Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hüftgelenksfrakturen: Risikopatienten unerkannt und unterversorgt

11.02.2005


Bereits seit Jahren warnt die Europäische Kommission vor einem exponentiellen Ansteigen von Hüftgelenksfrakturen aufgrund der demografischen Entwicklung. Derzeit rechnet man in Deutschland mit Folgekosten von jährlich 2,5 bis 3 Milliarden Euro - was bislang gesundheitsökonomisch kaum Beachtung fand. Alarmierend sind nun die Ergebnisse der umfassendsten deutschen Studie zur Versorgungssituation nach Hüftgelenksfrakturen an 16.500 Patienten: Das präventive Potenzial bleibt ungenutzt, dem Verdacht auf Osteoporose gehen Mediziner meist nicht nach, Medikamente sowie Strategien der Mobilitätsverbesserung werden kaum eingesetzt. Dabei ließe sich damit schon das Frakturrisiko um die Hälfte senken. Möglich wurden diese Ergebnisse vor allem durch das erste wissenschaftliche Callcenter IBEKOM, gegründet an der Ruhr-Universität.



Vorurteil widerlegt: Es trifft meist "fitte Menschen"



Die Studie umfasst rund 16 500 Patienten aus 440 Krankenhäusern und Rehakliniken in Deutschland. Alle Daten aus den Kliniken stammen von den behandelnden Ärzten selbst, während speziell geschulte studentische Interviewer des IBEKOM die Langzeitbefragung von rund 5 500 Patienten übernahmen. Bereits die ersten Ergebnisse überraschen: Die Mehrzahl der Patienten mit Oberschenkelhalsbrüchen erwies sich entgegen der vorherrschenden Meinung als vor dem Knochenbruch noch sehr mobil: rund 54 Prozent der im Krankenhaus behandelten und 69 Prozent der in Rehakliniken versorgten Patienten konnten vor dem Schenkelhalsbruch ohne Hilfsmittel gehen. Bei über 90 Prozent der Patienten traten vor, während und nach der Operation keine Komplikationen auf.

Osteoporose: Dem Verdacht folgt keine Diagnose

Die Daten aus den Kliniken zeigen bei vielen Patienten Risikofaktoren für eine Osteoporose: so hatten etwa 26 Prozent bereits vor der akuten Fraktur andere Brüche erlitten, bei 19 Prozent war eine deutliche Abnahme der Körpergröße zu verzeichnen (durchschnittlich 4,3 cm). Bei über der Hälfte der Patienten äußerten die behandelnden Ärzte auch einen Verdacht auf Osteoporose, doch bei der Mehrzahl dieser Patienten wurde der Verdachtsdiagnose nicht weiter nachgegangen. Bei mehr als 80 Prozent der Betroffenen wurde weder das routinemäßige Röntgenbild des Brustkorbs auf eventuelle Wirbelkörperbrüche hin untersucht, noch bei 97 Prozent der Risikopatienten eine Knochendichtemessung durchgeführt.

Ohne Diagnose keine Behandlung

Obwohl eine erfolgversprechende Therapie möglich wäre, erhielten nur rund 14 Prozent aller Patienten eine adäquate Osteoporosebehandlung bei Entlassung aus der Klinik. Sieben Monate nach der Operation war die medikamentöse Therapie wieder auf den Zustand vor dem Knochenbruch abgesunken. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den Patienten der Rehaeinrichtungen, auch wenn hier das Niveau insgesamt etwas höher war. Deutlich besser versorgt wurde lediglich jene Patientengruppe, bei der eine Knochendiagnostik durchgeführt worden war. Sie erhielt während des stationären Aufenthalts und auch nach der Entlassung eine angemessene medikamentöse Therapie.

Unerkannt und unterversorgt - und was nun?

Die Diagnostik von Osteoporose (nach Leitlinie des Dachverbandes der deutschsprachigen osteologischen Fachgesellschaft, DVO) muss zukünftig Bestandteil der Routineuntersuchung werden. Im Rahmen der Versorgungsforschung wird nun die gesamte Versorgungskette näher unter die Lupe genommen, um zu sehen, wie die Bereiche Akutkrankenhaus, Rehabilitation und ambulante Versorgung ineinander greifen und wie effektiv die wohnortnahe (ambulante) Rehabilitation aber auch präventive Maßnahmen der Frakturvermeidung sind.

IBEKOM: "Das andere Callcenter"

Im IBEKOM arbeiten speziell geschulte studentische Interviewer, die Patienten zu vereinbarten Zeiten zu Hause, bei der Arbeit oder mobil anrufen, um sie etwa nach der Wirksamkeit einer bestimmten Therapie oder dem Verlauf einer bestimmten Erkrankung zu befragen. Der persönliche Kontakt hat im Gegensatz zur schriftlichen Befragung per Fragebogen viele Vorteile: Nachfragen können sofort beantwortet, schwierige Fragen erläutert werden. Die Antworten sind im persönlichen Gespräch ehrlicher und die "Aussteigerquote" geringer: Die Telefon-Interviewer erreichen über 90 Prozent der in eine Studie eingeschlossenen Patienten, während bei schriftlichen Befragungen durchschnittlich 30 Prozent der Teilnehmer vorzeitig aussteigen. Zudem sind die Studienergebnisse zuverlässiger. Auch die Kosten halten sich in Grenzen; sie liegen wesentlich niedriger als bei Hausbesuchen oder Einbestellung der Patienten zur persönlichen Befragung in Klinik oder Praxis.

Themen in RUBIN 1/05

In RUBIN 1/05 finden Sie außerdem weitere Themen: Die Ermordung der Herero im Diskurs des Deutschen Kaiserreichs: Die Jugend literarisch auf Linie bringen, Integrative Medienerziehung fördert Lesekompetenz: Viva, MTV - und Bücher lesen, Schüler sicher machen in Bus und Bahn: Ohne Gewalt stark, Kompakte Strahlungsquellen erschließen Marktpotenzial: Terahertzstrahlung entgeht nichts, Ras-Protein verändert Nervenzellen: Wie das Gehirn auf Zuwachs schaltet, Exotische Elementarteilchen vorausgesagt und entdeckt: Mit Pentaquarks die Welt erklären

Weitere Informationen

Prof. Dr. Ludger Pientka, Universitätsklinik für Altersmedizin und Frührehabilitation, Marienhospital Herne, Tel.: 02323/499-2400/2401, E-Mail: ludger.pientka@ruhr-uni-bochum.de

Prof. Dr. Hans-Joachim Trampisch, Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie, Tel.: 0234/32-27790, E-Mail: hans.j.trampisch@ruhr-uni-bochum.de
Michael Kemmerich (IBEKOM), Tel.: 0234/43870-400, E-Mail: info@ibekom.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ibekom.de
http://www.rub.de/rubin/rbin1_05/

Weitere Berichte zu: Hüftgelenksfraktur IBEKOM Osteoporose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Digitaler Zwilling für personalisierte Medizin - Schick den Avatar zum Arzt
12.07.2019 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

nachricht Umfangreiche genetische Studie klärt Transformation von Vorleukämie zur vollständigen Leukämie auf
12.07.2019 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Megakaryozyten als „Türsteher“ und Regulatoren der Zellmigration im Knochenmark

In einer neuen Studie zeigen Wissenschaftler der Universität Würzburg und des Universitätsklinikums Würzburg, dass Megakaryozyten als eine Art „Türsteher“ auftreten und so die Eigenschaften von Knochenmarksnischen und die Dynamik der Zellmigration verändern. Die Studie wurde im Juli im Journal „Haematologica“ veröffentlicht.

Die Hämatopoese ist der Prozess der Bildung von Blutzellen, der überwiegend im Knochenmark auftritt. Das Knochenmark produziert alle Arten von Blutkörperchen:...

Im Focus: Megakaryocytes act as „bouncers“ restraining cell migration in the bone marrow

Scientists at the University Würzburg and University Hospital of Würzburg found that megakaryocytes act as “bouncers” and thus modulate bone marrow niche properties and cell migration dynamics. The study was published in July in the Journal “Haematologica”.

Hematopoiesis is the process of forming blood cells, which occurs predominantly in the bone marrow. The bone marrow produces all types of blood cells: red...

Im Focus: Beschleunigerphysik: Alternatives Material für supraleitende Hochfrequenzkavitäten getestet

Supraleitende Hochfrequenzkavitäten können Elektronenpakete in modernen Synchrotronquellen und Freien Elektronenlasern mit extrem hoher Energie ausstatten. Zurzeit bestehen sie aus reinem Niob. Eine internationale Kooperation hat nun untersucht, welche Vorteile eine Beschichtung mit Niob-Zinn im Vergleich zu reinem Niob bietet.

Zurzeit ist Niob das Material der Wahl, um supraleitende Hochfrequenzkavitäten zu bauen. So werden sie für Projekte wie bERLinPro und BESSY-VSR eingesetzt,...

Im Focus: Künstliche Intelligenz löst Rätsel der Physik der Kondensierten Materie: Was ist die perfekte Quantentheorie?

Für einige Phänomene der Quanten-Vielteilchenphysik gibt es mehrere Theorien. Doch welche Theorie beschreibt ein quantenphysikalisches Phänomen am besten? Ein Team von Forschern der Technischen Universität München (TUM) und der amerikanischen Harvard University nutzt nun erfolgreich künstliche neuronale Netzwerke für die Bildanalyse von Quantensystemen.

Hund oder Katze? Die Unterscheidung ist ein Paradebeispiel für maschinelles Lernen: Künstliche neuronale Netzwerke können darauf trainiert werden Bilder zu...

Im Focus: Artificial neural network resolves puzzles from condensed matter physics: Which is the perfect quantum theory?

For some phenomena in quantum many-body physics several competing theories exist. But which of them describes a quantum phenomenon best? A team of researchers from the Technical University of Munich (TUM) and Harvard University in the United States has now successfully deployed artificial neural networks for image analysis of quantum systems.

Is that a dog or a cat? Such a classification is a prime example of machine learning: artificial neural networks can be trained to analyze images by looking...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auswandern auf Terra-2?

15.07.2019 | Veranstaltungen

Hallo Herz! Wie kommuniziert welches Organ mit dem Herzen?

12.07.2019 | Veranstaltungen

Schwarze Löcher und unser Navi im Kopf: Wissenschaftsshow im Telekom Dome in Bonn

11.07.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Versteckte Dynamik in neuronalen Netzwerken entdeckt

16.07.2019 | Biowissenschaften Chemie

Fraunhofer: What’s next?

16.07.2019 | Messenachrichten

GFOS auf der Zukunft Personal Europe: Workforce Management weitergedacht

16.07.2019 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics