Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Passauer Team erforscht Akzeptanz von Datenbrillen

02.10.2015

Mit technischen Systemen interagieren und dabei die Hände frei haben: Datenbrillen, z.B. Google Glass oder Epson Moverio, versprechen grundsätzlich großes Potential für Job und Lebensalltag. Mögliche Anwendungsbereiche reichen von der Kommunikation im Büro über den gezielten Informationsabruf in der Fertigungshalle bis hin zum mobilen Datenzugriff zuhause und unterwegs.

Dennoch reagieren viele potenzielle Nutzerinnen und Nutzer mit Ablehnung oder haben zumindest Bedenken. Warum das so ist, haben Passauer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersucht – und daraus Empfehlungen entwickelt, was Hersteller künftig beachten können, um eine größere Akzeptanz der Brillen zu erreichen.


Der Blick durch die Datenbrille: Für den Brillenträger eine praktische Sache, die Gesprächspartnerin findet das mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger angenehm.

Universität Passau

Die Untersuchung am Lehrstuhl für Informatik mit Schwerpunkt Eingebettete Systeme mit dem Titel „Don’t look at me that way! – Understanding User Attitudes Towards Data Glasses Usage“ präsentiert die Ergebnisse eines zweistufigen Ansatzes: Zum einen wurden in einer Fokusgruppe mit sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmern mögliche Einsatzszenarien identifiziert und hinsichtlich ihres Konfliktpotentials klassifiziert.

Zudem wurden in einer vertiefenden Benutzerstudie mit 38 Teilnehmern insgesamt 14 verschiedene Einsatzszenarien in 84 Variationen untersucht. Neben dem verwendeten Gerät wurde dabei auch die Perspektive, aus der die Szene gezeigt wurde, variiert.

Wird dieselbe Situation anders bewertet wenn sie aus der Perspektive des Benutzers (1. Person) bzw. aus der Perspektive eines Gegenübers (2. Person) betrachtet wird? „Wir sind dabei insbesondere auf die Unterschiede in der Wahrnehmung der Nutzung von Datenbrillen im Vergleich zu etablierten Geräten, beispielsweise Smartphones, eingegangen“, sagt Marion Koelle, die die Studie zusammen mit Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Matthias Kranz verfasst hat.

„Vereinfacht gesagt, haben wir eine Methode entwickelt, gesellschaftliche Akzeptanz szenario-bezogen quantitativ messbar zu machen. Gleichzeitig zeigen wir auf, welche Faktoren die Einstellung der Zielgruppe zur Nutzung von Datenbrillen beeinflussen können.“

Basierend auf den quantitativen und qualitativen Ergebnissen der Untersuchung leitet das Team Designempfehlungen ab, wie Hersteller und Anbieter die Entwicklung zukünftiger am Kopf getragener Geräte und deren Anwendungen verbessern können, damit sie von Anfang an besser angenommen werden. „Die gesellschaftliche Akzeptanz von Technologie ist grundlegende Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz technischer Systeme“, weiß Matthias Kranz.

„Die Einführung neuer Technologien ist oft verbunden mit einer breiten Skepsis. Ein bekanntes Beispiel ist der Walkman. Damals waren die Bedenken der Bevölkerung so weitreichend, dass der Begriff des ‚Walkman-Effekts‘ geprägt wurde. Die Einführung von Google Glass, der monokularen Datenbrille des Internetkonzerns Google, erfolgte in einer bis dahin ungekannten Geschwindigkeit und unter immenser öffentlicher Anteilnahme.

Genauso schnell wie die weltweite Einführung in besonderen Teilnahmeprogrammen erfolgte, so schnell wurde die Technologie wieder vom Markt genommen – mangels Reife und auch mangels sozialer Akzeptanz. Mit der Marktrücknahme von Google Glass am 15. Januar 2015 erfolgte der Kurswechsel sogar noch schneller als wir unsere Ergebnisse der Studie vom April 2014 publizieren konnten.

Es wurde für Träger von Datenbrillen sogar der Begriff des ‚Glassholes‘ (angelehnt an asshole, dt. Arschloch) geprägt. Mit unseren Arbeiten wollen wir dazu beitragen, dass neue Technologien ihre Potentiale zum Wohle der Gesellschaft entfalten können.“

Grundsätzlich beurteilen die meisten Nutzerinnen und Nutzer vertrautere Technologien, wie beispielsweise das Smartphone, positiver und wohlwollender als die unbekannte Technologie, so ein Schlüsselergebnis der Studie. Und: Frauen bewerteten Datenbrillen in 72 Prozent aller Szenarien signifikant negativer als die männlichen Teilnehmer. Im Gegensatz dazu konnten bei der Bewertung von Smartphones nur in 36 Prozent der Szenarios signifikante Unterschiede zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern festgestellt werden.

Auffallende Unterschiede stellte die Forschungsgruppe zwischen der Perspektive der Datenbrillennutzer in den Beispielszenarien und der Einschätzung der Szenarien aus Sicht einer weiteren Person ohne Datenbrille fest: Aus der Sicht der ersten Person (Datenbrillennutzer) wird dieselbe Situation positiver bewertet als aus der Sicht der zweiten Person (Beobachter/Gesprächspartner).

„Besonders zeigt sich, dass der Konflikt zwischen einer selbstbestimmten Technologienutzung und der Privatheit per se sehr kontrovers ist, was insbesondere auch für neuartige Technologien wie Datenbrillen gilt“, fasst Marion Koelle zusammen. Im Gegensatz zu vielen anderen Geräten hätten Datenbrillen keinen zwingenden Formfaktor der den Einsatzzweck kommuniziere. „Ein Beispiel für einen selbst kommunizierenden Einsatzzweck ist das Hochhalten des Smartphones für die Aufnahme eines Bildes: Die Kamera wird als sichtbare Aktion hochgehalten und zeigt auf das Objekt der Aktion – das ist für alle offen erkennbar“, erklärt Koelle weiter.

„Bei Datenbrillen ist der jeweilige Nutzungszweck nicht erkenntlich, beispielsweise ob dem Träger lediglich Daten angezeigt werden oder ob eine Aufnahme angefertigt wird.“ Die Kommunikation des Einsatzzwecks erlaube den beteiligten Personen, sich sicherer zu fühlen. Dann wiederum zeigten diese weniger Einwände gegenüber der Technologie. Diese Entwurfsempfehlung sollte bei künftigen Entwicklungen berücksichtigt werden, so die Passauer Forscher.

Durch die Nutzerstudie konnte gezeigt werden, dass die Kommunikation der Intention der Nutzung in mehreren Szenarien relevant für die Bewertung durch die Teilnehmer war. Für die Szenarien in Arbeitskontexten wurden keine signifikanten Unterschiede festgestellt. Dies legt den Schluss nahe, dass Datenbrillen im beruflichen Kontext bereits implizit als Werkzeug interpretiert werden. „Schlussendlich lässt sich für die Entwicklung zukünftiger Datenbrillen eine Konzentration auf klar abgegrenzte, aufgaben-orientierte Anwendungen und Anwendungsbereiche empfehlen“, fasst Matthias Kranz zusammen.

„Im Gegensatz zu Smartphones ist hier nicht das Eines-für-Alles-Gerät vielversprechend, sondern das dedizierte Gerät für eine bestimmte, klar umrissene Aufgabe. Ein bereits heute verfügbares Beispiel ist eine intelligente Skibrille, wie sie z.B. von der Firma Recon vertrieben wird: Dem Sportler werden unter anderem seine aktuelle Position und Geschwindigkeit angezeigt.“ Sein Team indes widmet sich bereits der Folgefrage und untersucht, wie Datenbrillenträger kommunizieren müssen, um möglichst hohe Akzeptanz zu erreichen – und nicht länger die „Glassholes vom Dienst“ zu sein.

Rückfragen zu dieser Pressemitteilung richten Sie bitte an Prof. Dr. Matthias Kranz, Tel. 0851/509-3082.

Weitere Informationen:

Weitere Informationen zur Untersuchung - http://www.eislab.net/dataglasses.html

Katrina Jordan | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Innovative Produkte:

nachricht Textilien 4.0: Smarte Kleidung und Wearables als Innovation
17.07.2018 | Eierund GmbH / HoseOnline.de

nachricht Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest
21.06.2018 | Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Innovative Produkte >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Superscharfe Bilder von der neuen Adaptiven Optik des VLT

Das Very Large Telescope (VLT) der ESO hat das erste Licht mit einem neuen Modus Adaptiver Optik erreicht, die als Lasertomografie bezeichnet wird – und hat in diesem Rahmen bemerkenswert scharfe Testbilder vom Planeten Neptun, von Sternhaufen und anderen Objekten aufgenommen. Das bahnbrechende MUSE-Instrument kann ab sofort im sogenannten Narrow-Field-Modus mit dem adaptiven Optikmodul GALACSI diese neue Technik nutzen, um Turbulenzen in verschiedenen Höhen in der Erdatmosphäre zu korrigieren. Damit ist jetzt möglich, Bilder vom Erdboden im sichtbaren Licht aufzunehmen, die schärfer sind als die des NASA/ESA Hubble-Weltraumteleskops. Die Kombination aus exquisiter Bildschärfe und den spektroskopischen Fähigkeiten von MUSE wird es den Astronomen ermöglichen, die Eigenschaften astronomischer Objekte viel detaillierter als bisher zu untersuchen.

Das MUSE-Instrument (kurz für Multi Unit Spectroscopic Explorer) am Very Large Telescope (VLT) der ESO arbeitet mit einer adaptiven Optikeinheit namens GALACSI. Dabei kommt auch die Laser Guide Stars Facility, kurz ...

Im Focus: Diamant – ein unverzichtbarer Werkstoff der Fusionstechnologie

Forscher am KIT entwickeln Fenstereinheiten mit Diamantscheiben für Fusionsreaktoren – Neue Scheibe mit Rekorddurchmesser von 180 Millimetern

Klimafreundliche und fast unbegrenzte Energie aus dem Fusionskraftwerk – für dieses Ziel kooperieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit. Bislang...

Im Focus: Wiener Forscher finden vollkommen neues Konzept zur Messung von Quantenverschränkung

Quantenphysiker/innen der ÖAW entwickelten eine neuartige Methode für den Nachweis von hochdimensional verschränkten Quantensystemen. Diese ermöglicht mehr Effizienz, Sicherheit und eine weitaus geringere Fehleranfälligkeit gegenüber bisher gängigen Mess-Methoden, wie die Forscher/innen nun im Fachmagazin „Nature Physics“ berichten.

Die Vision einer vollständig abhörsicheren Übertragung von Information rückt dank der Verschränkung von Quantenteilchen immer mehr in Reichweite. Wird eine...

Im Focus: Was passiert, wenn wir das Atomgitter eines Magneten plötzlich aufheizen?

„Wir haben jetzt ein klares Bild davon, wie das heiße Atomgitter und die kalten magnetischen Spins eines ferrimagnetischen Nichtleiters miteinander ins Gleichgewicht gelangen“, sagt Ilie Radu, Wissenschaftler am Max-Born-Institut in Berlin. Das internationale Forscherteam fand heraus, dass eine Energieübertragung sehr schnell stattfindet und zu einem neuartigen Zustand der Materie führt, in dem die Spins zwar heiß sind, aber noch nicht ihr gesamtes magnetisches Moment verringert haben. Dieser „Spinüberdruck“ wird durch wesentlich langsamere Prozesse abgebaut, die eine Abgabe von Drehimpuls an das Gitter ermöglichen. Die Forschungsergebnisse sind jetzt in "Science Advances" erschienen.

Magnete faszinieren die Menschheit bereits seit mehreren tausend Jahren und sind im Zeitalter der digitalen Datenspeicherung von großer praktischer Bedeutung....

Im Focus: Erste Beweise für Quelle extragalaktischer Teilchen

Zum ersten Mal ist es gelungen, die kosmische Herkunft höchstenergetischer Neutrinos zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe um IceCube-Wissenschaftlerin Elisa Resconi, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs SFB1258 an der Technischen Universität München (TUM), liefert ein wichtiges Indiz in der Beweiskette, dass die vom Neutrino-Teleskop IceCube am Südpol detektierten Teilchen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Galaxie in vier Milliarden Lichtjahren Entfernung stammen.

Um andere Ursprünge mit Gewissheit auszuschließen, untersuchte das Team um die Neutrino-Physikerin Elisa Resconi von der TU München und den Astronom und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Innovation – the name of the game

18.07.2018 | Veranstaltungen

Wie geht es unserer Ostsee? Ein aktueller Zustandsbericht

17.07.2018 | Veranstaltungen

Interdisziplinäre Konferenz: Diabetesforscher und Bioingenieure diskutieren Forschungskonzepte

13.07.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vernetzte Beleuchtung: Weg mit dem blinden Fleck

18.07.2018 | Energie und Elektrotechnik

BIAS erhält Bremens größten 3D-Drucker für metallische Luffahrtkomponenten

18.07.2018 | Verfahrenstechnologie

Verminderte Hirnleistung bei schwachem Herz

18.07.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics