Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erstmals an der MHH: Blutgefäß-Kurzschluss bei Zwillingen im Mutterleib mit Laser behandelt

30.08.2001


Ein gefährlicher Blutgefäß-Kurzschluss bei Zwillingen im Mutterleib konnte kürzlich an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit dem Laser erfolgreich behandelt werden. Das Verfahren hatte Professor Dr. Christof Sohn, Leiter der Abteilung Geburtshilfe, Perinatologie und allgemeine Gynäkologie der MHH, mit seiner Forschergruppe in Heidelberg entwickelt und dort bereits mehrfach angewandt. Nun erfolgte zum ersten Mal in Hannover ein solcher Eingriff.

Vor vier Monaten kam die werdende Mutter in die MHH-Frauenklinik, nachdem bei ihr ein so genanntes fetofetales Transfusionssyndrom diagnostiziert worden war. Sie erwartete eineiige Zwillinge. Während der Vorsorgeuntersuchung war bei einem der Kinder zu viel Fruchtwasser festgestellt worden, bei dem anderen zu wenig. Auch das Wachstum unterschied sich: erstes Anzeichen eines Zwillings-Transfusionssyndroms. Bei dieser Erkrankung sind die Nabelschnüre der Zwillinge durch ein Blutgefäß verbunden, was eine Reihe von Komplikationen verursacht. Zunächst wurde das überschüssige Fruchtwasser abgelassen und über diesen relativ ungefährlichen Weg versucht, das Gleichgewicht zwischen den beiden Kindern wieder herzustellen. Dies gelang nicht. Da Lebensgefahr für die Kinder bestand, entschlossen sich die Ärzte zur Laserbehandlung. Die Therapie ist relativ gefährlich, es kann zu einer Fehlgeburt kommen. Professor Christof Sohn führte den Eingriff gemeinsam mit Professor Dr. Benno Ure, Leiter der MHH-Kinderchirurgie, durch. Das erfahrene Team komplettierten Dr. Birgit Gremm und Dr. Alexander Scharf aus der MHH-Frauenklinik.

Eine Vollnarkose stellte sicher, dass sich die Kinder während des Eingriffs nicht bewegten. Die Operation dauerte eineinhalb Stunden. Es gelang komplikationsfrei, mit dem Laser insgesamt sechs Blutgefäße auf dem Mutterkuchen (Plazenta) zwischen den beiden Nabelschnüren zu schließen. Allerdings trat einige Tage danach bei der Patientin ein Blasensprung auf und sie musste zehn Wochen stationär überwacht werden. In dieser Zeit wuchsen die Zwillinge im Mutterleib gleich gut heran und hatten das gleiche Gewicht. Vor 14 Tagen kamen sie in der 33. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zur Welt und werden seitdem in der MHH-Kinderklinik betreut.

Was ist das fetofetale Transfusionssyndrom?

Das fetofetale Transfusionssyndrom kann als schwerwiegende Komplikation bei einer eineiigen Zwillingsschwangerschaft vorkommen. Die Ursache ist eine Kurzschluss-Verbindung der Blutgefäße beider Nabelschnüre. Zwischen den Zwillingen besteht dann eine direkte Gefäßbrücke. Weist nun eines der Kinder eine stärkere Herzleistung auf, pumpt sein Herz das Blut anstatt in den Mutterkuchen in das andere Kind hinein. Die Folge: Das Kind mit der stärkeren Herzpumpleistung wird im Verlauf der Schwangerschaft unterversorgt, bleibt winzig klein und entwickelt eine ausgeprägte Blutarmut. Es gerät schließlich in eine Art Schockzustand, die Urinproduktion fällt aus, was an dem geringen Fruchtwasser abzulesen ist.
Das zweite Kind erhält durch den Kurzschluss eine doppelte Blutration, es wird sehr groß. Sein eigenes Herz kann jedoch das hohe Blutvolumen nicht verkraften, überall im Körper lagert sich Wasser ein. Die Gewichtsunterschiede bei den Zwillingen nehmen extreme Ausmaße an - das große Kind ist mindestens doppelt so schwer wie das kleine und produziert außerordentlich viel Fruchtwasser. Dies verursacht bei der Mutter vorzeitige Wehen, der Muttermund öffnet sich. Derart Frühgeborene haben mit erheblichen Problemen zu kämpfen, die sich auch auf ihr späteres Leben auswirken. Ohne jede Behandlung führt die Krankheit zum Tod der Kinder im Mutterleib.

Wie kann es behandelt werden?

Als Therapie wird heute in vielen Kliniken das Fruchtwasser abgelassen. Diese rein symptomatische Behandlung ist häufig nicht erfolgreich. Vor einigen Jahren hat die Forschergruppe um Professor Sohn an der Universität Heidelberg ein Verfahren entwickelt, bei dem - unter Ultraschall-Kontrolle - durch einen kleinen Bauchschnitt ein Laser eingeführt und damit im Mutterkuchen der Blutgefäß-Kurzschluss gekappt wird. Inzwischen ist diese Behandlung bei etlichen Schwangeren mit Erfolg angewandt worden. Andere Universitätskliniken praktizieren eine weitere Methode: Mit einem dünnen Endoskop gehen Ärzte in die Fruchthöhle und durchtrennen mittels eines Laserstrahls die Gefäße. Je nach Lage der Plazenta bietet das eine oder das andere Verfahren Vorteile.

Weitere Informationen gibt gern Professor Dr. Christof Sohn, Telefon: (0511) 906-3286,
E-Mail: Prof.Sohn@web.de

Christa Möller | idw

Weitere Berichte zu: Blutgefäß-Kurzschluss Fruchtwasser Laser MHH

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Spezialfarbstoff erlaubt völlig neue Einblicke ins Gehirn
16.08.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Keime fliegen mit
16.08.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Im Focus: Neue interaktive Software: Maschinelles Lernen macht Autodesigns aerodynamischer

Neue Software verwendet erstmals maschinelles Lernen um Strömungsfelder um interaktiv designbare 3D-Objekte zu berechnen. Methode wird auf der renommierten SIGGRAPH-Konferenz vorgestellt

Wollen Ingenieure oder Designer die aerodynamischen Eigenschaften eines neu gestalteten Autos, eines Flugzeugs oder anderer Objekte testen, lassen sie den...

Im Focus: New interactive machine learning tool makes car designs more aerodynamic

Scientists develop first tool to use machine learning methods to compute flow around interactively designable 3D objects. Tool will be presented at this year’s prestigious SIGGRAPH conference.

When engineers or designers want to test the aerodynamic properties of the newly designed shape of a car, airplane, or other object, they would normally model...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

Das Architekturmodell in Zeiten der Digitalen Transformation

14.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Schatzkammer Datenbank: Digitalisierte Schwingfestigkeitskennwerte sparen Entwicklungszeit

16.08.2018 | Informationstechnologie

Interaktive Software erleichtert Design komplexer Gussformen

16.08.2018 | Informationstechnologie

Fraunhofer HHI entwickelt Quantenkommunikation für jedermann im EU-Projekt UNIQORN

16.08.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics