Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychologen: Innige Eltern-Beziehung hält bis ins Erwachsenenalter

21.08.2001


Wenn Kinder erwachsen werden, bleiben sie im Ansehen ihrer Eltern dennoch: (ihre) Kinder. Dieses merkwürdige Verhältnis, das ein Leben lang anhält, haben Psychologen der Universität Jena jetzt näher untersucht und knapp 200 "erwachsene Kinder" nebst ihren Eltern befragt. Ein Ergebnis: Die gefühlsmäßige Bindung der Kinder ist ebenso wie der rationale Wunsch, sich abzugrenzen, viel stärker als bislang in der Forschung angenommen. Aber auch im Erwachsenenalter ändert sich die Eltern-Kind-Beziehung noch mit zunehmendem Lebensalter: Die Distanz wird meistens größer.

"Es ist ganz entscheidend für eine funktionierende Beziehung, dass junge Erwachsene eine eigene Meinung entwickeln, auf eigenen Füßen stehen und sich von ihren Eltern abgrenzen - und dass diese das auch akzeptieren", erläutert Dr. Heike Buhl. "Nur dann können Konflikte weitestgehend vermieden werden." Mischen sich etwa Eltern in die Partnerwahl oder die Erziehung der Enkel ein, ist der Streit schon programmiert.

Buhl: "Die Eltern meinen es ja bloß gut. Aber sie vergessen leicht, dass sie ihrerseits eine Intervention ihrer Eltern auch nicht akzeptiert hätten." Besonders die Mütter neigen - vielleicht aus übertriebener Fürsorge - dazu, sich intensiver einzumischen. Aber es gibt auch regelrechte Tabuthemen: Über Sexualität spricht man zwar mit Gleichaltrigen, aber nicht mit den Altvorderen.

Bei jungen Erwachsenen stellten die Psychologen noch ein viel engeres Verhältnis zu den Eltern fest als bei älteren. Befragt haben sie dazu zwei Gruppen: Studierende und Berufstätige zwischen 24 und 45 Jahren. Die berufliche und damit wirtschaftliche Selbstständigkeit und die Geburt eigener Kinder sind demnach zwei ganz wichtige Einschnitte im Leben wie auch im Verhältnis zu den Eltern: Sobald die "Kinder" eine eigene, gesicherte berufliche und familiäre Existenz aufgebaut haben, sinkt die emotionale Bindung zu den Eltern; umgekehrt werden sie von diesen auch eher als gleichberechtigt akzeptiert.

Viele der jungen Erwachsenen bleiben noch länger von den Eltern finanziell abhängig, meist deshalb, weil ihnen wegen des Studiums ein geregeltes eigenes Einkommen noch fehlt. Überhaupt werden Kinder heute durchschnittlich später "flügge" als in früheren Jahren. Aber auch die Gefühlsbindung bleibt in dieser Lebensspanne noch intensiver: Rund 80 Prozent der befragten Studierenden gaben etwa an, dass sie ihre Eltern im Bedarfsfall pflegen würden. Bei Berufstätigen ist dieser Prozentsatz - wohl auch aus ganz praktischen Überlegungen - deutlich geringer.

Ein schon in der Jugend brüchig gewordenes Vertrauensverhältnis - auch das ein Ergebnis der Jenaer Studie - lässt sich indes später nur schwer kitten. Wer rückblickend auf die Zeit der Pubertät über besonders viele Konflikte mit den Eltern berichtete, hat zu diesen auch im Erwachsenenalter ein deutlich distanzierteres Verhältnis. Eine strengere Erziehung in der Jugend, etwa durch den Vater, belastet noch nachträglich die individuelle Vertrauensbasis. Buhl: "So spiegeln sich die einstigen emotionalen und Machtverhältnisse in der Familie noch Jahrzehnte später in der Eltern-Kind-Beziehung wider."

Möglicherweise existiert auch ein Ost-West-Unterschied. Nach bisherigem Stand der Untersuchung erscheinen die Familienbindungen im Osten der Republik intensiver als im Westen. "Das sind aber keine gesicherten Erkenntnisse, sondern nur erste Vermutungen, weil die Datenbasis dafür noch zu gering ist", erläutert die Psychologin Buhl. Die Jenaer Studie wird deshalb fortgesetzt. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich bei ihr unter der Telefonnummer 03641/945244 oder per E-Mail Heike.Maria.Buhl@rz.uni-jena.de melden.


Ansprechpartnerin:
Dr. Heike Buhl
Institut für Psychologie der Universität Jena
Tel.: 03641/945244
E-Mail: Heike.Maria.Buhl@rz.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Berufstätig Eltern-Beziehung Psychologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Krankheitserreger im Visier
09.10.2018 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht Wie überleben Nervenzellen? Forschungsteam versucht den Zelltod zu stoppen
04.10.2018 | DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien TU Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine kalte Supererde in unserer Nachbarschaft

Der sechs Lichtjahre entfernte Barnards Stern beherbergt einen Exoplaneten

Einer internationalen Gruppe von Astronomen unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ist es gelungen, beim nur sechs Lichtjahre...

Im Focus: Mit Gold Krankheiten aufspüren

Röntgenfluoreszenz könnte neue Diagnosemöglichkeiten in der Medizin eröffnen

Ein Präzisions-Röntgenverfahren soll Krebs früher erkennen sowie die Entwicklung und Kontrolle von Medikamenten verbessern können. Wie ein Forschungsteam unter...

Im Focus: Ein Chip mit echten Blutgefäßen

An der TU Wien wurden Bio-Chips entwickelt, in denen man Gewebe herstellen und untersuchen kann. Die Stoffzufuhr lässt sich dabei sehr präzise dosieren.

Menschliche Zellen in der Petrischale zu vermehren, ist heute keine große Herausforderung mehr. Künstliches Gewebe herzustellen, durchzogen von feinen...

Im Focus: A Chip with Blood Vessels

Biochips have been developed at TU Wien (Vienna), on which tissue can be produced and examined. This allows supplying the tissue with different substances in a very controlled way.

Cultivating human cells in the Petri dish is not a big challenge today. Producing artificial tissue, however, permeated by fine blood vessels, is a much more...

Im Focus: Optimierung von Legierungswerkstoffen: Diffusionsvorgänge in Nanoteilchen entschlüsselt

Ein Forschungsteam der TU Graz entdeckt atomar ablaufende Prozesse, die neue Ansätze zur Verbesserung von Materialeigenschaften liefern.

Aluminiumlegierungen verfügen über einzigartige Materialeigenschaften und sind unverzichtbare Werkstoffe im Flugzeugbau sowie in der Weltraumtechnik.

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Können Roboter im Alter Spaß machen?

14.11.2018 | Veranstaltungen

Tagung informiert über künstliche Intelligenz

13.11.2018 | Veranstaltungen

Wer rechnet schneller? Algorithmen und ihre gesellschaftliche Überwachung

12.11.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Emulsionen masschneidern

15.11.2018 | Materialwissenschaften

LTE-V2X-Direktkommunikation für mehr Verkehrssicherheit

15.11.2018 | Informationstechnologie

Daten „fühlen“ mit haptischen Displays

15.11.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics