Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schlaganfall: Neues Arm-Training hilft besser als konventionelle Behandlungen

10.08.2005


Für Schlaganfallpatienten, die unter schweren Armlähmungen leiden, kann eine neue Therapie effektiver sein als herkömmliche Behandlungsmethoden. Der Weg zum Erfolg: häufige Wiederholungen isolierter spezieller Bewegungen, die kompensatorische Mechanismen im Gehirn anregen.


Jährlich erleiden etwa 165 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Davon bleibt bei zwei Dritteln eine Beeinträchtigung zurück, häufig eine Lähmung eines Armes. Leiden die Betroffenen unter schweren Armlähmungen, können sie viele alltägliche Dinge - wie z.B. sich die Schuhe zuzubinden, sich zu waschen oder nach einem Glas zu greifen - nicht mehr oder nur beschwerlich mit dem noch gesunden Arm meistern. Solche Armlähmungen werden in der Regel physiotherapeutisch behandelt. Eine Forschergruppe des Kompetenznetzes Schlaganfall um Privatdozent Thomas Platz aus der Abteilung für neurologische Rehabilitation, Charité Campus Benjamin Franklin, konnte nun für eine neue Therapie zeigen, das sie effektiver als herkömmliche Rehabilitationsmaßnahmen hilft. Die Ergebnisse der Studie sind kürzlich online im Journal of Neurology erschienen.

Kleine Schritte führen zum Erfolg


Das von der Physiotherapeutin Christel Eickhof entwickelte Arm-BASIS-Training fängt mit einer genauen Analyse der Defizite an. "Die neue Methode greift sehr spezifisch die jeweiligen individuellen Funktionsdefizite auf, und behandelt diese systematisch durch häufig wiederholendes Üben", so Platz. Dabei wird zunächst einzeln die aktive Bewegungsfähigkeit für Schulter, Ellenbogen, Hand und Finger gezielt wieder hergestellt. Das heißt, der Patient lernt in kleinen repetitiven Schritten die einzelnen Gelenke wieder zu bewegen, bevor er das komplexe Zusammenspiel verschiedener Muskeln, das er beispielsweise für das Ergreifen eines Glases benötigt, trainiert. Ziel ist, dass der Patient die Basisfunktionen des Armes wiedererlangt.

Um die Wirksamkeit der neuen Therapie zu prüfen, wurden in der Kompetenznetz-Studie 28 Patienten mit schweren Armlähmungen, die maximal sechs Monate zuvor einen Schlaganfall erlitten hatten, in drei Gruppen aufgeteilt. Alle Patientengruppen trainierten ihren lädierten Arm vier Wochen lang nach einer konventionellen, in den meisten Kliniken üblichen Rehabilitationsstrategie. Die erste Gruppe erhielt nur diese konventionelle Behandlung, die zweite legte zusätzliche Übungseinheiten nach dem Bobath-Konzept ein, einem Goldstandard der Physiotherapie nach Schlaganfall. Während die dritte Gruppe zusätzlich mit dem neu entwickelten Arm-BASIS-Training behandelt wurde.

Das Ergebnis vier Wochen später: Alle Patienten konnten die motorischen Fähigkeiten des betroffenen Armes verbessern. Aber jene Patienten, die das Arm-BASIS-Training erhielten, konnten ihren Arm anschließend deutlich besser bewegen als die Patienten, die mit der herkömmlichen Behandlungsmethode oder zusätzlich nach der häufig angewendeten physiotherapeutischen Behandlungsform trainiert wurden. Die Fortschritte maßen die Mediziner anhand einer motorischen Skala vor und nach der vierwöchigen Behandlung. "Das bedeutet, dass für die Verbesserung der Armkontrolle die Art des Trainings wichtiger war als die Behandlungszeit", sagt Platz.

Andere Hirnareale übernehmen Funktion der geschädigten Regionen

Nur bei den Patienten, die das Arm-BASIS-Training absolvierten, konnte zusätzlich eine systematische Verlagerung des motorischen Repräsentationsgebietes im Gehirn beobachtet werden. Es fand demnach eine Umorganisation der Nervenzellen im Gehirn statt. Benachbarte, unverletzte Gehirnabschnitte konnten vermutlich die Aufgaben zerstörter übernehmen. Das Besondere dabei: Das Ausmaß der Reorganisation stand im Verhältnis zur motorischen Erholung der Patienten. "Das Arm-BASIS-Training könnte eine Umorganisation im Gehirn induziert haben", so Platz.

Noch sind weitere Untersuchungen mit größeren Patientenzahlen nötig. Eine multizentrische Kompetenznetz-Studie mit 60 Patienten, die in Kürze publiziert wird, konnte die Ergebnisse jedoch bereits unterstützen.

Kompetenznetz Schlaganfall

Die Studie wurde im Rahmen des Kompetenznetzes Schlaganfall durchgeführt, einem seit 1999 vom BMBF geförderten bundesweiten Netzwerk, in dem Akteure der Versorgung, klinische Wissenschaftler und Grundlagenforscher eng zusammen arbeiten. Ziel ist es, die Kompetenz der beteiligten führenden Forschergruppen zu bündeln, die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Betroffenen zu verbessern - und damit die Schlaganfallforschung noch effizienter voranzutreiben.

Weitere Informationen erhalten Sie von:
PD Dr. med. Thomas Platz
Klinik Berlin - Abteilung für neurologische Rehabilitation
Charité Campus Benjamin Franklin
Tel. 030 - 36503 103
Fax: 030 - 36503 123
Email: tplatz@zedat.fu-berlin.de

Liane Clevert | idw
Weitere Informationen:
http://www.kompetenznetz-schlaganfall.de
http://www.kompetenznetze-medizin.de
http://dx.doi.org/10.1007/s00415-005-0868-y

Weitere Berichte zu: Arm-BASIS-Training Armlähmung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die Gene sind nicht schuld
20.07.2018 | Technische Universität München

nachricht Staus im Gehirn: FAU-Forscher identifizieren eine Ursache für Parkinson
20.07.2018 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Future electronic components to be printed like newspapers

A new manufacturing technique uses a process similar to newspaper printing to form smoother and more flexible metals for making ultrafast electronic devices.

The low-cost process, developed by Purdue University researchers, combines tools already used in industry for manufacturing metals on a large scale, but uses...

Im Focus: Rostocker Forscher entwickeln autonom fahrende Kräne

Industriepartner kommen aus sechs Ländern

Autonom fahrende, intelligente Kräne und Hebezeuge – dieser Ingenieurs-Traum könnte in den nächsten drei Jahren zur Wirklichkeit werden. Forscher aus dem...

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neue Anwendungen für Mikrolaser in der Quanten-Nanophotonik

20.07.2018 | Physik Astronomie

Need for speed: Warum Malaria-Parasiten schneller sind als die menschlichen Abwehrzellen

20.07.2018 | Biowissenschaften Chemie

Die Gene sind nicht schuld

20.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics