Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

HNO-Ärzte auf höhenmedizinischer Everest-Expedition - Der Zusammenhang zwischen Hörverlust und Hirnschwellung

01.04.2005


Zum dritten Mal ist das Team um Professor Dr. Klaus Mees (Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde) am Mount Everest, um das Ausmaß der Hirndruckänderungen jenseits von 7500 m, der sogenannten Todeszone, zu bestimmen. Am 4. April erreichen die Wissenschaftler das Basislager, Ende April werden alle Messungen abgeschlossen sein. Nach den ersten beiden Expeditionen in den Jahren 2002 und 2003 wird auf der Grundlage der früheren Ergebnisse nun mit einer verbesserten und leichteren Messtechnik überprüft, inwieweit in diesem Höhenbereich auch bei hohen Frequenzen (4000 Hz) überproportional starke Höreinbußen nachweisbar sind. Ziel dieser Messungen ist es, hypoxie-induzierte Druckänderungen indirekt mittels otoakustischer Emissionen (Schallaussendungen aus dem Innenohr) zu erfassen und mit den Messdaten mittelfristig eine Messeinheit zu entwickeln, mit der das oft tödlich verlaufende Höhenhirnödem frühzeitiger erfasst werden kann und darüber hinaus in der klinischen Routine eine Langzeitkontrolle des Hirndruckes auf eine nichtinvasive Weise ermöglicht wird.



Der Höhentourismus und die medizinischen Folgen



Der Höhentourismus expandiert seit Jahren mit eindrucksvollen Zuwachsraten. In den Himalaya, die Andenländer, an Elbrus und Kilimanjaro ziehen inzwischen jährlich etwa eine halbe Million Höhentouristen. Die Nachfrage nach höhenmedizinischer Beratung steigt dementsprechend kontinuierlich. Mit zunehmender Höhe wird die Luft dünner. Bis zum höchsten Gipfel der Erde, dem Mount Everest (8850 m) fällt der Luftdruck um zwei Drittel. Und bereits ab 2500 m kann der verminderte Atmosphärendruck nicht mehr sofort kompensiert werden; bei falscher Höhentaktik drohen mitunter tödliche Höhenkrankheiten. Die Höhenkrankheiten weisen kein einheitliches Bild auf. Sie verlaufen fast immer harmlos, entwickeln jedoch bei 1-2% der Höhenkranken lebensbedrohende Höhenödeme. Spätestens wenn Kopfschmerzmittel keine Wirkung mehr zeigen oder Gleichgewichtsstörungen und Schwindel auftreten, zeichnet sich der Übergang von der harmlosen akuten Bergkrankheit in eine lebensbedrohende Hirnschwellung, das Höhenhirnödem, ab. Im Verlauf dieser Entwicklung verlieren die Betroffenen immer mehr die physische und psychische Kontrolle: Gangstörungen, Schwindelzustände, Halluzinationen und vernunftwidriges Handeln sind charakteristische Hinweise. Eine spontane Rückbildung ist im Gegensatz zur akuten Bergkrankheit jetzt nicht mehr möglich, die Betroffenen schweben in höchster Lebensgefahr. Ohne Behandlung führt das Höhenhirnödem bereits nach wenigen Stunden, spätestens jedoch innerhalb von 48 Stunden zum Tod. Auch eine rasch einsetzende Behandlung ist keine sichere Gewähr mehr für ein Überleben.

Bei der Abklärung von Hörstörungen in extremer Höhe konnte während der ersten Expeditionen festgestellt werden, dass die Reduktion der otoakustischen Signale des Innenohres nicht zwangsläufig mit der Höhe, sondern ausschließlich mit Beschwerden der akuten Höhenkrankheit und einem gesteigerten Hirn- und Innenohrdruck korreliert. Somit eröffnet sich nicht nur für Höhenbergsteiger, sondern auch für die neurologische, neurochirurgische und pädiatrische intensivmedizinische Diagnostik die Möglichkeit, mit dieser Messtechnik den Hirndruck und Druckverläufe auf nichtinvasive Weise zu bestimmen.

Erste Korrekturen lang geglaubter Ursachen

Hörstörungen in extremen Höhen, die von Höhenbergsteigern seit den 40er-Jahren immer wieder wahrgenommen und mitgeteilt wurden, galten lange als Folge der kalten und sauerstoffarmen Luft und der kompensatorischen Erhöhung der Hämoglobinkonzentration, die durch eine Verminderung des Plasmavolumens erreicht wird. Hierbei kommt es zu der gewünschten Konzentration und relativen Vermehrung der Sauerstoffträger, allerdings auch zu nachteiligen rheologischen Effekten. Der Hämatokrit steigt, das Blut wird zähflüssiger, Hämatokritwerte bis 58 oder gar 60% sind in der Höhe durchaus üblich. Sauerstoffmangel und Mikrozirkulationsstörungen gelten als klassische Risikofaktoren für das Innenohr und stellen eine potentielle Gefährdung des Gehörs dar. Die höhenabhängigen Hörstörungen erklärte man deshalb bislang auch als Folgen der gestiegenen Blutviskosität und der verschlechterten Durchblutung das Innenohres. Mees konnte jedoch schon 2002 nachweisen, dass die Funktion der Sinneszellen im Innenohr mit zunehmender Höhe tatsächlich abnimmt, aber nicht wie erwartet im höheren Frequenzbereich, wie bei akuten Hörstörungen oft zu beobachten, sondern im tiefen Frequenzbereich, eher wie bei einer Druckerhöhung in der Endolymphe und der menieriformen Hörstörung.

Ergebnisse

Das wichtigste und wohl auch entscheidende Kriterium bei der individuellen Reaktion auf den Sauerstoffmangel ist die rasche Anpassung der Atmung mit dem Ziel, eine ausreichend hohe Sauerstoffsättigung aufrechtzuerhalten und somit auch die Mechanismen zu hemmen, die den Hirndruck ansteigen lassen. Teilnehmer mit relativ niedrigen Sauerstoffsättigungs-Werten von fünf bis zehn Prozent unter den durchschnittlichen Werten wiesen nicht nur die klinische Symptomatik einer gestörten Akklimatisation auf, sondern hatten immer auch erniedrigte Innenohrsignale. Diese Beobachtungen konnten sowohl im Basislager, als auch in den einzelnen Hochlagern gemacht werden: In aller Deutlichkeit bei einem Teilnehmer, dessen Ruhesättigung im Basislager bereits auf 65% abfiel, trotz eines zusätzlichen Akklimatisationsstopps auf 4800 m. Keinen Einfluss auf die Messergebnisse hatte die individuelle körperliche Kondition.

Die Messtechnik

Die Funktion des Innenohres bzw. der erhöhte Innenohrdruck wurde mittels otakustischer Emissionen (OAE) überprüft. OAE sind Schallaussendungen aus dem Innenohr. Sie stellen ein Begleitphänomen des normalen Hörvorganges dar, das inzwischen zu diagnostischen und Forschungszwecken genutzt wird. Generiert werden sie durch Kontraktionen der äußeren Haarzellen, die spontan und vor allem nach externer akustischer Reizung ausgelöst werden. Indem sich die äußeren Haarzellen frequenzspezifisch anpassen, steigern sie die Empfindlichkeit der Schallperzeption und wirken wie ein Verstärker. Als Nebeneffekt führen die aktiv mechanischen Schwingungen zu einer Flüssigkeitsbewegung in Peri- und Endolymphe, deren Druckwellen retrograd zum ovalen Fenster gelangen und über die Steigbügelfußplatte die Gehörknöchelchenkette, das Trommelfell und die Luftsäule im äußeren Gehörgang in Schwingungen versetzen. Im äußeren Gehörgang können diese Schallwellen mit einem hochempfindlichen Mikrofon registriert werden. Mit den kochleären Distorsionsprodukt-Emissionen (DPOAE) können frequenzassoziierte Einschränkungen des Gehörs und indirekt die Hörschwelle abgeschätzt werden.

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kokosöl verlängert Leben bei peroxisomalen Störungen
20.06.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Überdosis Calcium
19.06.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics