinflussen.

Pressestelle Deutscher Schmerzkongress
bis 7.10.
Barbara Ritzert
Tel. 030/314-22800 
ritzert@proscientia.de

Rückfragen an:
Prof. Dr. Gunther Haag
Chefarzt der Elztal Klinik GmbH
Pfauenstraße 6, 79215 Elzach-Oberprechtal
Tel.: 07682-805-113
Handy: 0172-8484817
Fax: 07682-805-135
E-Mail: haagelztalklinik@t-online.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

Weitere Berichte zu: Analgetika DMKG Triptan

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Narkolepsie: Wissenschaftler entlarven den Übeltäter der rätselhaften Schlafkrankheit
20.09.2018 | Universitätsspital Bern

nachricht Virotherapie bei Bauchfellkrebs erfolgreich getestet - Neue biologische Krebstherapie
18.09.2018 | Universitätsklinikum Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Magnetismus entsteht: Elektronen stärker verbunden als gedacht

Wieso sind manche Metalle magnetisch? Diese einfache Frage ist wissenschaftlich gar nicht so leicht fundiert zu beantworten. Das zeigt eine aktuelle Arbeit von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und der Universität Halle. Den Forschern ist es zum ersten Mal gelungen, in einem magnetischen Material, in diesem Fall Kobalt, die Wechselwirkung zwischen einzelnen Elektronen sichtbar zu machen, die letztlich zur Ausbildung der magnetischen Eigenschaften führt. Damit sind erstmals genaue Einblicke in den elektronischen Ursprung des Magnetismus möglich, die vorher nur auf theoretischem Weg zugänglich waren.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher ein spezielles Elektronenmikroskop, das das Forschungszentrum Jülich am Elettra-Speicherring im italienischen Triest...

Im Focus: Erstmals gemessen: Wie lange dauert ein Quantensprung?

Mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Berechnungen der TU Wien ist es erstmals gelungen, die Dauer des berühmten photoelektrischen Effekts zu messen.

Es war eines der entscheidenden Experimente für die Quantenphysik: Wenn Licht auf bestimmte Materialien fällt, werden Elektronen aus der Oberfläche...

Im Focus: Scientists present new observations to understand the phase transition in quantum chromodynamics

The building blocks of matter in our universe were formed in the first 10 microseconds of its existence, according to the currently accepted scientific picture. After the Big Bang about 13.7 billion years ago, matter consisted mainly of quarks and gluons, two types of elementary particles whose interactions are governed by quantum chromodynamics (QCD), the theory of strong interaction. In the early universe, these particles moved (nearly) freely in a quark-gluon plasma.

This is a joint press release of University Muenster and Heidelberg as well as the GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Then, in a phase transition, they combined and formed hadrons, among them the building blocks of atomic nuclei, protons and neutrons. In the current issue of...

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungen

Forum Additive Fertigung: So gelingt der Einstieg in den 3D-Druck

21.09.2018 | Veranstaltungen

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Tiefseebergbau: Forschung zu Risiken und ökologischen Folgen geht weiter

21.09.2018 | Geowissenschaften

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Optimierungspotenziale bei Kaminöfen

21.09.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics