Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Finanzplätze London und Frankfurt -- Partner im Wettbewerb?

11.02.2002


Geographen aus Heidelberg und Loughborough untersuchen die Beziehungen zwischen Europas führenden Finanzplätzen - Machtbeziehungen zwischen London und Frankfurt im weltumspannenden Netz von "global cities"

Als in Frankfurt die Europäische Zentralbank errichtet und der Euro eingeführt wurde, die Deutsche Börse mit dem London Stock Exchange verhandelte und der Eurex in Frankfurt seinen Siegeszug antrat, erwarteten viele Experten einen heftigen Wettbewerb zwischen London und Frankfurt um die Vorherrschaft im europäischen Finanzwesen und eine Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt auf Kosten Londons. Wie werden die Beziehungen zwischen beiden Finanzplätzen einige Jahre nach diesen Weichenstellungen von wichtigen Entscheidungsträgern in Finanzwesen und verwandten Branchen eingeschätzt? Haben die Einführung des Euro und die Standortentscheidung für Frankfurt als Sitz der EZB die Position der Stadt im Vergleich zu London verändert? Wie artikulieren sich Machtbeziehungen zwischen London und Frankfurt im weltumspannenden Netz von "global cities"? Und welche Schlussfolgerungen lassen sich für die Politik daraus ziehen? Diesen Fragen ging ein gemeinsames Forschungsprojekt der Geographischen Institute von Heidelberg und Loughborough (Großbritannien) nach, das von der Deutsch-Britischen Stiftung für das Studium der Industriegesellschaft finanziert und dessen Ergebnisse vor kurzem in Frankfurt vorgestellt wurden.

Das Projekt

Grundlage der Studie bilden zahlreiche Interviews, die während zweier Erhebungsphasen in 2000 und 2001 parallel in Frankfurt und London durch Michael Hoyler (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Geographisches Institut der Universität Heidelberg) und Kathryn Pain (Department of Geography, Loughborough University) mit hochrangigen Entscheidungsträgern in unternehmensorientierten Dienstleistungsfirmen und mit führenden Institutionen und Organisationen der Finanzwelt durchgeführt wurden. Nahezu alle befragten Unternehmen rangieren unter den Top Ten ihrer Branche (national bzw. global). Berücksichtigt wurden Banken, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberatungen, Wirtschaftskanzleien und Werbeagenturen. Das Projekt ist eingebunden in die Arbeit der Globalization and World Cities Study Group and Network (GaWC), einer internationalen Forschungsgruppe, die sich unter der Leitung von Peter Taylor und Jon Beaverstock (Loughborough) mit der Herausbildung eines weltweiten Städtenetzes im Zeichen ökonomischer Globalisierung beschäftigt.

Globale Vernetzung

London und Frankfurt sind wichtige Knotenpunkte der Weltwirtschaft, so genannte Weltstädte oder "global cities", in denen eine hohe Konzentration von Entscheidungs- und Kontrollfunktionen in Finanz- und anderen wissensintensiven Dienstleistungen gegeben ist. London ist neben New York einer der beiden global am besten vernetzten Standorte, Frankfurt nimmt als wichtigste deutsche "global city" einen oberen Rang unter den kontinentaleuropäischen Städten ein. Die unterschiedliche Einbindung der beiden Städte in weltweite Verflechtungen und Transaktionen ? in Personal-, Kommunikations- und Finanzströme ? weist jeder dieser Städte ihren spezifischen Platz im globalen Städtenetz zu: London als internationaler Weltstadt ersten Ranges, Frankfurt als Finanzplatz mit eher europäischer Ausrichtung als "gateway" zwischen deutschen Märkten und international agierenden Dienstleistungsunternehmen.

Der Euro

Der Einführung des Euro wurde von den befragten Unternehmen nur ein geringer Einfluss auf die Positionierung beider Finanzplätze zugeschrieben. Die Errichtung der EZB in Frankfurt stärkt zwar das Image der Stadt, hat aber für die überwiegende Zahl der Unternehmen kaum praktische Relevanz. Entscheidend für die Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt in den letzten Jahren ist weniger der Euro als vielmehr die Bedeutung des deutschen Marktes und die zunehmende Internationalisierung unternehmensorientierter Dienstleistungen. Die Stellung Londons als führender Welt-Finanzplatz wird durch das Festhalten am britischen Pfund im Vereinigten Königreich nicht gefährdet.

Räumliche Konzentration von Wissen

Die herausragende Position Londons gründet sich ganz entscheidend auf den verfügbaren Wissenspool und die institutionelle Dichte in der City. Im Gegensatz zu Informationen, die heute in Sekunden weltweit verbreitet werden können, sind Wissen, Kreativität, Erfahrungen und Qualifikationen an Personen und Organisationen gebunden und somit räumlich stärker verwurzelt. Eine solche Konzentration von Wissen und hochspezialisierten Netzwerken kann nicht einfach von einem Standort auf einen anderen übertragen werden. Der Zugang zu entscheidenden Informationen erfolgt trotz aller Digitalisierung meist über face-to-face Kontakte. Paradoxerweise ist die räumliche Konzentration von Wissen gerade in jenen Branchen am stärksten, die als erste und am intensivsten digitalisiert und mit weltweiter Kommunikationstechnologie vernetzt wurden.

Kooperation statt Wettbewerb?

Das Forschungsprojekt zeigt, dass sich das häufig als Rivalität charakterisierte Verhältnis zwischen Frankfurt und London nicht auf den Aspekt des Wettbewerbs reduzieren lässt. Die Stärkung eines Standortes muss nicht zwangsweise auf Kosten des anderen erfolgen, sie ist kein Nullsummenspiel. London und Frankfurt ergänzen sich in vielen Bereichen; der Erfolg Londons als Zentrum globaler Vernetzung kommt Frankfurt zugute, die wachsende Bedeutung Frankfurts als gateway zum deutschen und europäischen Markt stärkt auch London. Der Intensivierung von Verflechtungen zwischen beiden Städten sollte deshalb zumindest ebensoviel Aufmerksamkeit geschenkt werden wie dem immer wieder beschworenen Wettbewerb.

Forschungsbericht

Jonathan V. Beaverstock, Michael Hoyler, Kathryn Pain and Peter J. Taylor (2001): Comparing London and Frankfurt as World Cities: A Relational Study of Contemporary Urban Change. London: Anglo-German Foundation for the Study of Industrial Society. 51 pp. ISBN 1 900834 28 6 £15.00

Dr. Michael Schwarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.agf.org.uk/pubs/pdfs/1290web.pdf

Weitere Berichte zu: Finanzplatz Study Stärkung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Autonomes Fahren: Staffelübergabe zwischen Fahrer und Autopilot funktioniert
06.11.2019 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Mensch und Technik als starke Partner - Kooperatives Überholen in hochautomatisierten Fahrzeugen
06.11.2019 | Universität Ulm

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: New Pitt research finds carbon nanotubes show a love/hate relationship with water

Carbon nanotubes (CNTs) are valuable for a wide variety of applications. Made of graphene sheets rolled into tubes 10,000 times smaller than a human hair, CNTs have an exceptional strength-to-mass ratio and excellent thermal and electrical properties. These features make them ideal for a range of applications, including supercapacitors, interconnects, adhesives, particle trapping and structural color.

New research reveals even more potential for CNTs: as a coating, they can both repel and hold water in place, a useful property for applications like printing,...

Im Focus: Magnetisches Tuning auf der Nanoskala

Magnetische Nanostrukturen maßgeschneidert herzustellen und nanomagnetische Materialeigenschaften gezielt zu beeinflussen, daran arbeiten Physiker des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) gemeinsam mit Kollegen des Leibniz-Instituts für Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW) Dresden und der Universität Glasgow. Zum Einsatz kommt ein spezielles Mikroskop am Ionenstrahlzentrum des HZDR, dessen hauchdünner Strahl aus schnellen geladenen Atomen (Ionen) periodisch angeordnete und stabile Nanomagnete in einem Probenmaterial erzeugen kann. Es dient aber auch dazu, die magnetischen Eigenschaften von Kohlenstoff-Nanoröhrchen zu optimieren.

„Materialien im Nanometerbereich magnetisch zu tunen birgt ein großes Potenzial für die Herstellung modernster elektronischer Bauteile. Für unsere magnetischen...

Im Focus: Magnets for the second dimension

If you've ever tried to put several really strong, small cube magnets right next to each other on a magnetic board, you'll know that you just can't do it. What happens is that the magnets always arrange themselves in a column sticking out vertically from the magnetic board. Moreover, it's almost impossible to join several rows of these magnets together to form a flat surface. That's because magnets are dipolar. Equal poles repel each other, with the north pole of one magnet always attaching itself to the south pole of another and vice versa. This explains why they form a column with all the magnets aligned the same way.

Now, scientists at ETH Zurich have managed to create magnetic building blocks in the shape of cubes that - for the first time ever - can be joined together to...

Im Focus: A new quantum data classification protocol brings us nearer to a future 'quantum internet'

The algorithm represents a first step in the automated learning of quantum information networks

Quantum-based communication and computation technologies promise unprecedented applications, such as unconditionally secure communications, ultra-precise...

Im Focus: REANIMA - für ein neues Paradigma der Herzregeneration

Endogene Mechanismen der Geweberegeneration sind ein innovativer Forschungsansatz, um Herzmuskelschäden zu begegnen. Ihnen widmet sich das internationale REANIMA-Projekt, an dem zwölf europäische Forschungszentren beteiligt sind. Das am CNIC (Centro Nacional de Investigaciones Cardiovasculares) in Madrid koordinierte Projekt startet im Januar 2020 und wird von der Europäischen Kommission mit 8 Millionen Euro über fünf Jahre gefördert.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen weltweit die meisten Todesfälle. Herzinsuffizienz ist geradezu eine Epidemie, die neben der persönlichen Belastung mit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Mediation – Konflikte konstruktiv lösen

12.11.2019 | Veranstaltungen

Hochleistungsmaterialien mit neuen Eigenschaften im Fokus von Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft

11.11.2019 | Veranstaltungen

Weniger Lärm in Innenstädten durch neue Gebäudekonzepte

08.11.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Effiziente Motorenproduktion mit der neuesten Generation des LZH IBK

13.11.2019 | Maschinenbau

KI-gesteuerte Klassifizierung einzelner Blutzellen: Neue Methode unterstützt Ärzte bei der Leukämiediagnostik

13.11.2019 | Biowissenschaften Chemie

Faserverstärkte Verbundstoffe schnell und präzise durchleuchten

13.11.2019 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics