Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seniorentauglichkeit von Bedienungsanleitungen für Mobiltelefone

22.12.2005


Die Bedienung von Mobiltelefonen ist kinderleicht. Ist sie aber auch seniorengerecht? Anders als junge Menschen probieren ältere weniger aus, weil sie befürchten, sie könnten durch ein Herumspielen das technische Gerät beschädigen. Bevor sie sich ans Telefonieren machen, lesen sie gewissenhaft die Bedienungsanleitungen durch. Das hat auch Steffen Thurn aus Essingen getan. Der Diplomand im Studiengang Technische Redaktion der Hochschule Aalen analysierte Bedienungsanleitungen von verschiedenen Mobiltelefonen und stellte älteren Paaren Aufgaben, die sie anhand der Anleitungen lösen sollten. Sein Ergebnis: Aus Sicht der Senioren sind die Bedienungsanleitungen bestenfalls mangelhaft.



An den Anfang seiner von Prof. Dr. Monika Weissgerber betreuten Diplomarbeit stellte Steffen Thurn eine Befragung von Senioren aus dem Ostalbkreis zu den Anforderungen, die sie an eine Anleitung für Mobiltelefone haben. Dergemäß erwarten sie einen großen, gut leserlichen Schriftsatz, durch den Orientierungshilfen wie beispielsweise eine klare Hierarchie der Überschriften oder die Hervorhebung von Hauptfunktionen des Mobiltelefons helfen sollen. Zur Leserlichkeit trägt zudem ein hoher Kontrast von Text und Hintergrund bei. Außerdem sollte der Text so wenig wie möglich Fachbegriffe enthalten. Sind diese unumgänglich, sollten sie wenigstens an geeigneter Stelle allgemeinverständlich erläutert sein.



Mit diesem Vorwissen machte sich Steffen Thurn an die Analyse von Bedienungsanleitungen für Mobiltelefone. Er untersuchte Struktur, Gliederung, Typographie, Terminologie und Bebilderung der ausgelieferten Anleitungen und kam zu einem vernichtenden Urteil: "Die Abbildungen sind größtenteils unbrauchbar, Serifenschriftarten behindern den Lesefluss und der Zeilenabstand ist einfach zu gering, so dass wichtige Informationen schlichtweg überlesen werden."

Der sich aus den Analysen vorhersehbare Ärger beim Einsatz der Bedienungsanleitungen stellte sich bei Tests mit Senioren im Alter zwischen 62 und 75 Jahren dann auch tatsächlich ein. Zwei Beobachter haben Vorgehen und Reaktionen der Probanden beobachtet und dokumentiert. Gleichzeitig wurden die Senioren beim Lösen der Aufgaben von einer Videokamera aufgezeichnet. Übereinstimmend stellte sich heraus, dass die Paare die benötigten Informationen nicht oder nur schlecht auffinden konnten. "Die Schwierigkeiten beginnen beim lückenhaften Inhaltsverzeichnis und enden bei einem Stichwortverzeichnis mit falschen Verweisen", erklärt Steffen Thurn. Durch zielloses Blättern seien die Probanden oftmals schneller ans Ziel gelangt.

Eine Aufgabe bestand darin, Akku und SIM-Karte einzulegen und das Mobiltelefon in Betrieb zu nehmen. Für viele ein Ding der Unmöglichkeit. "Hätten sich die Nutzer ausschließlich auf die Bedienungsanleitung verlassen, hätten sie das Handy erst gar nicht zum Laufen bekommen", so der Technische Redakteur. Grund dafür seien zu wenige sachgerechte Abbildungen und fehlende Anweisungen. Kaum eine Abbildung ließ sich einer konkreten Handlungsanweisung zuordnen. So wurde nicht erklärt, dass vor dem Einsetzen der SIM-Karte die Abdeckung des Mobiltelefons abgenommen oder die Eingabe der PIN mit ’OK’ bestätigt werden muss. "Wer keine Erfahrung mit ähnlichen technischen Geräten hat, wird von der Anleitung allein gelassen", so Thurn.

War das Mobiltelefon betriebsbereit, sollten die Senioren einen einfachen Anruf tätigen. Selbst diese grundlegende Funktion des Kommunikationsmediums bereitete den älteren Paaren große Schwierigkeiten. Knackpunkt war häufig die Anweisung, nach Eingabe der Rufnummer, die Anruftaste zu betätigen. Eine solche Taste findet sich jedoch keine auf dem Tastenfeld des Mobiltelefons. "Es wird demnach vorausgesetzt, dass der Nutzer weiß, dass die Anruftaste eine Wahltaste ist, die über die Anzeige auf dem Display zur Anruftaste wird", bemängelt Steffen Thurn. Dass die Wahltaste mehrere Funktionen übernehmen kann, werde nicht ausdrücklich an dieser Stelle der Bedienungsanleitung beschrieben.

An der Aufgabe schließlich, einen Personennamen und eine Nummer im Telefonbuch des Handys zu speichern, sind alle (!) Versuchsteilnehmer gescheitert. Im gleichnamigen Kapitel der Bedienungsanleitung wurde vorausgesetzt, wie man ins Auswahlmenü gelangt, wie man dort navigiert, usw. Ein Verweis auf erläuternde Kapitel ist Fehlanzeige. "Von der Bedienungsanleitung erhält der sachunkundige Nutzer keine Hilfe", urteilt Thurn.

Daraufhin hat der Technische Redakteur die Bedienungsanleitung überarbeitet und Empfehlungen für eine Musteranleitung aufgelistet. Absolutes Muss: Eine aufklappbare Übersicht, auf der das Mobiltelefon aus allen Perspektiven zu sehen ist und wichtige Teile mit Nummern versehen sind. Auch eine größere Schrift und Zeilenabstände, die zur besseren Lesbarkeit beitragen, sind wünschenswert. "Natürlich sind den verantwortlichen Redakteuren auch Grenzen gesetzt und man muss zu Kompromissen bereit sein", meint Steffen Thurn. Von einer Anleitung extra für Senioren rät er ab. Das werde von vielen älteren Menschen als diskriminierend empfunden. Eine Bedienungsanleitung sollte vielmehr den Ansprüchen aller Benutzergruppen gerecht werden. Das setzt voraus, dass die Anforderungen von Senioren zukünftig bei der Erstellung von Bedienungsanleitungen stärker berücksichtigt werden.

Dr. Marc Dressler | idw
Weitere Informationen:
http://www.fh-aalen.de

Weitere Berichte zu: Anleitung Bedienungsanleitung Mobiltelefon Senior

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Kommunikation Medien:

nachricht Das plastische Gehirn: Bessere Vernetzung von Gehirnarealen durch Training
02.07.2018 | Leibniz-Institut für Wissensmedien

nachricht skip Institut der Hochschule Fresenius und GFOS entwickeln Augmented-Reality-App für die Produktion
27.06.2018 | Hochschule Fresenius

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Kommunikation Medien >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics