Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jülicher Forscher weisen hormonell wirkende Nonylphenole nach

15.04.2002


Jülicher Forscher vom Institut Phytosphäre sind hormonell wirkenden Industriechemikalien in Lebensmitteln auf der Spur (v.l.n.r. Institutsleiter Dr. Ulrich Schurr, Dr. Einhard Kleist, Torsten Räcker, Dr. Björn Thiele und Prof. Klaus Günther).

Foto: Forschungszentrum Jülic


Sie kommen in Haushalts- und Industriereinigern vor oder werden als Dispersionsmittel in der Papierindustrie eingesetzt: Tenside, die helfen, Fett in Wasser zu lösen. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich kamen diesen Industriechemikalien erstmals auch an anderer Stelle auf die Spur: Sie fanden deren Abbauprodukte - vor allem Nonylphenole - in den verschiedensten Lebensmitteln, darunter Bioprodukte, aber auch in der Muttermilch und in Säuglingsnahrung. Nonylphenole werden seit langem kritisch beobachtet: Sie sind im Körper östrogen-aktiv und werden für Missbildungen, Fertilitätsstörungen und Krebs verantwortlich gemacht.

Rund 600.000 Tonnen Nonylphenolethoxylate werden jährlich weltweit aufgrund ihrer hervorragenden Tensideigenschaften in Haushalt und Industrie eingesetzt.
Jülicher Forscher vom Institut Phytosphäre entwickelten nun eine Analysemethode, mit der sie die Abbauprodukte dieser Chemikalien, die Nonylphenole, in verschiedensten Nahrungsmitteln nachweisen können. "In der Vergangenheit wusste keiner, ob Nonylphenole in Nahrungsmitteln zu finden sind, und wenn ja, welche Menge der Normalverbraucher in Deutschland über Lebensmittel aufnimmt", erklärt der Chemiker Prof. Klaus Günther. "Nicht einmal die Größenordnung war bekannt."

Bekannt sind jedoch seit vielen Jahren die gesundheitlichen Auswirkungen von östrogen-aktiven, das heißt hormonell wirkenden Substanzen, wie den Nonylphenolen. Sie können das fein regulierte Hormonsystem im Körper stören, besonders in der Frühphase der Embryonalentwicklung. "Wir haben uns jedoch nicht mit den medizinischen Auswirkungen beschäftigt", erläutert Günther, "sondern uns ging es darum, den durchschnittlichen ,daily intake’ von Nonylphenolen zu bestimmen." Wie hoch also ist in Deutschland die tägliche Aufnahme dieser chemischen Substanz durch den Verbraucher?

Die Jülicher Wissenschaftler fahndeten in über 60 Lebensmitteln nach Nonylphenolen. Für ihre Untersuchungen entwickelten sie eine empfindliche Nachweismethode, die sich für die unterschiedlichsten Lebensmittel eignet. Das Ergebnis überraschte Günther und seine Kollegen: Nonylphenole kamen in allen untersuchten Nahrungsmittelgruppen vor. Besonders hohe Konzentrationen fanden sie in Tomaten und Äpfeln.
"Das kann damit zusammenhängen, dass Nonylphenolethoxylate auch bei der Herstellung von Pflanzenschutzmittellösungen eingesetzt werden", vermutet Günther. Aus den täglichen Verzehrmengen der einzelnen Lebensmittelgruppen bestimmten die Forscher den "daily intake" und stellten fest: Täglich nimmt der bundesdeutsche Normalverbraucher mit seiner Nahrung 7,5 Mikrogramm Nonylphenole auf.

Da Säuglinge und Kleinkinder besonders empfindlich auf östrogen-aktive Substanzen reagieren, nahmen die Wissenschaftler zudem Muttermilch, Milchanfangsnahrung und Fertigbreie unter die Lupe. Auch hier wurden sie fündig, wobei kein Unterschied zwischen Bioprodukten und normalen Produkten bestand. Die Jülicher Forscher zeigten: Circa 0,2 Mikrogramm Nonylphenole nehmen Säuglinge täglich bei ausschließlicher Ernährung durch die Muttermilch auf; 1,4 Mikrogramm sind es bei Babys, die mit Milchanfangsnahrung ernährt werden.

Mit den Ergebnissen der Jülicher Wissenschaftler liegen nun erstmals verlässliche Zahlen zur täglichen Aufnahme dieser wichtigen Industriechemikalie über Nahrungsmittel vor. Sie können nun als Faktengrundlage für weitere toxikologische Untersuchungen dienen. In der Fachwelt haben sie große Aufmerksamkeit erzielt.

Peter Schäfer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fz-juelich.de/oea/PM2002/2002-15-Nonylphenole.html

Weitere Berichte zu: Bioprodukt Mikrogramm Muttermilch Nonylphenole

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Krankheitserreger im Visier
09.10.2018 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht Wie überleben Nervenzellen? Forschungsteam versucht den Zelltod zu stoppen
04.10.2018 | DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien TU Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rasende Elektronen unter Kontrolle

Die Elektronik zukünftig über Lichtwellen kontrollieren statt Spannungssignalen: Das ist das Ziel von Physikern weltweit. Der Vorteil: Elektromagnetische Wellen des Licht schwingen mit Petahertz-Frequenz. Damit könnten zukünftige Computer eine Million Mal schneller sein als die heutige Generation. Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) sind diesem Ziel nun einen Schritt nähergekommen: Ihnen ist es gelungen, Elektronen in Graphen mit ultrakurzen Laserpulsen präzise zu steuern.

Eine Stromregelung in der Elektronik, die millionenfach schneller ist als heutzutage: Davon träumen viele. Schließlich ist die Stromregelung eine der...

Im Focus: UNH scientists help provide first-ever views of elusive energy explosion

Researchers at the University of New Hampshire have captured a difficult-to-view singular event involving "magnetic reconnection"--the process by which sparse particles and energy around Earth collide producing a quick but mighty explosion--in the Earth's magnetotail, the magnetic environment that trails behind the planet.

Magnetic reconnection has remained a bit of a mystery to scientists. They know it exists and have documented the effects that the energy explosions can...

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rasende Elektronen unter Kontrolle

16.11.2018 | Physik Astronomie

Übergangsmetallkomplexe: Gemischt geht's besser

16.11.2018 | Biowissenschaften Chemie

Kalikokrebse: Erste Fachtagung zu hochinvasiver Tierart

16.11.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics