Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Also, weshalb sind Sie hier...?"

28.03.2008
Simulations-Patienten bereiten Mediziner der Universität Witten/Herdecke auf schwierige Patientengespräche vor / (Laien-)Schauspieler gesucht

Patienten beklagen häufig, dass ihr Arzt im Gespräch desinteressiert wirkt. Die einleitende Frage ist noch offen und einladend formuliert, wie etwa "Was führt Sie zu mir?" Aber schon nach etwa 20 Sekunden verfallen die Ärzte in geschlossene Fragen, die nur noch die Antworten "Ja" oder "Nein" zulassen, um das Gespräch zu beschleunigen.

Solche Mängel in der Kommunikation mit dem Patienten bekämpft die Universität Witten/Herdecke schon während des Medizinstudiums mit sog. Simulationspatienten: (Laien-)Schauspielern, deren Aufgabe darin besteht, eine Erkrankung zu spielen und auf Fragen nicht direkt, sondern "schwierig" zu antworten. Das Anamnesegespräch wird mit einer Videokamera aufgezeichnet und in der Gruppe mit Psychologen und Ärzten nachbesprochen. Die direkte Rückmeldung der vermeintlichen Patienten hilft den angehenden Ärzten, ihre Wirkung genauer einzuschätzen.

"Ich war immer überzeugt davon, dass ich recht gut mit Patienten umgehen kann", so Julian Kricheldorff, der die Übung mit den Simmulations-Patienten selber als Studierender durchlaufen hat und sie heute als Mitarbeiter am neu gegründeten Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen organisiert, "doch wenn man sich selbst auf Video sieht, bemerkt man erst, wie häufig man seinem Gegenüber suggestiv Antworten vorgibt. Oder Fragen stellt, die nicht zielführend sind und den Patienten eher verwirren. Oder auch Sachverhalte so schildert, dass sie für medizinische Laien kaum verständlich sind." Jeder Studierende absolviert mehrere Fälle im Laufe seines Studiums. Die Fälle werden je nach Studienfortschritt komplexer und fordern von den angehenden Ärzten auch das Gespräch mit den Angehörigen. So wird Überforderungen, z.B. schwierige Erkrankungen vor Angehörigen anzusprechen oder die Kommunikation mit Sterbenden, bestmöglich entgegengewirkt.

In Zeiten der Kostenexplosion im Gesundheitswesen könnten ein paar Minuten mehr Zeit und eine effiziente und trotzdem empathische Form der Kommunikation Teil eines nachhaltigen Behandlungserfolges sein und sich gesundheitsökonomisch sogar lohnen. Einer amerikanischen Studie zufolge waren Ärzte, die dem Patientengespräch mehr Zeit widmeten, in der Diagnostik v.a. bei Depressionen schneller als ihre ungeduldigen Kollegen und konnten aufwendige, kostenintensive und teilweise für den Patienten belastende Diagnostik sparen. Jahrelang wurde der kommunikative Teil der ärztlichen Haltung im medizinischen Curriculum an deutschen Universitäten nicht unterrichtet und der professionelle Umgang angehender junger Ärzte mit Patienten wurde als notwendiger "Sprung ins kalte Wasser" auf dem Weg zu ärztlichen Weihen verstanden.

Die Universität Witten/Herdecke tritt im Rahmen des Modellstudiengangs Medizin diesem Trend seit vielen Jahren entgegen. Ein eigenes Curriculum "Kommunikation" übt in den neun Semestern an der Uni fortlaufend mit den zukünftigen Medizinern das ärztliche Gespräch in Theorie und Praxis im Rahmen von Seminaren und Fallstudien. Ein wichtiger Bestandteil sind dabei die Simulations-Patienten. "Inzwischen sind einige Unis in Deutschland nachgezogen", so Prof. Dr. Martin W. Schnell, Lehrstuhlinhaber und seit Anfang diesen Jahres auch Leiter des neu gegründeten Instituts für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen an der Uni Witten. "Als wir mit dem Simulieren vor acht Jahren begannen, waren wir noch die einzigen in Deutschland." Das Interesse der Studierenden an der Übung mit Simmulations-Patienten ist groß, daher sucht die Uni dringend neue Schauspieler. "Was man dazu können muss, ist einfach zu lernen. Es gibt jedes Jahr eine kleine Einführung in die Rollen und die Kunst, konstruktive Rückmeldungen an die Studierenden zu geben. Außerdem werden ein paar Aufnahmen aus den Vorjahren gezeigt, damit die Schauspieler einen Eindruck davon bekommen was auf sie zukommt."

Wer Lust hat, ein paar Mal im Semester einen Patienten zu spielen und so einen Beitrag zur Verbesserung der sprechenden Medizin zu leisten, kann sich gerne bei mir melden" appelliert Prof. Schnell an die Bürgerinnen und Bürger aus Witten und Umgebung. Eine kleine Aufwandsentschädigung ist dafür vorgesehen.

Interessenten melden sich bitte bei Prof. Dr. Martin W. Schnell, Fakultät für Medizin, Universität Witten / Herdecke, Alfred-Herrhausen-Str. 50, D-58448 Witten, gerne auch per mail an schnell@uni-wh.de

Journalisten, die weitere Informationen benötigen, können Julian Kricheldorff auch telefonisch unter der Handynummer 0176 - 249 208 34 erreichen.

Bernd Frye | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wh.de

Weitere Berichte zu: Gesundheitswesen Simmulations-Patient

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Zwischen Erregung und Hemmung
06.12.2019 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Wenn der Rücken vom vielen Sitzen schmerzt
05.12.2019 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das 136 Millionen Atom-Modell: Wissenschaftler simulieren Photosynthese

Die Umwandlung von Sonnenlicht in chemische Energie ist für das Leben unerlässlich. In einer der größten Simulationen eines Biosystems weltweit haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diesen komplexen Prozess an einem Bestandteil eines Bakteriums nachgeahmt – am Computer, Atom um Atom. Die Arbeit, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Cell“ veröffentlicht wurde, ist ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis der Photosynthese in einigen biologischen Strukturen. An der internationalen Forschungskooperation unter Leitung der University of Illinois war auch ein Team der Jacobs University Bremen beteiligt.

Das Projekt geht zurück auf eine Initiative des inzwischen verstorbenen, deutsch-US-amerikanischen Physikprofessors Klaus Schulten von der University of...

Im Focus: Developing a digital twin

University of Texas and MIT researchers create virtual UAVs that can predict vehicle health, enable autonomous decision-making

In the not too distant future, we can expect to see our skies filled with unmanned aerial vehicles (UAVs) delivering packages, maybe even people, from location...

Im Focus: Freiformflächen bis zu 80 Prozent schneller schlichten: Neue Werkzeuge und Algorithmen für die Fräsbearbeitung

Beim Schlichtfräsen komplexer Freiformflächen können Kreissegment- oder Tonnenfräswerkzeuge jetzt ihre Vorteile gegenüber herkömmlichen Werkzeugen mit Kugelkopf besser ausspielen: Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen entwickelte im Forschungsprojekt »FlexiMILL« gemeinsam mit vier Industriepartnern passende flexible Bearbeitungsstrategien und implementierte diese in eine CAM-Software. Auf diese Weise lassen sich große frei geformte Oberflächen nun bis zu 80 Prozent schneller bearbeiten.

Ziel im Projekt »FlexiMILL« war es, für die Bearbeitung mit Tonnenfräswerkzeugen nicht nur neue, verbesserte Werkzeuggeometrien zu entwickeln, sondern auch...

Im Focus: Bis zu 30 Prozent mehr Kapazität für Lithium-Ionen-Akkus

Durch Untersuchungen struktureller Veränderungen während der Synthese von Kathodenmaterialen für zukünftige Hochenergie-Lithium-Ionen-Akkus haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und kooperierender Einrichtungen neue und wesentliche Erkenntnisse über Degradationsmechanismen gewonnen. Diese könnten zur Entwicklung von Akkus mit deutlich erhöhter Kapazität beitragen, die etwa bei Elektrofahrzeugen eine größere Reichweite möglich machen. Über die Ergebnisse berichtet das Team in der Zeitschrift Nature Communications. (DOI 10.1038/s41467-019-13240-z)

Ein Durchbruch der Elektromobilität wird bislang unter anderem durch ungenügende Reichweiten der Fahrzeuge behindert. Helfen könnten Lithium-Ionen-Akkus mit...

Im Focus: Neue Klimadaten dank kompaktem Alexandritlaser

Höhere Atmosphärenschichten werden für Klimaforscher immer interessanter. Bereiche oberhalb von 40 km sind allerdings nur mit Höhenforschungsraketen direkt zugänglich. Ein LIDAR-System (Light Detection and Ranging) mit einem diodengepumpten Alexandritlaser schafft jetzt neue Möglichkeiten. Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik (IAP) und des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT entwickeln ein System, das leicht zu transportieren ist und autark arbeitet. Damit kann in Zukunft ein LIDAR-Netzwerk kontinuierlich und weiträumig Daten aus der Atmosphäre liefern.

Der Klimawandel ist in diesen Tagen ein heißes Thema. Eine wichtige wissenschaftliche Grundlage zum Verständnis der Phänomene sind valide Modelle zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

QURATOR 2020 – weltweit erste Konferenz für Kuratierungstechnologien

04.12.2019 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Arbeit

03.12.2019 | Veranstaltungen

Intelligente Transportbehälter als Basis für neue Services der Intralogistik

03.12.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

RNA-Modifikation - Umbau unter Druck

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Der Versteppung vorbeugen

06.12.2019 | Geowissenschaften

Verstopfung in Abwehrzellen löst Entzündung aus

06.12.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics