Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Spaghetti-Elektrode" spürt Ursache für Herzrasen auf

26.06.2001


Eine Spezialelektrode haben Medizintechniker und Ärzte am Universitätsklinikum Jena entwickelt, um die Ursache für Herzrasen sicher diagnostizieren und behandeln zu können. Das 80 Zentimeter lange und Spaghetti-dünne Instrument wird über die Speiseröhre eingeführt und spürt präzise den "Kurzschluss" in der Reizleitung des Herzmuskels auf.

Bei den meisten Patienten liegt dafür ein angeborener Fehler im bioelektrischen Leitungssystem des Herzens zugrunde, der zumeist durch einen Herzkatheter-Eingriff behoben werden kann - sofern er erst zuverlässig lokalisiert ist. Die patentierte Spezialelektrode stellt der Jenaer Biomedizintechniker Dr.-Ing. Matthias Heinke heute (26. Juni) erstmals beim Kongress für Herzrhythmusstörungen und Herzschrittmachertherapie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in Kopenhagen der Fachöffentlichkeit vor. Die mittelständische Dr. Osypka GmbH im südwestdeutschen Rheinfelden hat die Produktion und Vermarktung der Neuentwicklung übernommen.

"Herzrasen ist nicht nur sehr unangenehm, sondern für manche Patienten auch lebensbedrohlich", erläutert PD Dr. Helmut Kühnert, Oberarzt in der Jenaer Universitäts-Herzklinik. "Schwindelgefühle, Ohnmacht, manchmal sogar ein gefährliches Kammerflimmern können die Folge sein." Dennoch lässt sich die Erkrankung vom Arzt gar nicht so einfach feststellen.

Denn erhöhte Pulsschläge bis zum Doppelten oder sogar Dreifachen des Normalwerts treten zumeist spontan und unkontrolliert auf - und nicht gerade dann, wenn der Kardiologe gerade zufällig ein Elektrokardiogramm (EKG) angelegt hat. Kühnert: "Wir haben schon Patienten in unserer Klinik behandelt, die eine lange Leidensgeschichte mit zahllosen Facharztbesuchen hinter sich haben, ohne dass ihre Erkrankung diagnostiziert werden konnte."

Abhilfe schafft nun die Jenaer Neuentwicklung. Über einen nur 3,3 Millimeter dünnen Schlauch wird die vier- bis achtpolige Elektrode durch die Speiseröhre hinter den linken Vorhof und die linke Herzkammer geschoben. Heinke: "Das geht ohne Narkose. Wir sprühen dem Patienten nur ein leichtes Anästetikum in den Rachen, um den Brechreiz zu vermeiden." Über die Elektrode lösen die Ärzte dann zielgerichtet minimale elektrische Impulse aus, die nur eine Hunderstel Sekunde andauern und bloß sieben Milli-Ampere stark sind. Dieser "Taktgeber" übernimmt also zeitweilig das "Dirigat" über den Herzrhythmus. Zugleich misst das Instrument das Frequenzmuster der elektrischen Reizleitung im Herzen, so als wäre es - beinahe vor Ort - ein Lupen-EKG.

Nur bei Patienten mit einem angeborenen Fehler im Reizleitersystem lässt sich damit ein Herzrasen auslösen und zugleich die Ursache genau lokalisieren. Denn die liegt fast immer in einer zusätzlichen "Leitung" begründet, die den natürlichen Ausgangsimpuls für den Herzschlag auffängt und nochmals weitergibt - fast so wie bei einem elektrischen Kurzschluss. Beheben lässt sich dieser "Kurzschluss" dann fast immer durch einen relativ einfachen Eingriff, den anschließend ein erfahrener Kardiologe minimalinvasiv über einen Herzkatheter, also einen über die Leistenschlagader eingeführten Schlauch, ausführt: Die störende Leitungsbahn wird einfach unterbrochen. Oberarzt Kühnert: "Wenn wir erst einmal wissen, wo die genau liegt, ist das kein großes Problem mehr."

Seit rund zehn Jahren arbeitet das Jenaer Team an dieser inzwischen patentierten Lösung. Den Durchbruch brachte aber erst eine Spezialelektrode, die elektrische Impulse zielgerichtet aussenden kann. "Damit haben wir auch praktisch keinerlei Belastung mehr für den Patienten während der Untersuchung", bemerkt Matthias Heinke. Das Jenaer Instrument ist seit vergangenem Jahr CE-geprüft und hat damit quasi die medizinische TÜV-Plakette erhalten. Einer Serienfertigung durch die baden-württembergische Dr. Osypka GmbH stand damit nichts mehr im Wege. "Weltweit gibt es dafür einen riesigen Markt", so Heinke. In Deutschland kommt es zunächst in kardiologischen Fachkliniken zum Einsatz; sobald die Krankenkassen diese medizinische Leistung anerkennen, werden es auch niedergelassene Fachärzte für die ambulante Diagnostik verwenden.

Ansprechpartner:
Dr.-Ing. Matthias Heinke und PD Dr. Helmut Kühnert
Klinik für Innere Medizin III der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/939138, Fax: 939363
E-Mail: matthias.heinke@med.uni-jena.de und helmut.kuehnert@med.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Kardiologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Antiblockiersystem in Arterien schützt vor Herzinfarkt
16.10.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Rauchentwöhnung mit Virtual Reality
12.10.2018 | Universität Siegen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Im Focus: Chemiker der Universitäten Rostock und Yale zeigen erstmals Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen

Die Forschungskooperation zwischen der Universität Yale und der Universität Rostock hat neue wissenschaftliche Ergebnisse hervorgebracht. In der renommierten Zeitschrift „Angewandte Chemie“ berichten die Wissenschaftler über eine Dreierkette aus Ionen gleicher Ladung, die durch sogenannte Wasserstoffbrücken zusammengehalten werden. Damit zeigen die Forscher zum ersten Mal eine Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen, die sich im Grunde abstoßen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Professoren Mark Johnson, einem weltbekannten Cluster-Forscher, und Ralf Ludwig aus der Physikalischen Chemie der...

Im Focus: Storage & Transport of highly volatile Gases made safer & cheaper by the use of “Kinetic Trapping"

Augsburg chemists present a new technology for compressing, storing and transporting highly volatile gases in porous frameworks/New prospects for gas-powered vehicles

Storage of highly volatile gases has always been a major technological challenge, not least for use in the automotive sector, for, for example, methane or...

Im Focus: Materiezustände durch Licht verändern

Forscherinnen und Forscher der Universität Hamburg stören die kristalline Ordnung

Physikerinnen und Physikern der Universität Hamburg ist es gelungen, mithilfe von Laserpulsen die Ordnung von Quantenmaterie so zu stören, dass ein spezieller...

Im Focus: Disrupting crystalline order to restore superfluidity

When we put water in a freezer, water molecules crystallize and form ice. This change from one phase of matter to another is called a phase transition. While this transition, and countless others that occur in nature, typically takes place at the same fixed conditions, such as the freezing point, one can ask how it can be influenced in a controlled way.

We are all familiar with such control of the freezing transition, as it is an essential ingredient in the art of making a sorbet or a slushy. To make a cold...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

11. Jenaer Lasertagung

16.10.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2018

16.10.2018 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz in der Medizin

16.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Multiresistente Keime aus Abwasser filtern

16.10.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Pilz schlägt sich mit eigenen Waffen

16.10.2018 | Biowissenschaften Chemie

11. Jenaer Lasertagung

16.10.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics