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Wenn Probleme auf die Zähne schlagen

29.07.2005


Etwa jede fünfte Bundesbürger knirscht mit den Zähnen. Dies kann zu nachhaltigen Schäden an Zähnen und Kiefergelenk führen. Grund für das Zähneknirschen ist oft eine unbewusste Anspannung der Kaumuskulatur, die wiederum sehr häufig auf Stress beziehungsweise unverarbeitete persönliche Konflikte zurückzuführen ist. Um Zähne und Kiefergelenk zu schützen, wird Betroffenen in der Regel vom Zahnarzt eine Kunststoffschiene angefertigt. Damit wird aber lediglich den Folgen des Zähneknirschens vorgebeugt, wie Prof. Dr. Stephan Doering betont, der vor kurzem am Universitätsklinikum Münster (UKM) die bundesweit einzige Professur für Psychosomatik in der Zahnheilkunde übernommen hat. Von seiner früheren Wirkungsstätte in Innsbruck her hat er ein schon länger bekanntes, aber bislang kaum genutztes Verfahren mit nach Münster gebracht, und zwar die Biofeedback-Behandlung.



Dabei werden den Patienten kleine Elektroden über dem Kaumuskel auf die Wange geklebt und die Muskelanspannung an einen Computer übertragen. Am Monitor können die Patienten die jeweilige Anspannung genau verfolgen und lernen, sie durch gezielte Entspannungsübungen abzubauen. Zur zusätzlichen Sicherheit wird ihnen aber zunächst noch das Tragen einer Schiene empfohlen. Vor dem Hintergrund der großen Zahl der Betroffenen dürfte diese Methode auch gesundheitsökonomisch von großer Bedeutung sein, hilft sie doch, hohe Folgekosten für entsprechende zahnärztliche Behandlung zu drosseln. Das Zähneknirschen ist jedoch nur einer der Schwerpunkte des neuen Lehrstuhlinhabers, der strukturell an die Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und inhaltlich an die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des UKM angebunden ist.

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A propos Kosten. Viele Menschen stecken hohe Summen in immer neue Zahnprothesen, weil sie mit den alten einfach nicht zurechtkommen. Dennoch will das Gefühl, dass der Zahnersatz drückt, brennt oder sonstige Probleme bereitet, einfach nicht weichen - auch wenn eine ganze Reihe von Zahnärzten, die deswegen konsultiert wurden, einhellig beteuern, dass alles optimal sitzt. Etwa ein bis zwei Prozent aller Patienten, die mit einer Prothese versorgt werden, haben sich auch nach drei Monaten noch nicht daran gewöhnt. Ursache ist in solchen Fällen meistens eine psychogene Prothesenunverträglichkeit, das heißt der eigentliche Grund für die Probleme liegt nicht im Zahnersatz selbst, sondern in dessen "Verarbeitung" im Gehirn. Dabei können vorangegangene Schmerzerlebnisse, aber auch seelische Belastungen eine Rolle spielen. Für solche Patienten ist die Ambulanz für Psychosomatik in der Zahnheilkunde am UKM eine wichtige Anlaufstation.

Vor einem eingehenden Gespräch werden die Ratsuchenden aber oftmals erst einmal in den Zahnarztstuhl gebeten. Hier schaut ihnen Privatdozentin Dr. Anne Wolowski, Oberärztin der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und zahnärztliche Leiterin der Ambulanz für Psychosomatik in der Zahnheilkunde, erst einmal fachfraulich in den Mund, um auszuschließen, dass die Probleme nicht möglicherweise doch mit der Prothese selbst beziehungsweise Veränderungen im Zahn- Mund- oder Kieferbereich zu tun haben. Ist dies nicht der Fall, wird in einem etwa einstündigen Gespräch nach möglichen psychischen Ursachen gefahndet und dem Patienten eine entsprechende psychotherapeutische Weiterbehandlung in Wohnortnähe empfohlen.

Ganz ähnlich wird auch bei Patienten verfahren, die sich an die Klinik wegen permanenter Schmerzen wenden, für die bislang aus zahnärztlicher Sicht keine Ursache gefunden werden konnte. Dies kann unterschiedliche Gründe haben. So verweist Doering beispielsweise auf das "Schmerzgedächtnis" im Gehirn, in dem längst vergangene Schmerzreize unnötig gespeichert werden und den Betroffenen den Schmerz weiter erleben lassen, obwohl die organische Ursache längst behoben ist. Bei dieser Form der Chronifizierung von Schmerzen können seelische Faktoren mitunter eine wichtige Rolle spielen. Den Ursachen psychogener Schmerzen und Prothesenunverträglichkeit näher auf die Spur zu kommen, ist auch Ziel der Forschungsaktivitäten Doerings. Weiteres großes Thema in der Forschung ist für ihn die Psychoneuroimmunologie, das heißt die Beeinflussung der körpereigenen Abwehr durch psychische Prozesse. Doering interessiert diese Frage insbesondere im Hinblick auf den Heilungsverlauf bei Parodontitits ("Zahnfleischentzündung").

Ein großes Anliegen ist es dem Professor für Psychosomatik in der Zahnheilkunde aber nicht zuletzt auch, Menschen die Angst vor dem Zahnarzt zu nehmen. Bei fünf bis zehn Prozent aller Menschen geht die Angst vorm Zahnarzt sogar so weit, dass sie sich gar nicht erst bis ins Wartezimmer vorwagen. Sie gehen grundsätzlich nie zum Zahnarzt, auch nicht bei heftigsten Schmerzen. Genau so hoch ist laut Doering der Anteil derjenigen in der Bevölkerung, die nur dann die Hilfe der Fachleute in Anspruch nehmen, wenn sie es vor Schmerzen gar nicht mehr aushalten. Doch auch die meisten Frauen und Männer, die sich regelmäßiger in den Behandlungsstuhl setzen und scheinbar tapfer alles über sich ergehen lassen, sind nicht frei von einem beklemmenden Gefühl. Doch der Psychiater und Psychoanalytiker ist überzeugt, dass den Patienten sehr effektiv geholfen werden kann. Und zwar durch eine so genannte Densensibilisierung, das heißt ein schrittweises "Abtrainieren" der Ängste.

Für die Umsetzung eines entsprechenden Programms, bei dem besonders ängstliche Patienten sukzessive an die Behandlung beim Zahnarzt herangeführt werden, will Doering ein Netzwerk niedergelassener Psychotherapeuten aufbauen. Er hofft, dass sich auch viele Zahnärzte bereit erklären, bei einem solchen Programm zu kooperieren.

Jutta Reising | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenster.de/institute/zmk/einrichtungen/proth/
http://www.uni-muenster.de/

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