Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Valentinstag ist keine Erfindung der Blumenhändler

08.02.2001


Chemnitzer Historiker entwirrt das Knäuel rund um den "Tag der Verliebten"

Rote Rosen, Chrysanthemen, Margeriten: Jedes Jahr am 14. Februar sprechen Blumengeschenke die Sprache der Verliebten. Auch Kartengrüße, herzförmige Kleinanzeigen und kleine Geschenke bewirken an diesem Tag einen spürbaren Konjunkturschub in einigen Bereichen der Wirtschaft. "Zu behaupten, dass der Valentinstag nur eine Erfindung der Blumenhändler sei, ist aber unfair", meint Prof. Dr. Gerhard Dohrn-van Rossum, der an der TU Chemnitz die Geschichte des Mittelalters lehrt. Als Heiligentag sei der Valentinstag sehr alt. "Die Blümchen und Herzchen in allen möglichen Formen entsprechen eher jüngeren englischen und amerikanischen Bräuchen, die sich nach dem Weltkrieg in Deutschland verbreiteten", erklärt der Historiker.

Die wahre Bedeutung solcher Tage sucht man heute in ihrer Geschichte: je älter desto besser und hilfreicher. Es gilt aber auch: Je weiter zurückgefragt wird, desto vielschichtiger werden die Antworten. "Festtraditionen verbinden sich, historische Figuren wachsen zusammen. Geschichtliche Vorgänge, Glauben und Aberglauben bilden ein kaum zu entwirrendes Knäuel", so Prof. Dohrn-van Rossum.

Der Chemnitzer Experte des Mittelalters bringt aber zugleich etwas Licht in die Sache: "Der Valentin des Valentintages ist ziemlich sicher der am Ende des dritten nachchristlichen Jahrhunderts unter dem Kaiser Claudius Goticus (268-270 n. Chr.) in Rom hingerichtete Bischof von Terni. In der Leidensgeschichte dieses Märtyrers wird berichtet, dass er nach Rom zu einer Krankenheilung gerufen worden sei und dort viele Bürger zum Christentum bekehrt habe. Nach seiner Enthauptung hätten ihn drei Bekehrte in der Nähe seiner Heimatstadt am 63. Meilenstein, also etwa beim Straßenkilometer 94 der nach Norden zur Adria führenden Via Flaminia bestattet. Schon im 4. Jahrhundert wurde er nicht nur in Terni, sondern auch in Rom als Märtyrer verehrt; jedenfalls habe Papst Julius I. dort eine Basilika zu Ehren eines Valentin errichtet. Sein Fest wurde am 14. Februar begangen, genau einen Tag vor dem Datum eines altrömischen Fruchtbarkeitsfestes, den Luperkalien. Solche Überformungen heidnischer Festdaten durch christliche Feiertage waren nicht selten und geschahen auch nicht zufällig."

Weil man ihn gern mit dem späteren Valentin von Rätien (Graubünden) verwechselte bzw. gar nicht unterscheiden wollte, wurde der römische Valentin im Mittelalter zum Helfer gegen die "fallenden Krankheiten" wie Epilepsie oder Ohnmacht. Aber sein Tag war im immer noch heidnisch geprägten Volksglauben auch einer der so genannten Lostage, denen zukunftsbestimmende Bedeutung im Guten wie im Schlechten zugeschrieben wurde. In vielerlei Form wurden Zufälle gerade dieses Tages - etwa der erste Bursche, den ein Mädchen am Morgen erblickt - zu Vorzeichen für spätere, glückliche Verbindungen. Daher heißt der Valentinstag auch "Vielliebchentag". Paare wurden auch durch beschriebene Zettelchen ausgelost. Weil man glaubte, dass sich an diesem Tage die wilden Vögel zu paaren beginnen, wurde Valentin in England und Frankreich zum Schutzpatron der Verliebten und Verlobten."

Die Sitte, kleine Geschenke, mit Herzen verzierte Kärtchen und Blumen zu schicken, ist nach dem Krieg aus England und Amerika, wo die Beziehungen der Geschlechter stärker durch bedeutsame Tagesdaten markiert werden, zu nach Deutschland gekommen. Dass sich die eher kleine Industriestadt Terni in Umbrien zur Welthauptstadt der Liebenden erklärt, dass die Blumenhändler überall bei solchen Gelegenheiten mit fertigen Gebinden werben, ist nur allzu verständlich. Im Markt der vorgefertigten Liebesgrüße haben ihnen die Großen des allgegenwärtigen E-Commerce längst den Rang abgelaufen. Man braucht den Computerbildschirm gar nicht zu verlassen, um elektronische Grußkarten und E-Geschenke in herzförmigen Verpackungen an den Empfänger zu bringen und abbuchen zu lassen. "Wer gerade keine Adressaten für Liebesgrüße hat oder für den 14. Februar noch einen Date mit einer Valentine oder einem Valentin sucht, der kann ja im Internet zu einer der zahlreichen Kontaktanzeigen surfen", empfiehlt der Chemnitzer Professor. Wer jedoch unbedingt zu www.valentinstag.de gelangen möchte, wird bitter enttäuscht, denn er landet dann auf der Homepage der I-D Media AG Berlin, ohne etwas über den Tag und seine Tradition zu erfahren.

Dipl.-Ing. Mario Steinebach | idw

Weitere Berichte zu: Blumenhändler Erfindung Mittelalter Valentinstag

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Nicht so stabil wie gedacht: UDE-Forscher testen gängiges Flammschutzmittel
10.01.2019 | Universität Duisburg-Essen

nachricht Wie Hirnregionen einander zuhören
02.01.2019 | Universität zu Lübeck

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultra ultrasound to transform new tech

World first experiments on sensor that may revolutionise everything from medical devices to unmanned vehicles

The new sensor - capable of detecting vibrations of living cells - may revolutionise everything from medical devices to unmanned vehicles.

Im Focus: Fliegende optische Katzen für die Quantenkommunikation

Gleichzeitig tot und lebendig? Max-Planck-Forscher realisieren im Labor Erwin Schrödingers paradoxes Gedankenexperiment mithilfe eines verschränkten Atom-Licht-Zustands.

Bereits 1935 formulierte Erwin Schrödinger die paradoxen Eigenschaften der Quantenphysik in einem Gedankenexperiment über eine Katze, die gleichzeitig tot und...

Im Focus: Flying Optical Cats for Quantum Communication

Dead and alive at the same time? Researchers at the Max Planck Institute of Quantum Optics have implemented Erwin Schrödinger’s paradoxical gedanken experiment employing an entangled atom-light state.

In 1935 Erwin Schrödinger formulated a thought experiment designed to capture the paradoxical nature of quantum physics. The crucial element of this gedanken...

Im Focus: Implantate aus Nanozellulose: Das Ohr aus dem 3-D-Drucker

Aus Holz gewonnene Nanocellulose verfügt über erstaunliche Materialeigenschaften. Empa-Forscher bestücken den biologisch abbaubaren Rohstoff nun mit zusätzlichen Fähigkeiten, um Implantate für Knorpelerkrankungen mittels 3-D-Druck fertigen zu können.

Alles beginnt mit einem Ohr. Empa-Forscher Michael Hausmann entfernt das Objekt in Form eines menschlichen Ohrs aus dem 3-D-Drucker und erklärt: «Nanocellulose...

Im Focus: Nanocellulose for novel implants: Ears from the 3D-printer

Cellulose obtained from wood has amazing material properties. Empa researchers are now equipping the biodegradable material with additional functionalities to produce implants for cartilage diseases using 3D printing.

It all starts with an ear. Empa researcher Michael Hausmann removes the object shaped like a human ear from the 3D printer and explains:

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Erstmalig in Nürnberg: Tagung „HR-Trends 2019“

17.01.2019 | Veranstaltungen

Wie Daten und Künstliche Intelligenz die Produktion optimieren

16.01.2019 | Veranstaltungen

Unsere digitale Gesellschaft im Jahr 2040

16.01.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Mit Blutgefäßen aus Stammzellen gegen Volkskrankheit Diabetes

17.01.2019 | Biowissenschaften Chemie

Radar des Fraunhofer FHR analysiert Deorbiting-Systeme für mehr Nachhaltigkeit in der Raumfahrt

17.01.2019 | Informationstechnologie

Einblicke in das Wachstum einer tropischen Koralle

17.01.2019 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics