Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geduld beim Kinderkriegen nach langjähriger Verhütung erforderlich

13.09.2002


Frauen, die jahrelang die Pille genommen haben, aber noch Kinder bekommen möchten, können unbesorgt sein - die Pille beeinträchtigt ihre Fruchtbarkeit (Fertilität) nicht, sie müssen sich aber mit ihrem Kinderwunsch etwas gedulden, erklären Experten auf dem 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (10.-14. September 2002) in Düsseldorf.

"Nach Absetzen der Pille muss lediglich mit einer leichten verzögerten Rückkehr der Fertilität gerechnet werden", erklärt Prof. Dr. Henry Alexander von der Universitätsfrauenklinik Leipzig. Die Gründe für die Verzögerung sind noch unklar. Der Gynäkologe gab auf dem Kongress einen Überblick über die in mehreren Studien untersuchte Langzeitwirkung verschiedener Verhütungsmittel, von der Pille über Depotpräparate, Hormonstäbchen, Minipillen und Spiralen. Die Zeiträume nach Absetzen der Verhütung bis zum Eintritt einer Schwangerschaft schwankten bei der Pille zwischen 2 Jahren und wenigen Monaten, bei Depotpräparaten zwischen 6 und 9 Monaten. Bei der Spirale betrugen sie bis zu einem Jahr. Bei Hormonstäbchen betrug die Wartezeit bis zu 3 Monate. Am schnellsten stellte sich eine Schwangerschaft nach dem Absetzen der Minipille ein - hier konnte keine Verzögerung beobachtet werden.

Die ersten umfangreichen Daten, die über den Einfluss der Pille auf die Fertilität (Fruchtbarkeit) veröffentlicht worden sind, stammen aus der Oxford Family Planning Association Contraceptive Study, die bereits 1968 begonnen worden war. Danach benötigten Frauen, die bereits geboren hatten, nach Absetzen der Pille, 30 Monate um wieder schwanger zu werden. Frauen, die noch keine Kinder zur Welt gebracht hatten, so genannte Nulliparae, mussten gar 42 Monate warten, um die Schwangerschaftsrate der Frauen zu erreichen, die nicht mit der Pille verhütet hatten. Prof. Alexander weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass damals die Pille höher dosiert war, als die heutigen Präparate. Von der verzögerten Wiedererlangung der Fruchtbarkeit waren hauptsächlich Frauen über 30 betroffen, die die Pille abgesetzt und noch nicht geboren hatten. So waren auch zwei Jahre nach Absetzen der Pille 17, 7 Prozent dieser Frauen im Alter zwischen 30 und 34 noch nicht schwanger. Bei der Kontrollgruppe ohne orale Kontrazeption war der Anteil der Frauen, die ihren Kinderwunsch nicht erfüllen konnten mit 11,5 Prozent wesentlich geringer. Nach drei Jahren jedoch hatten sich die Raten der unerfüllten Schwangerschaften mit 12,7 Prozent (Gruppe der ehemaligen Pillenanwenderinnen) und 10 Prozent (Kontrollgruppe) weitestgehend angeglichen.

Eine neuere Studie mit 248 Frauen, die die Pille genommen hatten, und 1 365 Frauen, die mit anderen Methoden verhütet hatten, ergab dass die Frauen der ersten Gruppe nach dem Absetzen der Pille erst nach rund 5,88 Zyklen schwanger wurden. Bei der zweiten Gruppe betrug dieser Zeitraum 3,64 Zyklen. Auch zeigte sich, dass sich die Frauen, die zuvor höher dosierte Pillen zur Verhütung angewendet hatten, länger warten mussten, bis sie schwanger wurden als die Frauen, die zuvor niedrig dosierte Pillen genommen hatten.
Nach maximal sieben Monate stellte sich bei den Frauen eine Schwangerschaft ein, die verschiedene Mono- und Mehrphasenpräparate der Pille genommen hatten. Das ergab eine Studie mit 222 Frauen. Am längsten mussten sich die Frauen gedulden, die zuvor ein Monophasenpräparat genommen hatten. Diejenigen mit Mehrphasenpräparaten wurden rascher schwanger. Frauen, die noch keine Kinder geboren haben, sollten deshalb nach Ansicht von Gynäkologen, wie Prof. Alexander in Düsseldorf berichtete, besser mit einem Mehrphasenpräparat verhüten, wenn sie später noch ein Baby bekommen möchten.

Die Ursachen für die verzögerte Fruchtbarkeit nach Einnahme der Pille sind noch unklar. Möglicherweise, so Prof. Alexander auf dem Kongress, wird durch die Hormone der Pille nicht nur der Regelkreis Hypothalamus-Hypophyse (Hirnanhangdrüse) beeinträchtigt, der die Eireifung und den Eisprung mitsteuert, sondern auch die Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) und der Gebärmutterhals (Zervix).

Prof. Alexander wies zudem darauf hin, dass die Frauen, die zuvor mit der Pille oder Spirale verhütet haben, später gesunde Kinder zur Welt brachten. "Beide Verhütungsmethoden hatten keinen negativem Effekt auf den Ausgang der Schwangerschaft", sagte er.

Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind so genannte Depot-Präparate mit dem Hormon Gestagen auf dem Markt, die den Eisprung verhindern. Diese Hormonspritzen können mehrere Monate wirken, zum Beispiel die Drei-Monatsspritze. In Deutschland sind laut Prof. Alexander zwei Präparate zugelassen, Medroxyprogesteronacetat und Norethisteronenantat. Sie dürfen jedoch nur bei Frauen eingesetzt werden, die einen normalen Monatszyklus haben und andere Verhütungsmethoden nicht vertragen, betonte Prof. Alexander.

Was die Fertilität anbetrifft, so konnte gezeigt werden, dass es nach der letzten Injektion im Schnitt 9 Monate dauert, bis die Frauen wieder ein Kind bekommen können. Das hat nach Aussage des Gynäkologen nichts mit der Anwendungsdauer des Depotpräparats zu tun. Frauen, die mit Medroxyprogesteronacetat verhütet hatten, wurden 13 Monate nach der letzten Injektion oder 10 Monate nach Abklingen der Wirkung der Substanz, wieder schwanger. Das ergab eine Studie mit 114 Frauen. Nach 18 Monaten hatte sich Empfängnisrate dieser Frauen derjenigen anderer Frauen unabhängig von deren Verhütungsmethode angepasst.

"Deutlich kürzer" ist die Verzögerung der Konzeption nach Aussage von Prof. Alexander bei dem Depot-Präparat Norethisteronenantat. In den ersten sechs Monaten nach der letzten Injektion wurden 31 Prozent der Frauen schwanger. Auch hier spielte die Dauer der Anwendung dieser Verhütungsmethode für die Wiedererlangung der Fertilität keine Rolle, erklärte der Mediziner. Entscheidend seien hier vielmehr die individuellen Unterschiede in der Resorption (Aufnahme) und Metabolisierung (Verstoffwechselung) des Wirkstoffdepots. Möglicherweise erklärt sich daraus auch, dass schlanke Frauen, die zuvor dieses Depot-Präparat genommen hatten, schneller ein Kind empfingen.

Hormonstäbchen


Eine neue Form der Verhütung sind sogenannte Hormonstäbchen. Bei diesem Stäbchen handelt es sich um ein Depotgestagen (Implanon ® - 68mg Etonogestrel), das mit einer Nadel unter die Haut des Oberarms geschoben wird und eine Wirkungsdauer von 3 Jahren hat. Bereits drei Monate nachdem sie dieses Hormonstäbchen entfernt hatten, bekamen 90 Prozent der Frauen ihre Monatsblutung. Der Grund dafür ist, dass die Gestagenspiegel nach Entfernung des Stäbchens rasch abfallen.

Minipillen
Seit 1970 gibt es die so genannten Minipillen, von denen in Deutschland zur Zeit vier Präparate auf dem Markt sind. Bei drei Präparaten werden täglich 0,03 mg Levonorgestrel eingenommen, bei der neuen Minipille (Cerazette ® ) 0,075 mg Desogestrel. Die empfängnisverhütende Wirkung dieser Minipillen greift vor allem am Gebärmutterhals an - sie verändert den Schleim und macht ihn undurchdringlich für Sperma. Bei 40 Prozent der Frauen, die die neue Minipille genommen haben, wurde zusätzlich auch der Eisprung verhindert. Die Beeinflussung des Eisprungs ist jedoch, so Alexander, "weit geringer und damit schneller reversibel" als nach anderen oralen Kontrazeptiva. Was die Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit anbetrifft, gibt es laut Alexander keine Hinweise dafür, dass sie bei den Frauen nach Absetzen dieser Minipillen gestört wäre. Dafür spricht laut Alexander auch, dass es bei Frauen die die Minipille nicht regelmäßig einnehmen, "nicht selten zu Schwangerschaften" kommt.

Spiralen
Innerhalb eines Jahres nachdem sie eine Kupfer-Spirale (Cu-Intrauterine device - IUD) als Verhütungsmittel entfernt hatten, wurden zwischen 80 und 90 Prozent der betroffenen Frauen schwanger. Nach zwei Jahren waren es 90 - 95 Prozent. Das entspricht der Fertilitätsrate von Frauen, die keine Verhütungsmittel anwenden. . Zwei Studien zeigten, dass Frauen, die bereits geboren haben, schneller wieder fruchtbar geworden waren, als Frauen, die noch kein Kind zur Welt gebracht hatten. Das, so Prof. Alexander, treffe aber allgemeinen für alle Verhütungsmethoden zu.

Prof. Alexander wies darauf hin, dass bei Frauen, die noch kein Kind zur Welt gebracht haben und die zur Verhütung längerfristig eine Spirale benutzen, die Fruchtbarkeit gestört sein könnte. Keine signifikanten Unterschiede zeigten sich hinsichtlich der Fertilität in einer Studie mit 209 Frauen, die mit Hormonspirale (Mirena ®) bzw. Kupfer-Spirale verhütet hatten.

Rückfragen:


Prof. Dr. med. Henry Alexander
Stellv. Direktor der Universitäts-Frauenklinik
Philipp-Rosenthal-Straße 55, 04103 Leipzig
Tel.: 0341-9723410; Fax: 0341-9723509
E-Mail: aleh@medizin.uni-leipzig.de


Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit körpereigenem Protein Herpes bekämpfen
13.11.2018 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

nachricht Mit Lichtimpulsen Herzzellen abschalten
06.11.2018 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mikroplastik in Kosmetik

16.11.2018 | Studien Analysen

Neue Materialien – Wie Polymerpelze selbstorganisiert wachsen

16.11.2018 | Materialwissenschaften

Anomale Kristalle: ein Schlüssel zu atomaren Strukturen von Schmelzen im Erdinneren

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics