Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ältester Tuberkulose-Nachweis beim Menschen?

20.04.2012
Prof. Dr. Dr. Michael Schultz, Paläopathologe der UMG, untersucht Nachbildung eines 500.000 Jahre alten Schädels auf Tuberkulose. Morphologische Untersuchungen sollen Entstehung der Erkrankung erklären.

Bisher war sich die Wissenschaft einig: Tuberkulose trat erst vor einigen tausend Jahren das erste Mal beim Menschen auf. Ein internationales Forschungsteam aus den USA, der Türkei und aus Deutschland hat im Jahr 2004 einen Fund gemacht, der diese Vermutung in Frage stellt.


Läsionen am Schädelknochen

Das Fundobjekt sind Einzelteile des Schädels eines Homo erectus, eines sogenannten Frühmenschen, aus der Provinzstadt Denizli in der Türkei. An der Innenseite des 500.000 Jahre alten Schädels weisen Spuren darauf hin, dass dieser Frühmensch an einer durch Tuberkulose ausgelösten Hirnhautentzündung gelitten haben könnte. Handelt es sich bei dem Fundobjekt um den frühesten Nachweis von Tuberkulose beim Menschen? Das will Prof. Dr. Dr. Michael Schultz, Arbeitsgruppe Paläopathologie in der Abteilung Anatomie und Embryologie (Direktor: Prof. Dr. Christoph Viebahn) an der Universi-tätsmedizin Göttingen, herausfinden.

„Rein morphologisch gesehen, ist es wahrscheinlich, dass es sich bei den ‚Grübchen‘ und Einkerbungen an der Innenseite des Vorderschädels um Überreste einer durch Tuberkulose ausgelösten Hirnhautentzündung handelt. Wenn diese Annahme stimmt, ist der Fund aus der Türkei der einzige Nachweis weltweit von Hirnhaut-Tuberkulose beim Menschen aus der Fossilzeit“, sagt der Paläopathologe Prof. Schultz.

Die morphologischen Erkenntnisse beziehen sich auf einen naturgetreuen Abguss des Schädelstücks. Prof. Schultz hat ihn zusammen mit dem amerikanischen Wissenschaftler Prof. John Kappelmann in Göttingen lupenmikroskopisch untersucht. Prof. Kappelmann, Anthropologe an der Universität Austin in Texas, ist Teil einer Forschungsgruppe, die die Knochenstücke des Frühmenschen untersucht. Das Originalfundstück befindet sich in der Türkei. Dort sollen im Sommer 2012 weitere lichtmikroskopische sowie endoskopische Untersuchungen klären, ob sich die morphologischen Annahmen bestätigen lassen. Fest steht: Die ein bis zwei Millimeter großen Läsionen an der Schädeldecke sind offenbar entstanden, als der Frühmensch noch gelebt hat. Sie sind typische Anzeichen für eine Infektion der Hirnhäute. Das sind die Membranen, die das Gehirn umgeben. „Vor allem die exakte Form und die Platzierung der Läsionen am Schädel sind sehr charakteristisch für eine bestimmte Form von Tuberkulose. Sie ist als Leptomeningitis tuberculosa bekannt“, sagt Prof. John Kappelmann. Die Ergebnisse der bisherigen Untersuchungen wurden im American Journal of Physical Anthropology veröffentlicht (American Journal of Physical Anthropology 135:110-116, 2008).
„Die paläopathologischen Untersuchungen liefern eine neue Grundlage zur Inter-pretation der Evolution und Geschichte der Tuberkulose. Sollten sich die morphologischen Untersuchungen bestätigen, ist dieser Fund von außergewöhnlicher Bedeutung für die geschichtliche Einordnung von Tuberkulose. Dann müsste der Zeitpunkt des ersten Auftretens der Krankheit in der Geschichte der Menschheit korrigiert werden“, sagt Prof. Michael Schultz.

Tuberkulose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die am häufigsten die Lunge befällt. Die Erreger können sich aber auch in anderen Organen des Körpers ausbreiten - wie im Gehirn. Die Folge ist: Es kann eine Hirnhautentzündung entstehen. Das ist auch die Diagnose der Erkrankung dieses Frühmenschens. Zu erkennen ist dies an den deutlichen Riefen und Höckerstrukturen auf der Vorderseite der vorderen Schädelgrube. Der Größe und der stark wulstigen Augenbrauenknochen nach zu urteilen, gehören die Knochenstücke zu den Überresten eines jungen Mannes zwischen 18 und 30 Jahren. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass es sich um einen aus Afrika stämmigen, dunkelhäutigen Mann handelt. Menschen mit dunkler Haut bilden weniger Vitamin D. Das macht sie anfälliger für bestimmte Krankheiten wie Tuberkulose. Die Schädelstücke wurden im Jahr 2004 bei Abtragungen von Travertin-Gestein in einem Steinwerk im Westen der Türkei gefunden.

WEITERE INFORMATIONEN
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Abteilung Anatomie und Embryologie
Arbeitsgruppe Paläopathologie
Prof. Dr. Dr. Michael Schultz, Telefon 0551 / 39-7000 oder 39-7028
Kreuzbergring 36, 37075 Göttingen
mschult1@gwdg.de

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz
18.07.2018 | Universitätsklinikum Würzburg

nachricht Antikörper verringern Nebenwirkungen von Antibiotika in der Lunge
18.07.2018 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics