Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hören ohne zu verstehen: Störung an Synapsen im Innenohr

15.04.2005


Göttinger Forscher beschreiben im Wissenschaftsmagazin "nature" den Mechanismus einer "auditorischen Synaptopathie" im Tiermodell



Gesprochene Sprache zu verstehen ist mehr als nur Hören. Bevor das Gehirn den Sinn gesprochener Sprache erfassen kann, muss das Innenohr die Höreindrücke mit höchster zeitlicher Präzision in Nerven-signale umwandeln. Forscher des Bereichs Humanmedizin der Universität Göttingen beschreiben jetzt im Tiermodell einen Innenohr-Defekt, bei dem die zeitgenaue Kodierung von Höreindrücken in Nerven-signale gestört ist (Khimich et al., Nature. April 14, 2005). Die Ergebnisse erweitern das Verständnis für bestimmte Hörstörungen beim Menschen, bei denen Sprachverständnis und Richtungshören eingeschränkt sind, obwohl Höreindrücke wahrgenommen werden.



Eine Störung der Schallkodierung an den Synapsen (Kontaktstellen) in den inneren Haarzellen der Hörschnecke verursacht die Schwerhörigkeit der in Göttingen untersuchten Mäuse. Die Ergebnisse von Prof. Dr. Tobias Moser und seinem Team aus dem InnenOhrLabor der Abteilung Hals- Nasen- Ohrenheilkunde (Direktor Prof. Dr. Wolfgang Steiner) am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen erscheinen jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature". Zusammen mit Forschern aus Göttingen, Magdeburg und Montpellier untersuchten die Wissenschaftler Mäuse mit einer Mutation (Gendefekt) in dem Gen für das Protein "Bassoon". Ohne funktionelles Bassoon ist die zeitgenaue Umwandlung von Schallreizen in Nervensignale an den Synapsen zwischen inneren Haarzellen des Innenohrs und dem Hörnerv gestört.

Auch beim Menschen sind Hörstörungen beschrieben worden, die durch Defekte in der synaptischen Schallverarbeitung oder in der Erregungsleitung in den Hörnerven entstehen. "Die Betroffenen haben größte Schwierigkeiten, gesprochene Sprache zu verstehen, weil sie Höreindrücke zeitlich nicht ordnen können. Hörgeräte helfen hier meist nicht weiter. Mit den "Bassoon-Mäusen" steht uns nun ein Tiermodell mit definierter synaptischer Störung zur Verfügung. Dies ermöglicht uns ein besseres Verständnis der wenig verstandenen Krankheitsgruppe der auditorischen Synaptopathien und Neuropathien", sagt Prof. Moser.

Die "Bassoon-Mäuse" sind mittelgradig schwerhörig, obwohl die äußeren Haarzellen im Innenohr der Tiere normal funktionieren. Als Ursache für die Hörstörung erwies sich ein struktureller Defekt an den Synapsen der inneren Haarzellen des Innenohrs. Den Mäusen fehlt das so genannte "synaptische Band" an den Synapsen der inneren Haarzellen, ein mit Bläschen behafteter Proteinkomplex mit noch unverstandener Funktion. Die Wissenschaftler haben nun erstmals die Rolle des synaptischen Bandes für das Hören direkt untersucht. Anders als vermutet, fanden sie eine selektive Störung der schnellen Transmitterfreisetzung der Haarzellen und damit der synchronen Erregung des Hörnervs. Die Forscher vermuten, dass eine solche Störung der zeitlich präzisen Schallkodierung sowohl Richtungshören als auch Sprachverstehen (beim Menschen) beeinträchtigt.

Prof. Dr. Tobias Moser und sein Team untersuchte die auditorische Synaptopathie der "Bassoon-Mäuse" in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg, dem Max Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie in Göttingen und der Université Montpellier (Frankreich).

Tobias Moser ist Professor für experimentelle und klinische Audiologie und leitet seit 2001 das InnenOhrLabor der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen. Er ist Mitglied im Göttinger Center for Molecular Physiology of the Brain und dem kürzlich in eingerichteten Bernstein Center for Computational Neuroscience Goettingen. Die Forschungsarbeiten seiner Arbeitsgruppe werden unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max Planck-Gesellschaft (Tandemprojekt), dem Human Frontier Science Program, der Europäischen Kommission ("EuroHear-Projekt") und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Weitere Informationen:

Universität Göttingen - Bereich Humanmedizin
Abt. Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Prof. Dr. Tobias Moser
Robert-Koch-Str. 40
37075 Göttingen
Tel. 0551/39 -8968
E-Mail: tmoser@gwdg.de

Stefan Weller | idw
Weitere Informationen:
http://www.humanmedizin-goettingen.de

Weitere Berichte zu: Haarzelle Hörnerv Hörstörung Innenohr Synapse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Spezialfarbstoff erlaubt völlig neue Einblicke ins Gehirn
16.08.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Keime fliegen mit
16.08.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Im Focus: Magnetische Antiteilchen eröffnen neue Horizonte für die Informationstechnologie

Computersimulationen zeigen neues Verhalten von Antiskyrmionen bei zunehmenden elektrischen Strömen

Skyrmionen sind magnetische Nanopartikel, die als vielversprechende Kandidaten für neue Technologien zur Datenspeicherung und Informationsverarbeitung gelten....

Im Focus: Unraveling the nature of 'whistlers' from space in the lab

A new study sheds light on how ultralow frequency radio waves and plasmas interact

Scientists at the University of California, Los Angeles present new research on a curious cosmic phenomenon known as "whistlers" -- very low frequency packets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bionik im Leichtbau

17.08.2018 | Verfahrenstechnologie

Klimafolgenforschung in Hannover: Kleine Pflanzen gegen große Wellen

17.08.2018 | Biowissenschaften Chemie

HAWK-Ingenieurinnen und -Ingenieure entwickeln die leichteste 9to-LKW-Achse ihrer Art

17.08.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics