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Bildverarbeitungs-Branche bietet noch keine Lösungen von der Stange

05.05.2008
Die deutsche Bildverarbeitungsbranche ist seit Jahren überdurchschnittlich erfolgreich. Nicht nur der Umsatz der Branche wächst stetig, es werden auch immer neue Anwendungsfelder erschlossen. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Integration einer Bildverarbeitungslösung in eine Produktionsumgebung nach wie vor ein komplexes Projekt ist.

Rund 25000 Teile werden in einer Anlage zum automatischen Sortieren von Großbriefen und Paketen im Verteilzentrum von UPS in Köln pro Stunde durchgeschleust. Dabei wird nicht nur der Barcode auf den Versandstücken gesucht und gelesen, es wird auch das Volumen des jeweiligen Packstückes vermessen.

Anwendungen wie diese Lösung der Wiesbadener Vitronic Dr.-Ing. Stein Bildverarbeitungssysteme GmbH finden sich zuhauf in der Applikationsdatenbank des VDMA-Fachverbandes Industrielle Bildverarbeitung in Frankfurt. Und genau solche Anwendungen sind die Basis für die Erfolgsgeschichte, die die Branche in den vergangenen Jahren durchlaufen hat.

Denn die deutsche Bildverarbeitungsindustrie ist seit Jahren auf einem soliden Wachstumskurs. Lag der Umsatz der Branche vor zehn Jahren noch bei rund 360 Mio. Euro, so wurde im Jahr 2005 bereits mehr als 1 Mrd. Euro umgesetzt. Wie im vergangenen Jahr rechnet die Branche auch in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von 6%, so Dr. Dietmar Ley, Vorstandsvorsitzender der Fachabteilung Industrielle Bildverarbeitung im VDMA.

Der Gesamtumsatz der Branche werde dann 1,2 Mrd. Euro erreichen. Ley weiter: „Trotz des robusten Inlandsgeschäftes bleibt der Auslandsmarkt der wichtigste Wachstumstreiber, wobei insbesondere Bildverarbeitungskomponenten und Standardsysteme aus Deutschland punkten konnten.“

Bildverarbeitung noch kein Standardverfahren in der Produktion

Das starke Wachstum der Branche und die ständige Erschließung neuer Anwendungsfelder darf aber nicht zu dem Schluss führen, dass die Integration einer Bildverarbeitungslösung in die Produktion inzwischen ein Standardverfahren ist. Eine erste Fehlerquelle liegt bereits in den Begrifflichkeiten, erläutert Charlotte Helzle, Geschäftsführerin der Hema Electronic GmbH, Aalen: „Der Erfolg einer Bildverarbeitungsanlage ist essentiell davon abhängig, ob alle die gleiche Sprache sprechen und auf dasselbe Ziel hinarbeiten.“

Als Beispiel nennt sie den gängigen Begriff der 100%-Kontrolle: Damit könne zum einen eine Kontrolle auf Vollständigkeit einer Anzahl von Teilen gemeint sein, zum anderen aber auch die Kontrolle aller Eigenschaften eines einzelnen Teiles. Natürlich sei es auch möglich, so Helzle weiter, dass man versuche, alle Eigenschaften aller Teile zu kontrollieren, mit dem Resultat „man wird nie fertig“.

Es besteht laut Helzle immer ein Spannungsfeld zwischen den Anforderungen des Kunden und dem, was technisch machbar ist, was sich praktisch durchführen lässt und auch in ein oder zwei Jahren noch funktioniert. In der Praxis gebe es fünf Phasen, in denen Differenzen auftreten, die den Erfolg gefährden können:

-Angebotsphase,

-Preisverhandlung,

-Integration/Erprobung,

-Inbetriebnahme/Abnahme und

-die Betriebsphase.

Wie bei jedem komplexen Projekt, kommt der ersten Phase eine besonders hohe Bedeutung zu. „In der ersten Phase beim Einführen einer Bildverarbeitungslösung werden die meisten Fehler gemacht“, erläutert Edgar Mähringer-Kunz, Geschäftsführer der Imstec GmbH. Das Mainzer Unternehmen hat deshalb für die Integration von Bildverarbeitungssystemen in Produktionsumgebungen ein Phasenmodell entworfen, mit dem die Startschwierigkeiten umgangen werden sollen:

-Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA) und Anforderungsanalyse,

-Design- und Machbarkeitsstudie,

-Prozessentwicklung und Integration sowie

-Installation, Training und Optimierung.

In einer Anforderungsanalyse wird, so Mähringer-Kunz weiter, der gesamte Prozess mit dem Kunden durchgegangen und in Einheiten zerlegt.Wesentliches Element ist die Analyse der Fehlermöglichkeiten mit einer Bewertung über die Bedeutung, das Auftreten und die Entdeckungswahrscheinlichkeit des einzelnen Fehlers.

Genaue Spezifikation Voraussetzung für eine gelungene Bildverarbeitungs-Lösung

Am Ende der FMEA steht eine funktionale Spezifikation, die mehrere Möglichkeiten der Umsetzung biete, so Mähringer-Kunz. Auf den Ergebnissen der FMEA setzt die Design- und Machbarkeitsstudie auf, bei der die technische Machbarkeit untersucht wird und die Rahmenbedingungen festgelegt werden.

Die genaue Festlegung der Spezifikationen hat auch für Charlotte Helzle absolute Priorität. Sie empfiehlt, bereits in der Angebotsphase auf jeden Fall ein Pflichtenheft zu erstellen. Die verbreitete Abneigung der Techniker gegen diese detaillierte Darstellung sei „meist der Anfang vom Ende“. Nur wenn im Pflichtenheft nach und nach die einzelenen Punkte abgehakt werden können, sei für beide Seiten ein zufriedenstellender Projektverlauf möglich.

Helzle weist aber noch auf ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem hin: die Akzeptanz durch die Bediener. Ein Nutzer, der von der Angst getrieben werde, dass sein Arbeitsplatz entfallen könnte, „findet hunderttausend Möglichkeiten, dass die Bildverarbeitungslösung nicht funktioniert“, so Helzle weiter.

Abschließend rät die Bildverarbeitungsspezialistin: „Vereinbaren Sie das Prüfverfahren, nicht den Prüferfolg!“ Sollten bisher nicht bekannte Umstände auftreten, die den Prüferfolg mit dem Verfahren gefährden, könne nach einer Analyse das Prüfverfahren angepasst werden.

Udo Schnell | MM MaschinenMarkt
Weitere Informationen:
http://www.maschinenmarkt.vogel.de/themenkanaele/produktion/messundprueftechnik/articles/120291/

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