Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefährliche Matratzen-Mikroben

13.06.2008
TUM-Forscher finden Listerien in Betten von Bauerhof-Kindern

Listerien - von diesen gesundheitsschädlichen Keimen hört der Verbraucher normalerweise nur im Zusammenhang mit Rohmilchkäse, Tatar oder Räucherlachs.

Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben die kleinen Krankmacher jetzt allerdings auch im Bett gefunden: Sie haben den Matratzenstaub von Bauernhofkindern untersucht – und in fast zwei Dritteln der Proben Listerien entdeckt.

Die gute Nachricht: Möglicherweise sorgen die Mikroorganismen mit dafür, dass Kinder vom Bauernhof weniger an Allergien leiden als ihre Altersgenossen in der Stadt. Die schlechte Nachricht: Die Keime im Bett könnten auch eine bislang verborgene Infektionsquelle für die so genannte Listeriose sein.

Vom grippalen Infekt über Durchfall bis hin zur Blutvergiftung oder einer Hirnhaut­entzündung – die Liste der durch den Verzehr von Listerien-verseuchten Lebensmitteln verursachten Krankheiten ist lang. Für Schwangere sind die Keime besonders gefährlich, da sie zu einer Missbildung des Fötus und sogar zu Totgeburten führen können.
Aus Gründen des Verbraucherschutzes werden Risikolebensmittel wie rohe Fleisch-, Fisch- oder Milchprodukte deshalb auch streng von der Lebensmittelsicherheit überwacht. Vielleicht sollten Hygienekontrolleure in Zukunft aber auch verstärkt unter die Bettdecken gucken: Denn Forscher des Wissenschaftszentrums Weihenstephan (WZW) der TU München haben infektiöse Listerien auch im Matratzenstaub von Bauernhof-Kindern nachgewiesen.

Dass die Wissenschaftler ausgerechnet im ländlichen Umfeld nach den Keimen gesucht haben, hat einen guten Grund: Viele epidemiologische Studien haben gezeigt, dass die Bauernhofumgebung vor der Entstehung von Asthma und Allergien schützt. Man vermutet, dass Mikroorganismen dafür verantwortlich sind: So wurden hitzeabgetötete Listerien bereits erfolgreich in der Immuntherapie von Mäusen zur Regulierung von Atemwegshyperreaktivität und Entzündungen eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund hat ein Forscherteam um Prof. Johann Bauer vom Lehrstuhl für Tierhygiene des WZW auf Bauernhöfen gezielt nach Listerien gefahndet. Die Vermutung: Möglicherweise trainieren Landkinder ihr Immunsystem gerade durch diese Bakterien, denn Listerien treten sowohl im Ackerboden als auch im Viehstall immer wieder auf.

Im Zusammenhang von Bauernhof-Lebensstil und der Vorbeugung von Kinderallergien haben die TUM-Forscher deshalb Staubproben von insgesamt 26 Bauernhöfen in Südbayern untersucht – zum Einen aus den Kuh- und/oder Schweineställen, zum Anderen von den Matratzen der Kinder. Was zunächst skurril klingt, hat Methode: Persönlicher Matratzenstaub ist ein exzellenter Indikator, um zu messen, wie stark ein Individuum langfristig bestimmten Keimen ausgesetzt ist. Die Stallproben nahmen die Forscher dabei vor Ort mit einer Bürste, für die Matratzenproben nutzten sie einen Staubsauger: Drei Minuten saugen bei voller Leistung brachte genügend Staub zusammen, um ihn mikrobiologisch untersuchen zu können.

Dazu extrahierten die Tierhygieniker aus allen Proben die DNA und vervielfältigten mittels Polymerasekettenreaktion das Erbgut der enthaltenen Mikroorganismen. Nach der Vervielfältigung der enthaltenen Gene konnten sie sehr genau analysieren, ob auch die für den Menschen gefährliche Art Listeria monocytogenes darunter war. Ergebnis: Der gesundheitsschädliche Keim fand sich in 28 Prozent der Tierstall-Proben, und sogar in 60 Prozent der Proben aus Matratzenstaub. „Fast zwei Drittel der untersuchten Bauernhof-Kinder hatten also Listerien in ihren Betten“, fasst Prof. Bauer zusammen. Offensichtlich sind sie also dauerhaft Keimen ausgesetzt, die einerseits als gesundheitsgefährdend gelten, andererseits aber vielleicht die Allergieanfälligkeit der Landkinder im Vergleich zu Gleichaltrigen aus der Stadt senken. Beide Thesen sind ein genaueres Hinsehen wert, so Bauer: „Die Bedeutung dieser Ergebnisse bezüglich der Gesundheit der Kinder sollte in epidemiologischen Studien unter zwei Gesichtspunkten untersucht werden - einerseits bezüglich des Risikos an Listeriose zu erkranken und andererseits bezüglich des Effekts der Listerien-Exposition auf Allergieprotektion.“

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie oft Listerien generell in den Betten der Deutschen auftauchen. Denn die Infektion mit Listerien ist meldepflichtig, in Deutschland werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr über 500 Listeriose-Fälle beim Menschen bekannt. Die meisten erfolgen über keimbelastete Lebensmittel, doch einige bleiben rätselhaft:„Es gibt Vermutungen, dass ungeklärte Listeriose-Fälle - zum Beispiel in Seniorenheimen - über eine Kontamination von Matratzen verursacht werden“, so Prof. Bauer. „Ob das Bett eine verborgene Infektionsquelle für Listeriose sein kann, müsste durch weitere Forschungen überprüft werden. Die Ergebnisse könnten für Hygienebeauftragte in Krankenhäusern und Altersheimen durchaus interessant sein.“


Kontakt:
Technische Universität München
Wissenschaftszentrum Weihenstephan
Lehrstuhl für Tierhygiene
Prof. Dr. med. vet. Dr. h. c. Johann Bauer
Telefon: 08161 / 71 - 3312
Fax: 08161 / 71 - 4516
Email: Johann.Bauer@wzw.tum.de


Literatur:
Korthals, M. et al: Occurrence of Listeria spp. in mattress dust of farm children in Bavaria. Environmental Research (2008): 107, 299-304.
Der Originalartikel kann bei Bedarf als pdf-Dokument angefordert werden.


Hintergrund:
Die Forschungsarbeit entstand als Teilprojekt im Sonderforschungsbereich Transregio 22 („Allergische Immunantwort der Lunge“) der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Prof. Johann Bauer | Technische Universität München
Weitere Informationen:
http://www.wzw.tum.de

Weitere Berichte zu: Allergie Listeria

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kokosöl verlängert Leben bei peroxisomalen Störungen
20.06.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Überdosis Calcium
19.06.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics