Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Immunzellen behindern Bakterien bei der Krebsbekämpfung

16.04.2008
Helmholtz-Wissenschaftler setzen Bakterien als Medikamenten-Transporter ein

Bakterien, die eigentlich schwerwiegende Darminfektionen auslösen, werden nach Ansicht von Forschern des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) eines Tages helfen, feste Tumore zu bekämpfen.

Der wagemutigen Vision liegt eine spezifische Verhaltensweise der Bakterien zugrunde, die die Wissenschaftler bei Mäusen bereits erfolgreich für eine Krebstherapie nutzen konnten: Die Bakterien wandern aktiv in das Krebsgeschwür ein. Das macht sie zu hervorragenden Fähren für Wirkstoffe und andere Substanzen, die sie direkt in das Zentrum eines Tumors bringen können. Doch was theoretisch einfach erscheint, stellt sich in der Biologie zumeist komplexer dar, als zunächst angenommen:

Die Wissenschaftlerin Dr. Kathrin Westphal, die in der Forschergruppe um den HZI-Immunologen Dr. Siegfried Weiß arbeitet, beschäftigt sich mit der Idee des bakteriellen Wirkstofftransportes: „Wir wissen bereits seit Mitte des letzten Jahrhunderts, dass es Bakterien gibt, die in Tumoren wandern. Es ist eine ganz bestimmte Gruppe von Mikroorganismen, die im sauerstoffarmen Milieu gut leben können, wie beispielsweise im Darmtrakt von Mensch und Tier“, erklärt Kathrin Westphal. Bekannte Vertreter dieser Mikrobengruppe sind der für gewöhnlich friedliche Bestandteil der menschlichen Darmflora Escherichia coli, aber auch die schwere Infektionen hervorrufenden Salmonellen und Shigellen.

... mehr zu:
»Nekrose »Salmonelle

„Will man diese Bakterien als Fähren benutzen, um beispielsweise Antikrebsmedikamente direkt in das entartete Gewebe zu transportieren, so wäre es natürlich sinnvoll, wenn die Bakterien überall im Tumor vorliegen. Nur dann kann der Wirkstoff jede Krebszelle erreichen. Leider ist das aber nicht der Fall“, so Westphal. Denn die Mikroben versammeln sich innerhalb des Tumors an sogenannten nekrotischen Zonen. Diese Tumorareale sind durch absterbende Zellen gekennzeichnet. „Dass die Bakterien in Tumoren einwandern, ist dadurch erklärbar, dass in einem Krebsgeschwür das Immunsystem geschwächt ist. Dass sie dann unmittelbar nahe und in einer Nekrose verbleiben muss wohl genau den gleichen Grund haben. Wie bekommen wir die Mikroorganismen nun aber gleichmäßig im Tumor verteilt, um sie therapeutisch zu nutzen? Um das herauszufinden, habe ich mir angeschaut, wie die Region der Nekrose und ihre benachbarten Bereiche überhaupt genau aussehen“, so die Forscherin.

Kathrin Westphal beobachtete in den Gewebeschnitten, dass die Bakterien von „Gesetzeshütern“ des Immunsystems eingekesselt werden: Die Forscherin sah, dass nach einer eingeleiteten Salmonelleninfektion bei einer krebskranken Maus, nicht nur – wie beabsichtigt – die Bakterien sondern auch weiße Blutkörperchen, sogenannte neutrophile Granulozyten, in den Tumor einwandern. Dort kreisen diese „Neutrophilen“ die Bakterien ein und kapseln sie so vom restlichen Krebsgewebe ab. „So abgeschirmt, können die Bakterien natürlich nicht den Krebs bekämpfen. Nachdem wir aber die Neutrophilen entfernt hatten, konnten wir zusehen, wie sich die Bakterien im Tumor ausbreiteten. Auch die Nekrose wuchs an, also starben jetzt vermehrt Krebszellen ab! Dies führte zum Teil zur kompletten Entfernung des Tumors.“

Die Forscherin ist sich nun sicher: Es ist weniger das physiologische Phänomen der Nekrose, das die Salmonellen und ähnliche, potentielle Wirkstofflieferanten zusammenballt und damit unbrauchbar macht. Es ist vielmehr das immunologische Problem mit den Neutrophilen, die den bakteriellen Ferntransport bislang verhinderten. „Nachdem wir das wissen, öffnen sich viele neue Pforten für die Weiterentwicklung der bakteriellen Tumortherapie“, sagt Kathrin Westphal hoffnungsvoll.

Hannes Schlender | Helmholtz-Gemeinschaft
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz-hzi.de

Weitere Berichte zu: Nekrose Salmonelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Genaue Entschlüsselung von Brustkrebszellen könnte neue Therapie eröffnen
16.04.2019 | Universität Zürich

nachricht Dauerstress stört die Frakturheilung Überreaktionen des Immunsystems behindern Knochenneubildung
08.04.2019 | Universität Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Explosion on Jupiter-sized star 10 times more powerful than ever seen on our sun

A stellar flare 10 times more powerful than anything seen on our sun has burst from an ultracool star almost the same size as Jupiter

  • Coolest and smallest star to produce a superflare found
  • Star is a tenth of the radius of our Sun
  • Researchers led by University of Warwick could only see...

Im Focus: Neues „Baustein-Konzept“ für die additive Fertigung

Volkswagenstiftung fördert Wissenschaftler aus dem IPF Dresden bei der Erkundung eines innovativen neuen Ansatzes im 3D-Druck

Im Rahmen Ihrer Initiative „Experiment! - Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen“
fördert die VolkswagenStiftung ein Projekt, das von Herrn Dr. Julian...

Im Focus: Vergangenheit trifft Zukunft

autartec®-Haus am Fuß der F60 fertiggestellt

Der Hafen des Bergheider Sees beherbergt seinen ersten Bewohner. Das schwimmende autartec®-Haus – entstanden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung...

Im Focus: Hybrid-Neuronen-Netzwerke mit 3D-Lithografie möglich

Netzwerken aus wenigen Neuronenzellen können gezielt künstliche dreidimensionale Strukturen vorgegeben werden. Sie werden dafür elektronisch verschaltet. Dies eröffnet neue Möglichkeiten, Fehler in neuralen Netzwerken besser zu verstehen und technische Anwendungen mit lebenden Zellen gezielter zu steuern. Dies stellt ein Team aus Forschenden aus Greifswald und Hamburg in einer Publikation in der Fachzeitschrift „Advanced Biosystems“ vor.

Eine der zentralen Fragen der Lebenswissenschaften ist, die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen. Komplexe Abläufe im Gehirn ermöglichen uns, schnell Muster...

Im Focus: Was geschieht im Körper von ALS-Patienten?

Wissenschaftler der TU Dresden finden Wege, um das Absterben von Nervenzellen zu verringern und erforschen Therapieansätze zur Behandlung von ALS

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nicht selten verläuft ALS nach der Diagnose innerhalb...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Lernen von der Natur

17.04.2019 | Veranstaltungen

Mobilität im Umbruch – Conference on Future Automotive Technology, 7.-8. Mai 2019, Fürstenfeldbruck

17.04.2019 | Veranstaltungen

Augmented Reality und Softwareentwicklung: 33. Industrie-Tag InformationsTechnologie (IT)²

17.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Irdischer Schutz für außerirdisches Metall

18.04.2019 | Verfahrenstechnologie

Erster astrophysikalischer Nachweis des Heliumhydrid-Ions

18.04.2019 | Physik Astronomie

Radioteleskop LOFAR blickt tief in den Blitz

18.04.2019 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics