Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sprachevolution im Labor

17.04.2007
Der Mensch ist faul - auch wenn er kommuniziert. Im Laufe der "kulturellen Evolution" sollten sich demnach vor allem solche Sprachen entwickeln, die möglichst wenig physischen oder geistigen Aufwand verursachen.

Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Reinhard Selten von der Universität Bonn hat diese These zusammen mit seinem italienischen Kollegen Massimo Warglien anhand eines Experiments überprüft. Darin sollten die Spieler Bezeichnungen für Figuren erfinden, die sie auf dem Computerschirm vor sich sahen.

Ergebnis: Wenn die Teilnehmer ständig neue Dinge bezeichnen mussten, setzten sich nicht etwa möglichst kurze Namen durch. Stattdessen entwickelte sich oft eine vergleichsweise aufwändige Grammatik - eine Art "Bauanleitung", nach der die Spieler die Bezeichnungen zusammensetzten (PNAS; doi: 10.1073/pnas.0702077104).

Sprechen ist anstrengend: Nicht nur, dass bei jeder Lautäußerung zahlreiche Muskeln zusammen spielen. Dazu kommt die mentale Aufgabe, einen Satz zu formen, der den Regeln der jeweiligen Sprache genügt. Viele Linguisten gehen daher davon aus, dass Sprache einem Druck zur Effizienz unterworfen sind. Mitunter lässt sich dieser Einfluss der "Faulheit" sogar direkt beobachten - so bei der SMS-Kommunikation, wo sich inzwischen zahllose Abkürzungen eingebürgert haben.

Unklar ist aber bislang, ob dieses Prinzip auch bei der Entwicklung von Sprachen wirkt. Der Bonner Ökonom Professor Dr. Reinhard Selten hat zusammen mit Professor Dr. Massimo Warglien von der Universität Venedig ein trickreiches Experiment erdacht, um dieser These nachzugehen. Zu Beginn wurden die Spieler paarweise zusammengelost. Beide Partner sahen auf einem Computerbildschirm eine Reihe von Figuren - beispielsweise Quadrate, Dreiecke und Kreise. Diese konnten zudem noch unterschiedlich gefärbt und mit verschiedenen Mustern gefüllt sein. Die Spieler sollten den Figuren nun einen Namen geben. Dazu stand ihnen nur eine begrenzte Zahl von Buchstaben zur Verfügung.

Dann bestimmte der Computer zufällig einen der Spielpartner als "Sender". Aus dem Figurenrepertoire dieses Senders wählte der Rechner eine beliebige Figur aus. Nun wurden Sender und Empfänger informiert, wie der jeweilige Partner diese Figur genannt hatte. Stimmten die Bezeichnungen überein, bekamen beide Spieler zehn Eurocent Belohnung - der "Erfolg" der Kommunikation. Die "Kosten" der Kommunikation - anders gesagt: ihre Anstrengung - trug allein der Sender: Er musste für jeden Buchstaben, den er für die Bezeichnung der Figur verwandt hatte, zwei bis drei Eurocent bezahlen.

Beide Spieler konnten danach sämtlichen Figuren neue Namen geben, um ihre Kommunikation erfolgreicher zu machen. Als Anhaltspunkt diente ihnen dabei die Bezeichnung, die ihr Partner der übermittelten Figur gegeben hatte. Insgesamt spielten die Paare so 60 Zyklen.

Zwischendurch erweiterten die Forscher den Figurensatz. In der Regel mussten die Spielpartner zunächst nur zwei verschiedene Formen benennen, dann sechs Figuren, die sich in Form und Inhalt unterschieden, zu denen sich in einer dritten Runde sechs weitere gesellten. In einem Teilexperiment unterschieden sich die Figuren zudem noch in ihrer Farbe. Außerdem wurde in diesem Ansatz der Figurensatz in kurzen Abständen komplett ausgetauscht. Die Spieler sahen sich also immer wieder mit völlig neuen Merkmalskombinationen konfrontiert.

Wie beschreibe ich Dinge, die es vorher nicht gab?

"In diesem Teilexperiment setzte sich häufiger eine so genannte 'Kompositionsgrammatik' durch", erklärt Professor Selten: Die Teilnehmer benutzten gewissermaßen primitive Adjektive, die zusammen die verschiedenen Merkmalskategorien einer Figur beschrieben: "R" stand beispielsweise für "rund" und "S" für "quadratisch"; M für "rot" und "Z" für "blau". "RM" bedeutete dann soviel wie "roter Kreis", "SM" hieß "rotes Quadrat". "Ein solcher Code ist nicht besonders effizient", betont Selten. "Im Prinzip kann man sich ohne grammatische Regeln kürzer ausdrücken. Das kann bei relativ wenigen immer wiederkehrenden Botschaften von Vorteil sein."

In einem Punkt sei eine Kompositionsgrammatik aber unschlagbar, sagt der Wirtschaftswissenschaftler: "Mit ihr lassen sich Dinge beschreiben, die es zuvor noch gar nicht gab." Beispiel: Gesellt sich zu den roten Kreisen und Quadraten erstmals ein blauer Kreis, wissen die Nutzer der Grammatik sofort, wie sie ihn bezeichnen müssen: "RZ". Eine Sprache ohne Grammatik müsste nun dagegen ein neues Wort "erfinden". "Die Grammatik verursacht in unserem Spiel zwar Kosten. Sie trägt aber aufgrund ihrer größeren Flexibilität unter ständig wechselnden Umweltbedingungen enorm zum Kommunikationserfolg bei", resümiert Professor Selten.

Geld verdienen mit Grammatik

Im Experiment schlugen sich diese Vorteile denn auch in Heller und Pfennig nieder: Spieler, die bei ständig wechselnden Merkmalskombinationen auf eine Kompositionsgrammatik setzten, verdienten im Laufe des Spiels durchschnittlich dreimal soviel Geld wie die anderen Teilnehmer.

Kontakt:
Professor Dr. Reinhard Selten
Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-9192

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Kompositionsgrammatik Sprachevolution Teilexperiment

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Design Thinking für Nachhaltigkeitsinnovationen – Toolbox zum Einsatz in Unternehmen jetzt online
15.06.2018 | Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft

nachricht Messewand PIXLIP GO LED
13.06.2018 | NORD DISPLAY GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

Noch mehr Reichweite oder noch mehr Nutzlast - das wünschen sich Fluggesellschaften für ihre Flugzeuge. Wegen ihrer hohen spezifischen Steifigkeiten und Festigkeiten kommen daher zunehmend leichte Faser-Kunststoff-Verbunde zum Einsatz. Bei Rümpfen oder Tragflächen sind permanent Innovationen in diese Richtung zu beobachten. Um dieses Innovationsfeld auch für Flugzeugräder zu erschließen, hat das Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF jetzt ein neues EU-Forschungsvorhaben gestartet. Ziel ist die Entwicklung eines ersten CFK-Bugrads für einen Airbus A320. Dabei wollen die Forscher ein Leichtbaupotential von bis zu 40 Prozent aufzeigen.

Faser-Kunststoff-Verbunde sind in der Luftfahrt bei zahlreichen Bauteilen bereits das Material der Wahl. So liegt beim Airbus A380 der Anteil an...

Im Focus: IT-Sicherheit beim autonomen Fahren

FH St. Pölten entwickelt neue Methode für sicheren Informationsaustausch zwischen Fahrzeugen mittels Funkdaten

Neue technische Errungenschaften wie das Internet der Dinge oder die direkte drahtlose Kommunikation zwischen Objekten erhöhen den Bedarf an effizienter...

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Leichter abheben: Fraunhofer LBF entwickelt Flugzeugrad aus Faser-Kunststoff-Verbund

22.06.2018 | Materialwissenschaften

Lernen und gleichzeitig Gutes tun? Baufritz macht‘s möglich!

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

GFOS und skip Institut entwickeln gemeinsam Prototyp für Augmented Reality App für die Produktion

22.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics