Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frühgeburten: mehr Aufklärung nötig

12.09.2002


Die Frühgeburt ist immer noch das größte Problem der Geburtshelfer. In den letzten 20 Jahren konnte die Häufigkeit nicht gesenkt werden. Zwei Drittel aller Kinder, die während oder kurz nach der Geburt sterben, kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Wissenschaftler fahnden nach neuen biochemische Markern, doch die wissenschaftlichen Ergebnisse sind widersprüchlich. Darum müssen die Möglichkeiten zur Prävention besser ausgeschöpft werden, betonten Experten auf dem 54. Gynäkologenkongress in Düsseldorf.

Vielleicht sollte man sich als ungeborenes Kind vorsichtshalber eine französische Mutter aussuchen, hätte man die Wahl. Denn Frankreich ist es als einzigem industrialisierten Land gelungen, ein erfolgreiches Konzept der Geburtsmedizin konsequent umzusetzen und damit Tausenden Kindern das Leben zu retten. Seit das Konzept des Pariser Geburtshelfers Emile Papiernik in den achtziger Jahren national eingeführt wurde, sank die Frühgeburtenrate von 7,5 auf 3,8 Prozent. Die Strategie ist einfach: die Schwangeren werden ausführlich über Schwangerschaftsrisiken aufgeklärt, bei Risikoschwangerschaften stellt der Arzt gegebenenfalls eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aus.

In Deutschland werden derartige präventive Maßnahmen nicht honoriert. Entsprechend liegt die Frühgeborenen-Rate bei ca. sieben Prozent. Die Sterblichkeit von Säuglingen während und kurz nach der Geburt ist zwar auf 0,5 Prozent gesunken, doch unter den "Frühchen" sterben etwa zehnmal so viele Babys. Das sind für das Jahr 2000 in Deutschland etwa 2.800 von 770.055 geborenen Kindern. "Wirkliche Probleme machen uns vor allem die Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen", präzisiert Professor Dr. med. KTM Schneider, Leiter der Abteilung für Perinatalmedizin der Frauenklinik rechts der Isar der Technischen Universität München. Diese Kinder haben sehr oft neurologische Behinderungen. Sie machen nur ein Prozent aller Schwangerschaften, aber 40 Prozent aller Probleme aus.

Nach wie vor ist die Förderung der Lungenreife mittels Kortikosteroiden die effizienteste Methode, die Lungenunreife, und damit auch die Hirnblutungsrate zu reduzieren. "Allerdings", räumt Professor Schneider ein, "sieht man mittlerweile von routinemäßigen Wiederholungsgaben ab. Wir empfehlen möglichst eine einmalige Gabe, wenn innerhalb der nächsten sieben bis elf Tage die Geburt zu erwarten ist."

Infektionen vermeiden

In Deutschland konzentrieren sich vorbeugende Maßnahmen in erster Linie darauf, Infektionen zu vermeiden. Zwar spielen bei verfrühter Wehentätigkeit - darüber sind sich die Experten einig - mehrere Faktoren eine Rolle, doch über 50 Prozent der Frühgeburten gehen auf eine Infektion in Vagina oder Gebärmutter zurück. "Darum ist die bakteriologische Diagnostik zusätzlich zur Routineuntersuchung so wichtig", erklärt Professor Arne Jensen von der Universitäts-Frauenklinik Bochum, Knappschaftskrankenhaus. Ein nachgewiesener Infekt kann erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Zusätzlich bekommt die Schwangere wehenhemmende Medikamente.

Notbremse des Kindes

Die frühzeitige Wehentätigkeit kann aber auch eine "Notbremse" des Kindes aufgrund einer bestehenden Unterversorgung sein. In einem solchen Notfall wäre die Hemmung der Wehen genau das Falsche. "Mittels Wehenaufzeichnung, Ultraschall und Dopplerflussmessung sehen wir, wie es dem Kind geht", sagt Professor Dudenhausen, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, Universitätsklinikum der Humboldt Universität zu Berlin. Kommt eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen in die Klinik und reagiert die Herzfrequenz des Kindes nicht auf die Wehen, ist die Sauerstoffversorgung ausreichend. Sobald jedoch erste Signale auf eine Mangelversorgung hindeuten, muss das Kind so schnell wie möglich entbunden werden. Selbst in der 32. Schwangerschaftswoche ist ein Kaiserschnitt für ein unterversorgtes Kind besser als ein Hinauszögern der Geburt. "Die Stresshormone, die es ausschüttet, tragen zur Lungenreifung bei", erläutert Professor Jensen. Gerade in solchen Fällen habe die Prävention von Hirnschädigungen die erste Priorität.

Welche Rolle das Immunsystem des ungeborenen Kindes bei der Frühgeburtlichkeit spielt, ist derzeit Gegenstand vielfältiger Untersuchungen. Wissenschaftler suchen nach Botenstoffen, die dem Arzt eine drohende Frühgeburt signalisieren können. Dazu gehören bestimmte Zytokine, beispielsweise Interleukin 1 beta, 6 und 8. Es konnten jedoch noch keine aussagekräftigen Grenzwerte gefunden werden.

Fibronektin-Test und Gebärmutterhalslänge

Umstritten ist auch der sogenannte Fibronektin-Test. Untersuchungen zeigten, dass der Fetus in Notsituationen dieses Protein vermehrt bildet. Wann der Test eingesetzt werden soll, ist indes umstritten. Britische Forscher berichteten im August dieses Jahres im British Medical Journal von einer Studie an Frauen mit vorzeitigen Wehen in der 31. Schwangerschaftswoche. War der Fibronektintest positiv, gaben sie den Frauen Steroide, um die Lungenreifung zu fördern und konnten so das kindliche Atemnotsyndrom verhindern. Von einem Einsatz als Routinetest raten die Experten indes ab.

"Die verlässlichste Methode ist immer noch die Messung des Gebärmutterhalses", resümiert Professor Dudenhausen. Ist die Zervix über drei Zentimeter lang und der Fibronektintest nega-tiv, besteht ein geringes Risiko für eine Frühgeburt. Ergebnisse jüngster US-amerikanischer Studien unterstützen diesen Richtwert. Die Forscher fanden, dass eine Zervixlänge unter drei Zentimeter vor Ende der 16. Schwangerschaftswoche deutlich mit frühzeitiger Wehentätigkeit assoziiert ist. Unabhängig von der Ausgangslänge steigt dieses Risiko, je rascher sich der Gebärmutterhals verkürzt.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Joachim W. Dudenhausen
Direktor der Klinik für Geburtsmedizin
Charité - Universitätsklinikum der
Humboldt-Universität zu Berlin
Campus Virchow-Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Tel.: 030-4505-64072
Fax: 030-4505-64901
E-Mail: joachim.dudenhausen@charite.de
und
Prof. Dr. med. Karl T.M. Schneider
Frauenklinik und Poliklinik der TU München
Leiter der Abt. f. Perinatalmedizin
Klinikum rechts der Isar
Ismaningerstraße 22
81675 München
Tel.: 089-4140-2430 o. 2431
Fax.: 089-4140-2447
E-Mail: KTM.Schneider@lrz.tum.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Spezialfarbstoff erlaubt völlig neue Einblicke ins Gehirn
16.08.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Keime fliegen mit
16.08.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

Mit Festkörperbatterien sind aktuell große Hoffnungen verbunden. Sie enthalten keine flüssigen Teile, die auslaufen oder in Brand geraten könnten. Aus diesem Grund sind sie unempfindlich gegenüber Hitze und gelten als noch deutlich sicherer, zuverlässiger und langlebiger als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Jülicher Wissenschaftler haben nun ein neues Konzept vorgestellt, das zehnmal größere Ströme beim Laden und Entladen erlaubt als in der Fachliteratur bislang beschrieben. Die Verbesserung erzielten sie durch eine „clevere“ Materialwahl. Alle Komponenten wurden aus Phosphatverbindungen gefertigt, die chemisch und mechanisch sehr gut zusammenpassen.

Die geringe Stromstärke gilt als einer der Knackpunkte bei der Entwicklung von Festkörperbatterien. Sie führt dazu, dass die Batterien relativ viel Zeit zum...

Im Focus: It’s All in the Mix: Jülich Researchers are Developing Fast-Charging Solid-State Batteries

There are currently great hopes for solid-state batteries. They contain no liquid parts that could leak or catch fire. For this reason, they do not require cooling and are considered to be much safer, more reliable, and longer lasting than traditional lithium-ion batteries. Jülich scientists have now introduced a new concept that allows currents up to ten times greater during charging and discharging than previously described in the literature. The improvement was achieved by a “clever” choice of materials with a focus on consistently good compatibility. All components were made from phosphate compounds, which are well matched both chemically and mechanically.

The low current is considered one of the biggest hurdles in the development of solid-state batteries. It is the reason why the batteries take a relatively long...

Im Focus: Farbeffekte durch transparente Nanostrukturen aus dem 3D-Drucker

Neues Design-Tool erstellt automatisch 3D-Druckvorlagen für Nanostrukturen zur Erzeugung benutzerdefinierter Farben | Wissenschaftler präsentieren ihre Ergebnisse diese Woche auf der angesehenen SIGGRAPH-Konferenz

Die meisten Objekte im Alltag sind mit Hilfe von Pigmenten gefärbt, doch dies hat einige Nachteile: Die Farben können verblassen, künstliche Pigmente sind oft...

Im Focus: Color effects from transparent 3D-printed nanostructures

New design tool automatically creates nanostructure 3D-print templates for user-given colors
Scientists present work at prestigious SIGGRAPH conference

Most of the objects we see are colored by pigments, but using pigments has disadvantages: such colors can fade, industrial pigments are often toxic, and...

Im Focus: Eisen und Titan in der Atmosphäre eines Exoplaneten entdeckt

Forschende der Universitäten Bern und Genf haben erstmals in der Atmosphäre eines Exoplaneten Eisen und Titan nachgewiesen. Die Existenz dieser Elemente in Gasform wurde von einem Team um den Berner Astronomen Kevin Heng theoretisch vorausgesagt und konnte nun von Genfern Astronominnen und Astronomen bestätigt werden.

Planeten in anderen Sonnensystemen, sogenannte Exoplaneten, können sehr nah um ihren Stern kreisen. Wenn dieser Stern viel heisser ist als unsere Sonne, dann...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

LaserForum 2018 thematisiert die 3D-Fertigung von Komponenten

17.08.2018 | Veranstaltungen

Aktuelles aus der Magnetischen Resonanzspektroskopie

16.08.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2018

16.08.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Eröffnung des neuen Produktionsgebäudes bei Heraeus Medical in Wehrheim

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Universum Studie: Internationalität und Praxisbezug sind Erfolgsfaktoren der ISM

20.08.2018 | Unternehmensmeldung

Die Mischung macht‘s: Jülicher Forscher entwickeln schnellladefähige Festkörperbatterie

20.08.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics