Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Von Knochenschrauben zu Giftzwergen

25.10.2012
Ein junger Bremer Forscher hat einen genialen Dreh gefunden, wie sich Kreuzbandrisse heilen lassen: mit Bio-Keramik. Einer von vielen spannenden Ansätzen.

Knochenschraube? Klingt schmerzhaft. Aber sie ist eine der bahnbrechenden Erfindungen des Bremer Material-Wissenschaftlers Kurosch Rezwan, die vielen Patienten das Leben leichter machen kann. Mit der gemeinsam mit Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM und der Seepark Klinik Wesermünde entwickelten biokeramischen Knochenschraube hat Rezwan Furore gemacht. Ihr Material ist einem Knochen so ähnlich, dass sie sich nach einer Operation nach und nach auf natürliche Weise auflöst und dabei auch noch für den Körper wichtiges Calcium freisetzt.

Seit 2006 ist Kurosch Rezwan im Fachbereich für Produktionstechnik an der Universität Bremen Professor für Materialwissenschaften. Ein auffällig unaufgeregter Mann von 37 Jahren, der in seinem bisher noch jungen Forscherleben schon einiges erreicht hat. Wie Postkarten aufgereiht stehen die Urkunden seiner Preise, Diplome und Patente auf der Fensterbank des Büros in der Universität Bremen. Sein Text zum Thema Knochenschrauben wurde zum weltweit meistzitierten Fachaufsatz der vergangenen Jahre.

Rezwan forscht an sogenannten biokeramischen Stoffen. Solche Bio-Keramiken hat Rezwan in einem speziellen Verfahren aus Aluminium- und Siliziumoxid-Pulver gebrannt. Unter weiteren Zutaten wie Bindemittel, Hitze und Druck werden die Werkstoffe in Form gebracht – zum Beispiel in die Form jener Knochenschrauben. Für Patienten mit Kreuzbandrissen ist der Stoff ein wahrer Segen, denn sie verwachsen mit dem Knochen. Das spart Operationen und beschleunigt die Heilung.

Die Erfindung könnte sich lohnen. Das weltweite Marktpotenzial schätzt der Materialforscher auf 400 Millionen Euro. Allein in Deutschland erleiden pro Jahr 60.000 Patienten einen Kreuzbandriss – ein großes Einsatzgebiet für die Erfindung aus Bremen.

Forschung in der Nähe der Medizin liegt Rezwan im Übrigen quasi im Blut. Seine Eltern sind beide Mediziner. Sie waren aus dem Iran zum Studieren nach Wien gekommen. Wegen der iranischen Revolution 1979 zog die Familie eine medizinische Anstellung in der Schweiz vor.

Bereits in seiner Diplomarbeit in Zürich beschäftigte sich Rezwan dann mit Keramiken – neben Metallen und Kunststoffen das dritte große Arbeitsgebiet der Materialwissenschaftler. Später, in London am renommierten Imperial College, fand er ein Schwerpunktthema seines Forscherlebens: die Arbeit mit Nano-Partikeln. Nano-Partikel, deren Name sich vom griechischen Wort für „Zwerg“ – „nannos“ – ableitet, sind ein bis 100 Nanometer klein (ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter) und haben so einen bis zu 50.000 Mal geringeren Durchmesser als ein menschliches Haar.

Rezwan nimmt ein Röhrchen mit weißem Staub zwischen Daumen und Zeigefinger: „Nano-Partikel, wie dieses Titandioxid zum Beispiel, sind oft in Farben verarbeitet, mit der Räume gestrichen werden. Sie machen das Weiß der Wandfarbe auf lange Zeit lichtbeständig.“ Wir wollen wissen, was passiert, wenn Nano-Partikel und Enzyme des menschlichen Körpers sich verbinden“, erklärt er, „zum Beispiel beim Einatmen. Dazu bringen wir beide zusammen und untersuchen, was passiert“, erklärt Rezwan. Hier geht es besonders um das hochaktuelle Thema der Nano-Toxikologie. Rezwan erforscht also, wie aus den kleinen Genies wahre Giftzwerge werden können.

Ihn interessiert aber nicht nur jene gefährliche Seite der Nano-Partikel, denn sie könnten auch zu Helfern mit verblüffenden Eigenschaften werden. So könnten sie zum Beispiel in Zukunft in Brennstoffzellen den benötigen Wasserstoff herstellen – ohne Strom! Oder sie könnten gemeinsam mit bestimmten Eiweißen aus dem Hühnerei gefährlichen Bakterien den Garaus machen. Überall, wo Hygiene überlebenswichtig ist, wäre das ein enormer Fortschritt.

Warum ist ein Mann mit Rezwans Talenten aus der Weltstadt London an die Weser gekommen? „Die Materialwissenschaft in Bremen gehört zu den besten in Europa“, erklärt Rezwan. „Ein guter Grund, hier zu sein.“

Pressekontakt:
Prof. Dr.-Ing Kurosch Rezwan,
Telefon 0421 – 218 6 49 30, E-Mail: krezwan@uni-bremen.de

Christian Beneker | Pressedienst Bremen
Weitere Informationen:
http://www.ceramics.uni-bremen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Materialwissenschaften:

nachricht Nicht nur für die Medizintechnik – neue Methoden zur Silikonisierung von Oberflächen
12.04.2019 | INNOVENT e.V. Technologieentwicklung Jena

nachricht Nano-Komposition: Neues Syntheseverfahren für Katalysator-Materialien
04.04.2019 | Technische Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neues „Baustein-Konzept“ für die additive Fertigung

Volkswagenstiftung fördert Wissenschaftler aus dem IPF Dresden bei der Erkundung eines innovativen neuen Ansatzes im 3D-Druck

Im Rahmen Ihrer Initiative „Experiment! - Auf der Suche nach gewagten Forschungsideen“
fördert die VolkswagenStiftung ein Projekt, das von Herrn Dr. Julian...

Im Focus: Vergangenheit trifft Zukunft

autartec®-Haus am Fuß der F60 fertiggestellt

Der Hafen des Bergheider Sees beherbergt seinen ersten Bewohner. Das schwimmende autartec®-Haus – entstanden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung...

Im Focus: Hybrid-Neuronen-Netzwerke mit 3D-Lithografie möglich

Netzwerken aus wenigen Neuronenzellen können gezielt künstliche dreidimensionale Strukturen vorgegeben werden. Sie werden dafür elektronisch verschaltet. Dies eröffnet neue Möglichkeiten, Fehler in neuralen Netzwerken besser zu verstehen und technische Anwendungen mit lebenden Zellen gezielter zu steuern. Dies stellt ein Team aus Forschenden aus Greifswald und Hamburg in einer Publikation in der Fachzeitschrift „Advanced Biosystems“ vor.

Eine der zentralen Fragen der Lebenswissenschaften ist, die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen. Komplexe Abläufe im Gehirn ermöglichen uns, schnell Muster...

Im Focus: Was geschieht im Körper von ALS-Patienten?

Wissenschaftler der TU Dresden finden Wege, um das Absterben von Nervenzellen zu verringern und erforschen Therapieansätze zur Behandlung von ALS

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine unheilbare Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nicht selten verläuft ALS nach der Diagnose innerhalb...

Im Focus: Quantum simulation more stable than expected

A localization phenomenon boosts the accuracy of solving quantum many-body problems with quantum computers which are otherwise challenging for conventional computers. This brings such digital quantum simulation within reach on quantum devices available today.

Quantum computers promise to solve certain computational problems exponentially faster than any classical machine. “A particularly promising application is the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz: Lernen von der Natur

17.04.2019 | Veranstaltungen

Mobilität im Umbruch – Conference on Future Automotive Technology, 7.-8. Mai 2019, Fürstenfeldbruck

17.04.2019 | Veranstaltungen

Augmented Reality und Softwareentwicklung: 33. Industrie-Tag InformationsTechnologie (IT)²

17.04.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erster astrophysikalischer Nachweis des Heliumhydrid-Ions

18.04.2019 | Physik Astronomie

Radioteleskop LOFAR blickt tief in den Blitz

18.04.2019 | Physik Astronomie

Kühlen nach Art der Pflanzen

18.04.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics