Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychosomatikforscher schlagen Alarm: Essstörungen werden zu spät behandelt

08.10.2000


PatientInnen mit Essstörungen sind in Berlin unterversorgt
Verspätete Therapie kann lebensbedrohlich sein
UKBF-Mediendienst Nr. 91 vom 9. Oktober 2000

Patientinnen und Patienten mit Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) oder Esssucht haben häufig schwere Begleiterkrankungen. Bei Menschen, die an Magersucht leiden, ist die Sterblichkeit mit 15 bis 20 Prozent die höchste unter allen psychiatrischen beziehungsweise psychosomatischen Störungen. Entscheidend für die Heilungschancen ist es, dass eine zielgerichtete stationäre und später ambulante Behandlung sehr früh einsetzt.
Die Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) der FU Berlin hat jetzt Alarm geschlagen: In der Hauptstadt stehen viel zu wenig Behandlungsplätze zur Verfügung, schwer Kranke können nicht angemessen untergebracht werden!

Die Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie am UKBF ist ein international anerkanntes und mit Forschungspreisen ausgezeichnetes Zentrum für die Behandlung und Erforschung von Essstörungen.
Alljährlich veranstaltet die Abteilung eine Tagung für niedergelassene Allgemeinärzte, Internisten und Psychotherapeuten sowie Forscher aus ganz Deutschland. Die nächste Tagung findet am 2. Dezember statt (siehe weiter unten). Dabei wird unter anderem die schlechte Versorgungssituation in Berlin diskutiert werden.

Notstand

In Deutschland liegt die Häufigkeit für Magersucht bei Mädchen und Frauen zwischen dem 15. und dem 35. Lebensjahr bei 0,4 bis ein Prozent, für Bulimie ("Ess-Brecht-Sucht") bei drei bis vier Prozent und für Esssucht bei sechs Prozent. Für die 3,5 Millionen-Stadt Berlin bedeuten diese Zahlen, dass mindestens 2.000 Anorektikerinnen, 15.000 Bulimikerinnen und 20.000 esssüchtige Frauen versorgt werden müssen. Die Dunkelziffer von Störungsbildern, die noch nicht die vollen klinischen Definitionskriterien erfüllen, wird weit höher eingeschätzt. Die Verbreitung von Essstörungen ist damit jener des Diabetes (rund vier Millionen Betroffene in ganz Deutschland) vergleichbar.
Diese PatientInnen werden in der Regel von niedergelassenen Allgemeinmedizinern, Internisten, Gynäkologen und Psychotherapeuten behandelt.
Kompliziertere Fälle mit Essstörungen und gleichzeitig Diabetes mellitus oder der Darmkrankheit Morbus Crohn, PatientInnen, die keine Krankheitseinsicht haben oder in einem extrem schlechten körperlichen oder seelischen Zustand sind, werden im Regelfall den Universitätskliniken zugewiesen. Gerade bei diesen Kranken macht es sich bemerkbar, dass weder medizinisch noch psychotherapeutisch in ausreichendem Umfang Kompetenz und Behandlungsmöglichkeiten vorhanden sind. Während der Norden und die Mitte Berlins durch die Psychosomatischen Abteilungen der Inneren Medizin und der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Rudolf Virchow-Klinikums der Charité behandelt werden, besteht im Süden, Westen und Osten von Berlin sowie im Süden Brandenburgs keine ausreichende Möglichkeit, diese Risikopatienten stationär aufzunehmen.

Verspätete Behandlung verschlechtert Prognose

Das häufige Vorkommen von Begleiterkrankungen vor allem bei der Bulimie und der Esssucht (seelisch: Persönlichkeitsstörungen, körperlich: Zuckerkrankheit) und die extrem hohe Sterblichkeitsrate bei PatientInnen mit Magersucht verweisen auf das individuelle Leiden der Betroffenen, aber auch auf die volkswirtschaftlichen Aspekte dieser zum Teil schwer behandelbaren Krankheiten. Entscheidend ist, dass eine zielgerichtete stationäre und danach ambulante Psychotherapie rechtzeitig einsetzt. Dazu hat kürzlich Prof. Hans-Christian Deter (UKBF) zusammen mit seiner ehemaligen Heidelberger Arbeitsgruppe in der führenden medizinischen Fachzeitschrift Lancet eine Studie veröffentlicht. Darin zeigt sich, dass PatientInnen, die verspätet und nicht sachgerecht intensiv behandelt werden, eine deutlich schlechtere Prognose haben, versterben oder auf Dauer chronisch krank bleiben. Die intensivmedizinische Behandlung und die Kombination stationärer und ambulanter Psychotherapieverfahren hat sich bei diesem lebensbedrohlichen Krankheitsbild als die Methode der Wahl erwiesen.

Konzertierte Aktion gefordert

"Eine konzertierte Aktion von Fachzentren, Gesundheitsverwaltung, kassenärztlicher Versorgung und Kostenträgern ist dringend erforderlich", erklärte Deter jetzt in einer Pressemitteilung des UKBF.

Auf dem diesjährigen Forum für psychogene Essstörungen in Berlin soll die aktuelle Situation anhand medizinstatistischer Erkenntnisse mit allen wichtigen Kostenträgern und der Gesundheitsverwaltung erörtert werden, um die Krankenversorgung für diese Kranken auch in Berlin auf ein Niveau nach internationalem Standard zu bringen, wie es in anderen deutschen Städten (München, Heidelberg, Freiburg, Essen) schon existiert.
Die Essstörungsforscher am UKBF fordern die Einrichtung eines Kompetenz-Zentrums für psychogene Essstörungen mit Poliklinik, teilstationärer und stationärer Therapie am UKBF, um die wichtigsten Versorgungsengpässe im Bereich Berlin und Brandenburg zu überwinden. Die enge Verzahnung zwischen stationärer, teilstationärer und ambulanter Therapie sowie die notwendige Einheit von universitärer Forschung und kompetenter Betreuung soll in Kooperation mit den Krankenkassen, den Wohlfahrtsverbänden, der Gesundheitsverwaltung und der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin auf den Weg gebracht werden. Dieses Zentrum versteht sich nicht als "Konkurrenz" zu anderen Einrichtung oder zu niedergelassenen Ärzten, sondern als dringend notwendige Ergänzung und als Koordinationsstelle.

Ansprechpartner:
Universitätsklinikum Benjamin Franklin Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin
Prof. Dr. Hans-Christian Deter
Tel.: (030) 8445-2959, Fax: -4590
E-Mail: hcdeter@cipmail.ukbf.fu-berlin.de
PD Dr. Werner Köpp
Tel.: (030) 8445-3996, Fax: -4590

Die erwähnte wissenschaftliche Arbeit im "Lancet" kann bei Prof. Deter angefordert werden.

Tagung:
Samstag, 2.12.2000, 9.00 - 13.00 Uhr
UKBF, Hörsaal 2
Ab 11.15 findet eine Podiums-Diskussion statt, zu dem auch Publikum willkommen ist.
Das genaue Programm kann bei den o.a. Ansprechpartnern angefordert werden.

Hinweis:
Der nächste "Treffpunkt Tagesspiegel Medizin & Fitness" - eine u.a. vom UKBF geförderte Veranstaltungsreihe - befasst sich am 29.11.00 im ICC mit dem Thema Ernährung, wobei auch Essstörungen zur Sprache kommen.

VDipl.Pol. Justin Westhoff, UKBF-Pressestelle | idw

Weitere Berichte zu: Essstörung Magersucht Morbus Crohn Psychotherapie UKBF

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Virotherapie bei Bauchfellkrebs erfolgreich getestet - Neue biologische Krebstherapie
18.09.2018 | Universitätsklinikum Tübingen

nachricht Mikrobiota im Darm befeuert Tumorwachstum
18.09.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Im Focus: Bio-Kunststoffe nach Maß

Zusammenarbeit zwischen Chemikern aus Konstanz und Pennsylvania (USA) – gefördert im Programm „Internationale Spitzenforschung“ der Baden-Württemberg-Stiftung

Chemie kann manchmal eine Frage der richtigen Größe sein. Ein Beispiel hierfür sind Bio-Kunststoffe und die pflanzlichen Fettsäuren, aus denen sie hergestellt...

Im Focus: Patented nanostructure for solar cells: Rough optics, smooth surface

Thin-film solar cells made of crystalline silicon are inexpensive and achieve efficiencies of a good 14 percent. However, they could do even better if their shiny surfaces reflected less light. A team led by Prof. Christiane Becker from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) has now patented a sophisticated new solution to this problem.

"It is not enough simply to bring more light into the cell," says Christiane Becker. Such surface structures can even ultimately reduce the efficiency by...

Im Focus: Mit Nano-Lenkraketen Keime töten

Wo Antibiotika versagen, könnten künftig Nano-Lenkraketen helfen, multiresistente Erreger (MRE) zu bekämpfen: Dieser Idee gehen derzeit Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Medizinischen Hochschule Hannover nach. Zusammen mit einem führenden US-Experten tüfteln sie an millionstel Millimeter kleinen Lenkraketen, die antimikrobielles Silber zielsicher transportieren, um MRE vor Ort zur Strecke zu bringen.

In deutschen Krankenhäusern führen die MRE jährlich zu tausenden, teils lebensgefährlichen Komplikationen. Denn wer sich zum Beispiel nach einer Implantation...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Experten der Orthopädietechnik tagen in Göttingen

19.09.2018 | Veranstaltungen

Von den Grundlagen bis zur Anwendung - Internationale Elektrochemie-Tagung in Ulm

18.09.2018 | Veranstaltungen

Unbemannte Flugsysteme für die Klimaforschung

18.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Fester Platz im Unternehmen - 36 Auszubildende und Studierende der Friedhelm Loh Group erhalten Zeugnisse

19.09.2018 | Unternehmensmeldung

Virtual Reality ohne Kopfschmerz oder Simulationsübelkeit

19.09.2018 | Informationstechnologie

Kaiserslauterer Architekten setzen Holzkuppel dank Software einfach wie Puzzle zusammen

19.09.2018 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics