Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit neuer Therapie gegen diabetische Nervenschädigungen

21.02.2008
Chirurgische Nervenentlastung kann Schmerzen, Fußgeschwüre und Amputationen bei Diabetikern verhindern / Verfahren in USA entwickelt

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) bietet jetzt als eine von wenigen Kliniken in Europa eine neuartige Therapie bei Nervenschädigungen in Folge eines Diabetes mellitus an, mit der in vielen Fällen Schmerzen gelindert und die Patienten vor nicht heilenden Wunden und Amputationen geschützt werden können. Die MHH-Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie von Direktor Professor Dr. Peter M. Vogt wendet in Zusammenarbeit mit der Klinik für Neurologie, Direktor Professor Dr. Reinhard Dengler, und den Diabetologen der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie von Professor Dr. Michael Manns das in den USA entwickelte Konzept der vorsorglichen Nerven-Entlastung an.

In Deutschland leiden mehr als vier Millionen Menschen an Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), bei 30 bis 50 Prozent entwickelt sich die diabetische Nervenschädigung (Neuropathie). Häufigste Symptome sind zuerst ein lästiges Kribbeln (Ameisenlaufen), später oft extreme Brennschmerzen und weitgehende Gefühllosigkeit (Asensibilität) an Händen und Füssen. Der Verlust der Schutzsensibilität ist Hauptursache für das diabetische Fußsyndrom: Unbemerkte Verletzungen führen zu Infektion und Ulkus. Allein in Deutschland werden pro Jahr mehr als 25.000 Amputationen an Fuß, Unter- oder Oberschenkel durchgeführt - mit steigender Tendenz. Die gesundheitliche Belastung ist extrem hoch, laut Kontrollstudien sterben mehr als 30 Prozent der Diabetiker nach einer Unterschenkelamputation innerhalb von zwei Jahren. Zudem sind die Behandlungskosten enorm.

Eine der Ursachen dieser Nervenschädigung ist ein Anschwellen der diabetischen Nerven durch vermehrte Wasseraufnahme und eine Störung des Stoffwechsels im Nerven selbst, die zur Minderversorgung führt und Reparaturmechanismen ausschaltet. Nach klassischer Ansicht lässt sich eine diabetische Nervenschädigung durch Medikamente nur verlangsamen, sie schreitet auch bei guter Blutzuckereinstellung unumkehrbar fort. "Es ist aber tierexperimentell und klinisch eindeutig bewiesen, dass die diabetische Neuropathie auch durch langandauerne Nerveneinengung verursacht sein kann und hier ist ein wirksamer Therapieansatz möglich", erklärt Professor Peter Vogt. "Es kommt an anatomisch vorgegebenen Engstellen, etwa im Verlauf nahe von Knochen oder in Bindegewebesepten, zu einer chronischen Druckschädigung des diabetischen Nerven. Dies ist vergleichbar mit der Einengung des Mittelnerven am Handgelenk - dem Karpaltunnelsyndrom." In solchen Fällen liegt die Therapie nahe: "Mit einer Entlastung des Nerven wird die Ursache der Schädigung beseitigt", betont Professor Vogt.

Aus dieser Erkenntnis entwickelte der Plastische und Nerven-Chirurg Prof. Lee A. Dellon an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, USA, den Therapieansatz der vorsorglichen Entlastung (Dekompression) der Bein-Nerven an drei verschiedenen Engpässen am Knie (Wadenbeinköpfchen) und Fußrücken sowie hinter dem Innenknöchel (Tarsaltunnel). Die Freilegung und Nervenlösung bewirkt meist eine deutliche Schmerzlinderung und Wiederkehr der Schutzsensibilität, so dass Ulzera und Amputationen vermieden werden. "Bisher wurden in den USA schon mehr als 1000 Patienten operiert, in mehr als 80 Prozent der Fälle besserten sich die oft kaum erträglichen Schmerzen deutlich und die Sensibilität kehrte soweit zurück, dass bei keinem danach ein Ulkus entstand oder eine Amputation notwendig war", erklärt Dr. Andreas Gohritz, Arzt in der MHH-Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie.

Voraussetzung für eine Operation ist der Nachweis einer Nervenkompression an Hand oder Bein als Ursache für eine Neuropathie und eine adäquate Blutzuckereinstellung und Beindurchblutung, um eine gute Wundheilung zu erreichen. Jeder Patient wird neurologisch und chirurgisch untersucht, das Ausmaß der Neuropathie wird durch ein speziell entwickeltes Sensibilitätstestgerät (PSSD) bezüglich Berührungsschwelle und Zwei-Punkte-Diskrimination bestimmt und dokumentiert.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Dr. Andreas Gohritz, gohritz.andreas@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-8865.

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de/

Weitere Berichte zu: Amputation Nervenschädigung Neuropathie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Rauchentwöhnung mit Virtual Reality
12.10.2018 | Universität Siegen

nachricht Forscher decken Ursachen der seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie auf
12.10.2018 | Universität Witten/Herdecke

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Blauer Phosphor – jetzt erstmals vermessen und kartiert

Die Existenz von „Blauem“ Phosphor war bis vor kurzem reine Theorie: Nun konnte ein HZB-Team erstmals Proben aus blauem Phosphor an BESSY II untersuchen und über ihre elektronische Bandstruktur bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um diese exotische Phosphor-Modifikation handelt. Blauer Phosphor ist ein interessanter Kandidat für neue optoelektronische Bauelemente.

Das Element Phosphor tritt in vielerlei Gestalt auf und wechselt mit jeder neuen Modifikation auch den Katalog seiner Eigenschaften. Bisher bekannt waren...

Im Focus: Chemiker der Universitäten Rostock und Yale zeigen erstmals Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen

Die Forschungskooperation zwischen der Universität Yale und der Universität Rostock hat neue wissenschaftliche Ergebnisse hervorgebracht. In der renommierten Zeitschrift „Angewandte Chemie“ berichten die Wissenschaftler über eine Dreierkette aus Ionen gleicher Ladung, die durch sogenannte Wasserstoffbrücken zusammengehalten werden. Damit zeigen die Forscher zum ersten Mal eine Dreierkette aus gleichgeladenen Ionen, die sich im Grunde abstoßen.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Professoren Mark Johnson, einem weltbekannten Cluster-Forscher, und Ralf Ludwig aus der Physikalischen Chemie der...

Im Focus: Storage & Transport of highly volatile Gases made safer & cheaper by the use of “Kinetic Trapping"

Augsburg chemists present a new technology for compressing, storing and transporting highly volatile gases in porous frameworks/New prospects for gas-powered vehicles

Storage of highly volatile gases has always been a major technological challenge, not least for use in the automotive sector, for, for example, methane or...

Im Focus: Materiezustände durch Licht verändern

Forscherinnen und Forscher der Universität Hamburg stören die kristalline Ordnung

Physikerinnen und Physikern der Universität Hamburg ist es gelungen, mithilfe von Laserpulsen die Ordnung von Quantenmaterie so zu stören, dass ein spezieller...

Im Focus: Disrupting crystalline order to restore superfluidity

When we put water in a freezer, water molecules crystallize and form ice. This change from one phase of matter to another is called a phase transition. While this transition, and countless others that occur in nature, typically takes place at the same fixed conditions, such as the freezing point, one can ask how it can be influenced in a controlled way.

We are all familiar with such control of the freezing transition, as it is an essential ingredient in the art of making a sorbet or a slushy. To make a cold...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Neurowoche 2018: 7000 Experten für Gehirn und Nerven tagen in Berlin

15.10.2018 | Veranstaltungen

Berlin5GWeek: Private Industrienetze und temporäre 5G-Inseln

15.10.2018 | Veranstaltungen

PV Days in Halle zeigen neue Chancen für die Photovoltaik

11.10.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Smart Glasses Guide: Neues Tool zur Auswahl von Datenbrillen und Anwendungen

15.10.2018 | Informationstechnologie

Neurowoche 2018: 7000 Experten für Gehirn und Nerven tagen in Berlin

15.10.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Grauer Star: Neues Verfahren bei der Katarakt-Operation

15.10.2018 | Medizintechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics