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Nehmen Volleyballspieler einen Ball früher wahr als Nicht-Athleten?

28.05.2001


Studie weist schnellere Reaktionszeiten und höhere Hirnaktivität nach.


Können Volleyball-Leistungssportler ihre visuelle Aufmerksamkeit auf mehr Punkte gleichzeitig richten als Vergleichsgruppen? Diese Frage beantworten Prof. Dr. Rainer Bösel und Caterina Pesce Anzeneder von der Freien Universität Berlin in einer Studie jüngst eindeutig mit "ja". So zeigen die Autoren, dass Volleyballspieler flexibler in der Lage sind, auf Reize innerhalb aber auch außerhalb des Spielfeldes zu reagieren. In Laborversuchen mit Spitzensportlern und Nichtsportlern haben die Autoren anhand von Reaktionszeit und Hirnaktivität nachgewiesen, dass Volleyballspieler eine höhere aufmerksamkeitsbedingte Hirnaktivität und schnellere Reaktionszeiten besitzen als Nichtsportler.

Der Erfolg eines Athleten hängt vor allem von der Flexibilität der Aufmerksamkeit ab. Im Ballspiel müssen Sportler unter Zeitdruck zwischen verschiedenen Aufmerksamkeitsrichtungen wechseln: zwischen Ball, Mitspieler und Gegenspieler, Spielfeld und Spielfeldgrenzen sowie den eigenen Bewegungsabläufen. In schnellen Ballspielen wie Volleyball ist die Flexibilität der visuellen Aufmerksamkeit von großer Bedeutung. Denn die Leistungsfähigkeit des Sehsystems allein ist wegen der Schnelligkeit des Spielgeschehens und der räumlichen Verteilung der relevanten Merkmale für eine situationsangemessene Wahrnehmung nicht ausreichend. Deswegen müssen Leistungssportler ihre visuelle Wahrnehmung optimieren: Wenn der Spieler voraussehen kann, wo spielrelevante Merkmale auftreten werden, kann er seine Aufmerksamkeit "antizipativ" dahin richten. Diese vorausahnende Aufmerksamkeitsorientierung erhöht die Schnelligkeit und Genauigkeit der Informationsverarbeitung.


In ihrer Studie zur "Visuellen Aufmerksamkeitsfokussierung im Sehfeld" haben Caterina Pesce Anzeneder und Rainer Bösel vom Institut für Psychologie der FU Berlin nachgewiesen, dass Volleyballspieler auch außerhalb des Spielfelds schneller auf Reize reagieren als Nichtathleten. Die Forscher konnten im Laborversuch, bei dem die Reaktionszeit und die Hirnaktivität gemessen wurde, belegen, dass Volleyballer eine höhere aufmerksamkeitsbedingte Hirnaktivität aufweisen und schnellere Reaktionszeiten als Nichtathleten besitzen. Die Spieler haben einen ihnen eigenen Aufmerksamkeitsstil und können ihre Aufmerksamkeitsstrategien flexibler gestalten, die ihnen im Vergleich zu Nichtathleten Vorteile verschaffen. Volleyballspieler wechseln seltener die Blickrichtung, wenn sie Informationen verarbeiten müssen. Sie können den Blick auch auf Orte im Raum richten, die zwischen gleichzeitig auftretenden relevanten Informationen liegen. Das heißt, dass die Spieler zwar ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Punkte richten, dabei aber einen weiteren Aufmerksamkeitsfokus als Nichtathleten haben, in dem sie weitere Informationen aufnehmen können.

Nichtathleten fällt dies weitaus schwerer: Im Alltagsleben wird die visuelle Aufmerksamkeit durch Kopf und Augenbewegungen orientiert. Wenn wir beim Überkreuzen einer Straße die Ampel fokussieren, weil wir so die relevante Information (ob es grün oder rot ist) verarbeiten können, nehmen wir nicht wahr, was sich möglicherweise oberhalb der Fußgängerampel abspielt. Dafür müssten wir den Blick und den Kopf weiter nach oben richten. Ballsportler können unabhängig von der Blickrichtung ihre Aufmerksamkeit auch in andere Bereiche im Sehfeld richten. Die Nützlichkeit dieser Fähigkeit - die Aufmerksamkeit entkoppelt von der Blickrichtung "verdeckt" zu orientieren und fokussieren - ist beim Volleyball ganz offensichtlich: Wenn ein Spieler den Blick auf einen bestimmten Mitspieler oder Spielfeldbereich richtet, den Ball dann aber in eine andere Richtung spielt, kann er den Gegner täuschen und Punkte machen.

Neben der sportpraktischen Bedeutung wirken die Ergebnisse auch in der Grundlagenforschung weiter. "Durch solche Experimente können wir die kognitive Hirnfunktion besser verstehen, also wo die Flexibilität der Aufmerksamkeitsfunktion liegt, wie sie beansprucht wird und wie man sie trainieren kann. Das ist dann wiederum wichtig für bestimmte Krankheitsbilder, in denen diese Funktion fehlt oder schlecht entwickelt ist, um so mögliche Lösungsansätze zu schaffen", sagt Caterina Pesce Anzeneder.


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Caterina Pesce Anzeneder, University Institute of Motor Sciences, Piazza Lauro de Bosis 15, I-00194 Roma, Tel.: 0039 / 06 / 36095535 (dienstl.), 0039 / 0766 / 570053 (privat), E-Mail: pescec@gmx.de

Univ.-Prof. Dr. Rainer Bösel, Arbeitsbereich Biopsychologie/Kognitive Neuropsychologie der Freien Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin-Dahlem, Tel.: 030 / 838-55733

Ilka Seer | idw

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