Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geburtsrisiko nicht voraussagbar

12.09.2002


Plötzlich eintretende Geburtskomplikationen sind nicht vorhersagbar. Das belegt eine aktuelle Studie, die auf dem 54. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Düsseldorf präsentiert wird. Deshalb raten Experten Schwangeren von einer Geburt außerhalb der Klinik ab.

"Wie hoch ist die Kaiserschnittrate?" "Bieten Sie Akupunktur, Akupressur, Homöopathie und Wassergeburt an?" Das sind häufige Fragen von Eltern, die sich über die Leistungen einer Geburtsklinik informieren wollen. "Mit welchem geburtsmedizinischen Ergebnis die Kinder, abhängig vom Risiko, entlassen werden, fragt jedoch keiner", wundert sich Professor Karl T. M. Schneider, Leiter der Abteilung für Perinatalmedizin der Frauenklinik rechts der Isar der Technischen Universität München. Problemlose Geburtsverläufe würden offenbar vorausgesetzt.

Diese sind in der Tat bei der überwiegenden Mehrzahl der Entbindungen der Fall. Die Bayerische Arbeitsgemeinschaft Qualitätssicherung (BAQ) hat für das Jahr 2000 etwa 70 Prozent aller Entbindungen in Deutschland erfasst. Resultat: 21,8 Prozent der Frauen wurden per Kaiserschnitt entbunden. Bei gut der Hälfte der Eingriffe handelte es sich um sogenannte sekundäre Kaiserschnitte, die eine bereits begonnene Geburt beenden. Der Grund: "Ungefähr fünf-zehn bis 20 Prozent der Risiken treten erst unter der Geburt auf", schätzt Schneider.

Orakel per Computer

Um dieser Unvorhersehbarkeit vielleicht doch ein Quäntchen Vorhersagbarkeit abzuringen, versuchte ein Team um Priv. Doz. Dr. Matthias David am Berliner Universitätsklinikum Charité eine Risikoskala zu erstellen. Diese sollte Frauenärzten ermöglichen, je nach individuellen Schwangerschaftsrisiken die Wahrscheinlichkeit für eine normale Geburt zu errechnen. Die Frauenärzte versuchten, nachträglich die während der Geburt aufgetretenen Komplikationen mit jenen Risikofaktoren zu verknüpfen, die aus dem Mutterpass hervorgingen. Als Datenbasis dienten 176.734 Klinikgeburten von 1993 bis 1999, die durch die Berliner Perinatalerhebung dokumentiert waren. Ausgenommen waren nur die "klinikpflichtigen Risikofälle", also jene Frauen, bei denen von vorneherein ein Kaiserschnitt absehbar war.

Die Ärzte errechneten zwar 28 statistisch signifikante Risikofaktoren, "doch leider konnten wir keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Risikofaktoren und dem Geburtsmodus ermitteln", bedauert David. Bei 46 Prozent der Erstgebärenden - bei jeder zweiten - und bei 33 Prozent der Mehrfachgebärenden - bei jeder dritten - hätten die Ärzte mit ihrer Vorhersage - spontane oder operative Geburt - falsch gelegen.

Die erste Geburt ist riskanter

Auch wenn die statistisch errechnete Risikoskala als "Orakel" nicht funktionierte, zeichneten sich doch einige klare Tendenzen ab. Frauen, die ihr erstes Kind bekommen, haben generell ein erhöhtes Risiko für eine operative Geburt. 27 Prozent der Erstgebärenden wurden per Kaiserschnitt, Zange oder Saugglocke entbunden, bei den Mehrgebärenden waren es nur acht Prozent. Selbst wenn laut Mutterpass bei einer Erstgebärenden keinerlei Risiko bestand, war dennoch bei 21 Prozent dieser scheinbar risikofreien Schwangerschaften operativer Eingriff nötig. Hingegen wurden nur vier Prozent der Mehrfachgebärenden ohne Risiko operativ entbunden.

Risiko Hausgeburt

Gleichwohl entbinden schätzungsweise 1,5 Prozent der Frauen zu Hause oder in einem Geburtshaus. Die Hebammen sind inzwischen ebenfalls bestrebt, ihre Leistungen zu dokumentieren. Seit 1996 werden die außerklinischen Geburten in einer speziellen Perinatalerhebung erfasst. Dieser ist zu entnehmen, dass 14 bis 18 Prozent der außerklinischen Geburten im Krankenhaus enden, da Komplikationen eine Verlegung der Frau erforderlich machen. Unklar ist, ob die so geborenen Kinder höhere Risiken für geburtsbedingte Erkrankungen tragen. "Um dies herauszufinden, läuft derzeit eine Studie, die alle Geburtsverläufe dokumentiert, die außerklinisch beginnen und in der Klinik enden," erklärt David. Diese Studie läuft unter dem Dach des Berliner Zentrums für Public Health als Kooperationsprojekt der TU Berlin und der Charité.

"Solange die von uns eingeforderten Sicherheitsstandards nicht gewährleistet sind, raten wir von außerklinischen Entbindungen ab", betont Schneider. Zu diesen Standards gehört etwa die Möglichkeit, eine Schwangere per Notfallkaiserschnitt innerhalb von zehn Minuten zu entbinden. Bei einer dringlichen Sectio sollte die Operation binnen 20 Minuten erfolgen. Dies ist bei einer Geburt außerhalb einer Klinik kaum zu schaffen. Bei der Wahl einer Geburtsklinik sollten Schwangere darauf achten, dass auch nicht alle Kliniken diese Anforderungen erfüllen. Nach Angaben der BAQ vergingen im Jahr 2000 bei einem Viertel der Not-Kaiserschnitte mehr als 20 Minuten zwischen dem Entschluss zum Eingriff und der tatsächlichen Operation. "Die häufigsten Organisationsfehler treten nach unserer Erfahrung in kleinen Belegkrankenhäusern auf," präzisiert Schneider.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Karl T.M. Schneider, Frauenklinik und Poliklinik der TU München Abt.f. Perinatalmedizin,
Klinikum rechts der Isar, Ismaningerstraße 22, 81675 München Tel.: 089-4140-2430 Fax.: 089-4140-2447

PD Dr. med. Matthias David
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Charité, Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1
13353 Berlin, Tel.: 030-4505-0, Fax: 030-4505-64932, E-Mail: matthias.david@charite.de

Dipl. Biol. Barbara Ritzert | idw

Weitere Berichte zu: Entbindung Kaiserschnitt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore
19.07.2018 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz
18.07.2018 | Universitätsklinikum Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Stadtklima verbessern, Energiemix optimieren, sauberes Trinkwasser bereitstellen

19.07.2018 | Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Automatisiertes Befüllen von Regalen im Einzelhandel

19.07.2018 | Verkehr Logistik

Mobilfunkstrahlung kann die Gedächtnisleistung bei Jugendlichen beeinträchtigen

19.07.2018 | Studien Analysen

Mit dem Nano-U-Boot gezielt gegen Kopfschmerzen und Tumore

19.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics