Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spiritualität und Medizin

21.08.2006
"Forschungsoffensive", Teil 7: Wittener Forschungsprojekt untersucht die Rolle des Glaubens in der östlichen und westlichen Medizin

Glaube kann, so heißt es, Berge versetzen. Doch welche Wirkung hat der Glaube an eine wie auch immer geartete höhere Macht auf die Bewältigung von Krankheiten. Gehen gläubige Menschen anders mit einer Erkrankung um? Und hilft der Glaube auch bei der Heilung? Diese Fragen gehören zu einem Forschungsprojekt des Lehrstuhls für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke. Nach umfangreichen empirischen Erhebungen in Deutschland haben die Wissenschaftler nun ein interkulturelles Projekt über die Rolle des Glaubens in der östlichen und westlichen Medizin auf den Weg gebracht.

"Es gibt nach wie vor keine gesicherten Erkenntnisse darüber, dass Religiosität oder Spiritualität bei einer Krankheit tatsächlich zu einem längeren Überleben oder gar zu einer Heilung führen", sagt PD Dr. Arnd Büssing vom Wittener Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin. "Aber der Glaube kann sehr wohl von ausschlagender Bedeutung dafür sein, wie ein Patient mit seiner Krankheit umgeht und sein Leben mit oder trotz der Bedrohung gestaltet." Zusammen mit seinem Lehrstuhlkollegen Dr. Thomas Ostermann und dem Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Peter Matthiessen entwickelte Büssing einen Fragebogen zu Spiritualität und Krankheitsumgang, der auch im internationalen Kontext viel beachtet wurde.

Dieser Fragebogen wird jetzt auch bei palästinensischen Patienten muslimischen Glaubens eingesetzt. Kooperationspartner und federführend hierbei ist Dr. Wael Abu-Hassan von der Arab American University im palästinensischen Jenin. Der klinische Psychologe war noch im August zu einem Erfahrungsaustausch mit seinen deutschen Partnern an der Universität Witten/Herdecke. Das gemeinsame Forschungsprojekt, das nun in die Auswertungsphase tritt, wird vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt. Ausgehend von der Grundfrage: Wie wirkt sich eine spirituelle und/oder religiöse Haltung auf die Krankheitsverarbeitung aus?, lässt sich schon jetzt sagen, dass der arabische und westeuropäische Kulturraum die Dimensionen von Krankheit und Heilung völlig verschieden bewerten - insbesondere, was die Rolle der Spiritualität angeht.

Die Unterschiede manifestieren sich bereits auf einer allgemeinen Ebene: Während sich eine Vielzahl von Deutschen durchaus als spirituell verstehen, antworten sie auf die Frage, ob sie religiös seien mit einem klaren Nein. Andere verneinen, dass sie überhaupt spirituell eingestellt seien: "Ich bin doch katholisch!" - Anders im Nahen Osten: Spiritualität und Religiosität sind hier kein Widerspruch, sondern bilden eine untrennbare Einheit. Arabische Patienten haben im Vergleich zu deutschen Patienten mit chronischen Erkrankungen eine signifikant höhere positive Krankheitsinterpretation. Sie suchen nach sinngebender Rückbindung, haben Vertrauen in eine höhere helfende Instanz und sind der Überzeugung, dass Spiritualität hilfreich in den Lebensbezügen und im Umgang mit Krankheit ist. Darüber hinaus sind die muslimischen Patienten davon überzeugt, dass man eine Krankheit (als gottgewollt) annehmen müsse - Einstellungen, die von deutschen Patienten durchweg abgelehnt werden.

Im westeuropäischen Kulturraum, so Arndt Büssing, wird eine schwere Erkrankung oftmals als ein lebensbedrohlicher Schaden angesehen, den es möglichst schnell zu "reparieren" gilt. Dieses mechanistische Weltbild wird verstärkt durch ein System der Gesundheitsfürsorge, in der medizinischer Forschritt meist nur in Kategorien des Technischen betrachtet und akzeptiert ist. Der Patient wird dadurch in eine passive Rolle gedrängt, verlässt sich auf Ärzte und Apparate, jedoch nicht auf seine ihm innewohnenden Kräfte zur Gesundwerdung. Die Konsequenz: Verantwortung für seine Krankheit wird von ihm an andere delegiert.

Schwere Erkrankungen gelten natürlich auch im Nahen Osten als Krise. Jedoch gehen die Menschen hier - auch vor ihrem spirituellen Hintergrund - offenbar aktiver mit ihrer Rolle als Gestalter ihres eigenen Heilungsprozesses um. "Sie sehen die Krankheit als Aufruf, ihr Leben zu ändern und als Chance, eine Dankbarkeit gegenüber dem eigenen Leben zu entfalten", so Wael Abu-Hassan. Sowohl die Bibel als auch der Koran ermutigen Kranke zu einer aktiven Haltung. Im christlichen Westen scheint dieser Impuls jedoch fast vollständig verschüttet, so die deutschen und palästinensischen Wissenschaftler. Im Herbst wollen sie die Auswertung abgeschlossen haben. Auch hier wird Neuland beschritten: Gemeinsam sollen die Ergebnisse in hochrangigen arabischen Zeitschriften publiziert werden, um so weitere Kooperationspartner für dieses Projekt zu gewinnen.

Kontakt: PD Dr. Arndt Büssing, Universität Witten/Herdecke, Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin, Tel.: 02330/62-3246, Mail: Arndt.buessing@uni-wh.de, Internet: http://notesweb.uni-wh.de/wg/medi/wgmedi.nsf/name/medizintheorie_profil-DE

Siegrun Pardon | Universität Witten/Herdecke
Weitere Informationen:
http://www.uni-wh.de

Weitere Berichte zu: Glauben Heilung Komplementärmedizin Medizintheorie Spiritualität

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Biegen ohne zu brechen - Wie Insekten ihre Umgebung ertasten
10.09.2018 | Hochschule Bremen

nachricht Faden-Kunst aus Roboterhand
10.09.2018 | Technische Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Magnetismus entsteht: Elektronen stärker verbunden als gedacht

Wieso sind manche Metalle magnetisch? Diese einfache Frage ist wissenschaftlich gar nicht so leicht fundiert zu beantworten. Das zeigt eine aktuelle Arbeit von Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und der Universität Halle. Den Forschern ist es zum ersten Mal gelungen, in einem magnetischen Material, in diesem Fall Kobalt, die Wechselwirkung zwischen einzelnen Elektronen sichtbar zu machen, die letztlich zur Ausbildung der magnetischen Eigenschaften führt. Damit sind erstmals genaue Einblicke in den elektronischen Ursprung des Magnetismus möglich, die vorher nur auf theoretischem Weg zugänglich waren.

Für ihre Untersuchung nutzten die Forscher ein spezielles Elektronenmikroskop, das das Forschungszentrum Jülich am Elettra-Speicherring im italienischen Triest...

Im Focus: Erstmals gemessen: Wie lange dauert ein Quantensprung?

Mit Hilfe ausgeklügelter Experimente und Berechnungen der TU Wien ist es erstmals gelungen, die Dauer des berühmten photoelektrischen Effekts zu messen.

Es war eines der entscheidenden Experimente für die Quantenphysik: Wenn Licht auf bestimmte Materialien fällt, werden Elektronen aus der Oberfläche...

Im Focus: Scientists present new observations to understand the phase transition in quantum chromodynamics

The building blocks of matter in our universe were formed in the first 10 microseconds of its existence, according to the currently accepted scientific picture. After the Big Bang about 13.7 billion years ago, matter consisted mainly of quarks and gluons, two types of elementary particles whose interactions are governed by quantum chromodynamics (QCD), the theory of strong interaction. In the early universe, these particles moved (nearly) freely in a quark-gluon plasma.

This is a joint press release of University Muenster and Heidelberg as well as the GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt.

Then, in a phase transition, they combined and formed hadrons, among them the building blocks of atomic nuclei, protons and neutrons. In the current issue of...

Im Focus: Der Truck der Zukunft

Lastkraftwagen (Lkw) sind für den Gütertransport auch in den kommenden Jahrzehnten unverzichtbar. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) und ihre Partner haben ein Konzept für den Truck der Zukunft erarbeitet. Dazu zählen die europaweite Zulassung für Lang-Lkw, der Diesel-Hybrid-Antrieb und eine multifunktionale Fahrerkabine.

Laut der Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird der Lkw-Güterverkehr bis 2030 im Vergleich zu 2010 um 39 Prozent steigen....

Im Focus: Extrem klein und schnell: Laser zündet heißes Plasma

Feuert man Lichtpulse aus einer extrem starken Laseranlage auf Materialproben, reißt das elektrische Feld des Lichts die Elektronen von den Atomkernen ab. Für Sekundenbruchteile entsteht ein Plasma. Dabei koppeln die Elektronen mit dem Laserlicht und erreichen beinahe Lichtgeschwindigkeit. Beim Herausfliegen aus der Materialprobe ziehen sie die Atomrümpfe (Ionen) hinter sich her. Um diesen komplexen Beschleunigungsprozess experimentell untersuchen zu können, haben Forscher aus dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) eine neuartige Diagnostik für innovative laserbasierte Teilchenbeschleuniger entwickelt. Ihre Ergebnisse erscheinen jetzt in der Fachzeitschrift „Physical Review X“.

„Unser Ziel ist ein ultrakompakter Beschleuniger für die Ionentherapie, also die Krebsbestrahlung mit geladenen Teilchen“, so der Physiker Dr. Thomas Kluge vom...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungen

Forum Additive Fertigung: So gelingt der Einstieg in den 3D-Druck

21.09.2018 | Veranstaltungen

12. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

20.09.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Tiefseebergbau: Forschung zu Risiken und ökologischen Folgen geht weiter

21.09.2018 | Geowissenschaften

4. BF21-Jahrestagung „Car Data – Telematik – Mobilität – Fahrerassistenzsysteme – Autonomes Fahren – eCall – Connected Car“

21.09.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Optimierungspotenziale bei Kaminöfen

21.09.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics